Süddeutsche Zeitung

Neue Regeln beim Tennis:Beim Seitenwechsel schnell ein Interview geben

  • Der Tennissport verändert sich: Bei den Frauen wird bald das Coaching erlaubt.
  • Zudem sollen die Spielerinnen Fragen von Reportern beantworten - während der Partie.
  • Zu den Ergebnissen aus dem Tennis geht es hier.

Von Jürgen Schmieder, New York

Normalerweise verraten Sportler nicht besonders gerne, worüber sie mit ihren Kollegen in der Umkleidekabine so sprechen. In diesem Fall jedoch war etwas Unerhörtes passiert - also gaben sogar Novak Djokovic, Caroline Wozniacki und Serena Williams an, dass dieser Vorfall ein bedeutendes Gesprächsthema in den Katakomben im Arthur-Ashe-Stadion gewesen sei. "Die meisten Spieler sprechen darüber", sagte Djokovic: "Ich bin gespannt, wie das weitergeht. Wer weiß, wie die Zukunft aussehen wird?"

Es ging um zwei Fragen, die die TV- Reporterin Pam Shriver - in den 1980ern selbst eine Top-Ten-Spielerin - am Montag der Amerikanerin Coco Vandeweghe gestellt hatte. Die erste: "Womit waren Sie im ersten Satz am meisten zufrieden?" Und die zweite: "Was müssen Sie machen, um auch den zweiten Satz zu gewinnen?" Ja, tatsächlich: Shriver spazierte, nachdem Vandeweghe den ersten Durchgang gegen Sloane Stephens gewonnen hatte, kurz mal auf den Platz, setzte sich neben die junge Landsfrau und führte ein kurzes Interview. Dann ging die Erstrunden-Partie der beiden Frauen weiter bei den US Open.

"Vielleicht ist das die Zukunft des Sports", sagte Serena Williams: "Aber ich bin ein Mädchen der alten Schule, hoffentlich werden diese Interviews keine Pflicht. Aber interessant ist es allemal." Ihr Sport verändert sich gerade, und Pflicht ist dabei ein bedeutendes Wort - nicht nur wegen der Interviews, von denen der Fernsehsender ESPN aufgrund der positiven Aufregung Fortsetzungen angekündigt hat.

Die gewaltigste Neuerung wird erst in den Wochen nach den US Open zu bestaunen sein, bei den Frauenturnieren in Asien: In Wuhan, Hongkong, Singapur und Zhuhai wird das Coaching erlaubt sein, während der Spiele wohlgemerkt. "Das wird nicht nur die Leistung der Spielerinnen verbessern, sondern auch beeinflussen, wie die Zuschauer diesen Sport betrachten werden", sagt die Chefin der Frauen-Tour WTA, Stacey Allaster. Ein Mal pro Satz darf jede Spielerin ihren Trainer zu sich rufen und Hinweise erhalten. Allerdings erfahren auch die Zuschauer von diesen Ratschlägen: Der Trainer darf nur dann auf den Platz, wenn er sich verkabeln lässt und sich dazu bereit erklärt, dass seine Worte live übertragen werden.

In der Basketball-Profiliga NBA gibt es bereits ein ähnliches Prozedere: Die Trainer müssen während der Viertelpausen zwei schnelle Fragen beantworten, und bei Besprechungen zwängt sich stets ein Kameramann zwischen die Spieler - der Zuschauer soll mittendrin sein und einen Einblick in die Gedanken des Coaches bekommen. Beim Frauentennis dagegen geht es nicht nur um Unterhaltung, es geht auch ganz konkret ums Geld.

Die WTA kooperiert seit zwei Jahren mit dem Software-Unternehmen SAP, das übrigens auch die deutsche Fußball-Nationalmannschaft mit Daten versorgt. Tennis ist, anders als etwa Fußball, als Serie abgeschlossener Einzelpunkte strukturiert, was eine statistische Erfassung zunächst einmal erleichtert. Bei der Zweitrunden-Partie zwischen Serena Williams und Kiki Bertens am Mittwoch (7:6, 6:3) zum Beispiel gab es insgesamt 164 Punkte. Williams gelangen sieben Asse, sie legte 3,41 Kilometer zurück, ihr unterliefen 34 leichte Fehler. Das sind die Statistiken, die jeder Fan kennt, die für einen Datensammler aber irgendwo zwischen Steinzeit und Mittelalter einzuordnen sind.

