Süddeutsche Zeitung

Olympia 2022 in Peking:Spiele der Heuchler

Die Olympia-Vergabe an Peking entlarvt all das schöne Gerede des IOC als Peinlichkeit. Ökologie und Menschenrechte werden leiden - wie schon im Sommer 2008.

Kommentar von Kai Strittmatter, Peking

Eine gute Nachricht gibt es: Es wird billiger diesmal. Peking will die Olympischen Winterspiele 2022 für weniger als vier Milliarden Dollar stemmen, ein Schnäppchen nach Russlands 51-Milliarden-Dollar-Exzess in Sotschi. Die schlechte Nachricht: Selten wurde ein Kostenvorteil so teuer erkauft. Selten war das olympische Pathos so verlogen.

Die Entscheidung für Peking 2022 schlägt, was die Heuchelei angeht, noch einmal die für Sotschi 2014. Denn in Peking hat die Kommunistische Partei 2008 bereits vorgeführt, dass sie perfekte Propaganda-Spiele auf die Beine zu stellen versteht, dass sie sich aber um ihre Versprechen von mehr Offenheit und Menschenrechten nicht schert. China ist heute ein repressiveres und verschlosseneres Land als 2008, tatsächlich herrscht im Land ein solches Klima der Einschüchterung wie in den bleiernen Jahren nach Tiananmen-Massaker von 1989 nicht mehr.

Die Gegend um Peking ist eine der trockensten der Erde

Aus Angst um den Ruf von Olympia gab sich das IOC nach dem PR-Desaster von Sotschi eine "Agenda 2020". Ganz oben in dieser Agenda stehen die Werte "Nachhaltigkeit" und "Schutz der Menschenwürde". Beides liest sich nun wie ein Witz.

Stichwort Nachhaltigkeit. Über Sotschi machten sich viele lustig, weil das Winterspiele in den Subtropen waren. Peking 2022 - das werden Winterspiele in der Wüste. "Ökologische" Spiele hat China in seiner Bewerbung versprochen, die Wahrheit ist: Die Gegend um Peking ist eine der trockensten der Erde, es herrscht katastrophale Wasserknappheit. In Peking liegt mehr Smog als Schnee in der Luft, Bürgermeister Wang Anshun selbst nannte deshalb seine Stadt "unbewohnbar". Im Ort Chongli, wo viele der Wettkämpfe stattfinden, fallen im Dezember und Januar nur zweieinhalb Millimeter Niederschlag.

Stichwort Menschenwürde. Es sei klar, verkündete IOC-Präsident Jacques Rogge 2008, dass die Spiele "viel dazu beitragen werden, die Lage der Menschenrechte in China zu verbessern". Das Gegenteil geschah. Chinas Hardliner benutzten die Spiele als Argument, um den Sicherheitsapparat aufzublasen, im Gefolge der Spiele überstieg das Budget für innere Sicherheit erstmals das für die Landesverteidigung.

In China verbrennen sich Tibeter

Heute verbrennen sich in China Tibeter, dem Internet wird noch das letzte Quäntchen freier Geist ausgetrieben, und die Zivilgesellschaft wird systematisch ausgerottet. KP-Chef Xi Jinping agiert noch repressiver als seine Vorgänger, in den vergangenen drei Wochen haben die Behörden mehr als 250 Bürgerrechtsanwälte und ihre Mitstreiter verhört, verschleppt und verhaftet.

Dass die Behörden dem Künstler und Regierungskritiker Ai Weiwei soeben seinen Reisepass wiedergaben, ist Teil des zynischen Spiels, eine billige PR-Aktion Pekings wenige Tage vor der Entscheidung des IOC. Andere sitzen weiter im Gefängnis: Die Journalistin Gao Yu, der uigurische Bürgerrechtler Ilham Tohti, der Autor Liu Xiaobo, dem 2010 der Friedensnobelpreis zuerkannt wurde.

Der Verlierer ist die Olympische Bewegung

Tatsächlich ist China das erste Land, das die Olympischen Spiele zuerkannt bekommt, während es einen Friedensnobelpreisträger hinter Gittern sitzen hat. Liu Xiaobo hatte seine Freiheit übrigens am 9. Dezember 2008 verloren - keine vier Monate nach der Abschlussfeier der Sommerspiele in Peking. Die KP wird nun für ihre Chuzpe belohnt. Und alle Diktatoren der Welt dürfen sich in ihrem Verdacht bestätigt fühlen, dass alles hehre Gerede von Menschenwürde und Bürgerrecht bloß scheinheiliges Geschwätz ist.

Der Gewinner der Abstimmung vom Freitag ist Peking; der Verlierer ist die olympische Bewegung.

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SZ vom 01.08.2015/fued
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