Wenn Boris Becker mit dem iPad auf den Platz schlendert

Beim Turnier in Stanford vor wenigen Wochen stellten WTA und SAP nun die nächste Evolutionsstufe statischster Analyse von Tennisspielen vor: Partien lassen sich nun noch viel detaillierter aufdröseln, über die Hawkeye-Technologie - bekannt durch den Einsatz bei strittigen Bällen - lässt sich jeder Quadratzentimeter des Spielfeldes erfassen. Die Technologie kann unzählige Details aufzeichnen, in einer Datenbank speichern und plastisch darstellen. Das ist es, was Djokovic meint, wenn er sagt, dass er gelernt habe, "einen Ballwechsel behutsam zu bauen".

Eine Partie mit 164 Punkten liefert jetzt nicht mehr 164 Werte. Sondern etwa 60 000. Jeder einzelne Schlag und jeder kurze Laufweg wird analysiert. Also: Wo genau trifft Djokovic den Ball, wenn er einen zweiten Aufschlag von Federer auf der linken Seite retourniert? Wie reagiert er, wenn der Ball mit einer Geschwindigkeit von 120 Kilometern pro Stunde cross auf seine Rückhandseite gespielt wird und der Gegner ans Netz rückt? Wann exakt streut er einen Stoppball ein? Es lassen sich mit Hilfe der Datenbank auch personalisierte Bewegungsmuster ermitteln, etwa: Wie muss ein Stoppball mindestens gespielt werden, damit ihn Roger Federer nicht erwischen kann?

Manche Entscheidungen eines Spielers mögen willkürlich wirken, über die Software lassen sich jedoch Raster erkennen - in Echtzeit. Aus diesem Grund wurde das Coaching im Frauentennis eingeführt: SAP möchte seine Software der Öffentlichkeit präsentieren, doch das funktioniert nicht im stillen Kämmerchen. Der Zuschauer muss es miterleben. "Es geht nicht nur um Vorhand und Rückhand beim Tennis, wir sind ein Teil der Sport-Unterhaltungsindustrie", sagt WTA-Chefin Allaster. Bedeutet übersetzt: Wenn ein Sponsor Änderungen möchte, dann bekommt er die auch. Vor allem, wenn die sich prächtig vermarkten lassen und womöglich für einen höher dotierten Fernsehvertrag sorgen.

Einige Spielerinnen sind angetan von den technologischen Möglichkeiten. "Natürlich habe ich meinem Trainer auch vorher vertraut, doch die Daten liefern einen eindeutigen Beweis, dass es richtig ist, was er mir zu vermitteln versucht", sagt Angelique Kerber, die in Stanford bereits mit den Daten gearbeitet hat. Christopher Kas, der Trainer von Sabine Lisicki, sagt: "Das verändert das Coaching grundlegend."

In diesem Herbst darf ein Trainer also mit Live-Daten-iPad auf den Platz laufen und seiner Spielerin helfen, im kommenden Jahr sollen noch mehr Veranstaltungen hinzu kommen. Bei den Männern gibt es dafür noch keine Pläne - doch man stelle sich nur diese Dramaturgie vor: Beim Spiel zwischen Roger Federer und Novak Djokovic eilt gegen Ende des vierten Satzes Stefan Edberg auf den Platz und berät sich mit Federer. Eine Spielpause später begibt sich Boris Becker zu Djokovic und versucht, den ewigen Rivalen Edberg nun auch als Trainer zu besiegen. In der Pause vor dem fünften Satz muss der Unterlegene erklären, was da nicht geklappt und was er nun besser machen will.

Verpflichtende Interviews und Trainer mit iPad auf dem Platz: Die zwei harmlosen Fragen von Pam Shriver waren nur ein Vorgeplänkel auf das ganz große Drama, das dem Tennis bevorsteht.

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Quelle:
SZ vom 04.09.2015
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