Süddeutsche Zeitung

DFB-Elf:Der Konkurrenzkampf muss warten

  • Bundestrainer Joachim Löw stehen beim Spiel gegen Argentinien insgesamt 13 Spieler nicht zur Verfügung.
  • Löw wollte das Spiel nutzen, um den Konkurrenzkampf zu beleben. Das gelingt nun nicht.
  • Immerhin scheint sich die Torhüterdebatte befriedet zu haben.

So viele Absagen vor einer Länderspielrunde, sagte am Tag vor dem Testspiel gegen Argentinien der Bundestrainer, habe es "selten oder auch nie gegeben", aber in gewisser Weise ist natürlich alles schon mal dagewesen. Rudi Völler zum Beispiel könnte davon berichten, wie er im WM-Jahr 2002 auf knapp ein Dutzend angeschlagene Spieler verzichten musste - und wie sein Team dann mit Thomas Brdaric im Angriff und Frank Rost im Tor 4:2 gegen die USA gewann. Und Völlers Vorgänger Erich Ribbeck erlebte beim Testspiel gegen die Schweiz zwei Jahre zuvor außer auffallend vielen Abwesenheiten sogar eine konzertierte Fahnenflucht im Dienst, als sich während der ersten Halbzeit mehrere Spieler mit Verletzungen auswechseln ließen, die nicht mal der große Druide Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt zu diagnostizieren wusste.

Die seltsam akute Epidemie von "Muskelproblemen" durfte als Akt des passiven Widerstands interpretiert werden: Als Teil des Versuchs, den Bundestrainer Ribbeck vor der EM 2000 doch noch zum Rückzug zu bewegen. Nicht zuletzt Uli Hoeneß hatte sich in der Oppositionsbewegung engagiert - bekanntlich vergebens.

Mit Äußerungen des Münchner Spitzenfunktionärs Hoeneß zu den Geschehnissen bei der Nationalmannschaft sah sich auch Jogi Löw zuletzt konfrontiert. Der FC-Bayern-Präsident hatte versprochen, den Leuten vom DFB "Feuer" zu machen ("das können wir!"), weil sie angeblich nicht hinreichend pfleglich mit Manuel Neuer umgingen. Aber der solcherart bedrohte Bundestrainer sah nicht so aus, als fürchte er das flammende Schwert des Uli H., als er jetzt vor dem Ländermatch in Dortmund die Lage schilderte. Es sei ihm "vollkommen egal, was da aus München kommt", hat Löw gesagt, und er sprach diesen Satz nicht so aus, als wollte er damit einen kraftvollen Gegenschlag landen. Auch wenn er nun gegen Argentinien Marc-André ter Stegen ins Tor schickt und Manuel Neuer auf die Bank ist das nicht als Provokation zu verstehen, sondern exakt im Sinne seiner Worte: Weil ihm das Thema offenbar wirklich egal ist.

Es gebe mit Manuel Neuer "keine Diskussion" und "keinen Streit", versichert Marc-André ter Stegen

Löw vermag keinen Großkonflikt auf der Torwartposition zu erkennen, das Binnenverhältnis zwischen der Nummer 1 Manuel Neuer und der Nummer 1B Marc-André ter Stegen bereitet ihm keine Sorgen. Die Torwart-Abteilung in seinem Team - "das ist für mich das allerkleinste Problem", versicherte er. So klein, dass der Coach meint, in dieser Frage sei schlechthin gar kein Eingreifen erforderlich - "es ist die kleinste, nein: es ist überhaupt keine Baustelle!", rief Löw energisch in den Saal. Ein paar Minuten vorher hatte ter Stegen am gleichen Ort die mehr oder weniger gleiche Botschaft vorgebracht. Es gebe zwischen ihm und Neuer "keine Diskussion, keinen Streit und keinen Moment, wo man sagen muss, wir müssten unbedingt miteinander sprechen".

Die ungewöhnlichen Umstände dieses Testlaufs bringen es mit sich, dass just die Torwartposition nahezu der einzige Posten ist, der sich für den klassischen Konkurrenzkampf im Team überhaupt eignen könnte. Die planmäßig angereisten Torhüter ter Stegen, Neuer und Bernd Leno sind bei bester Gesundheit - der Rest der Mannschaft hingegen stellt sich quasi von selbst auf. Zehn Spieler haben aus Verletzungsgründen den Weg nach Dortmund erst gar nicht angetreten, mindestens drei weitere werden lediglich als Zuschauer anwesend sein, in der Hoffnung, am Sonntag beim EM-Qualifikationsspiel in Estland dabei zu sein. Mit säuerlicher Miene zählte Löw auf: Jonathan Tah und Timo Werner haben eine Erkältung, Ilkay Gündogan hat "eine leichte muskuläre Verletzung", Marco Reus eine Reizung im Knie.

Anders als in der späten Ribbeck-Ära beruhen die vielen Absagen nicht darauf, dass die Spieler Abstand vom Bundestrainer suchen, so viel ist sicher, aber für Löw ist das ein schwacher Trost. Dieses Länderspieljahr steht für ihn unter keinem besseren Stern als das vorige. Nach der missratenen WM in Russland ist Löw angetreten, ein neues turniertaugliches Team aufzubauen, aber die Gelegenheiten, an diesem Projekt zu arbeiten, haben Seltenheitswert: Im ersten Halbjahr 2019 beschränkte sich die Begegnung auf einen einzelnen Termin im März, im Juni musste Löw wegen eines Unfalls im Fitness-Studio selbst fernbleiben, im Herbst störte die herbe Niederlage gegen die Niederlande den Betrieb, nun steht ihm keine komplette Mannschaft zur Verfügung.

"Wir haben wahnsinnig wenig Zeit, um an unseren Ideen zu arbeiten", klagte Löw. Die Begegnung mit Argentinien hatte er für hochwertige Experimente vorgesehen, Pflichtspiele wie in Estland oder im November gegen Weißrussland eignen sich dafür allenfalls bedingt. "So habe ich es nicht erwünscht", stellte Löw indigniert fest und richtete einen Appell an die Fußball-Funktionäre in aller Welt, bei der Planung neuer Wettbewerbe an die Hauptdarsteller zu denken: "Die Spieler sind absolut am Limit angelangt."

Für die Besetzung des Argentinien-Spiels sind dem DFB-Intendanten Lösungen eingefallen, auf die sicher nicht jeder gekommen wäre, inklusive der Betroffenen: Auf sein Comeback im Nationalteam hatte Sebastian Rudy zuletzt wohl selbst kaum zu hoffen gewagt, aber für Löw ist der Hoffenheimer Mittelfeldspieler ein immer gern gesehener Gast. "Er hat Spielrhythmus und kennt den Betrieb", erklärte der Bundestrainer. Auch Schalkes Suat Serdar und Freiburgs Robin Koch profitieren vom Notstand, sie dürfen erwarten, bei ihrer ersten Visite gleich zum ersten Einsatz zu kommen, zumindest aushilfsweise. Verteidiger Niklas Stark (Hertha BSC) und Angreifer Luca Waldschmidt (SC Freiburg) hat Löw die Beförderung in die Startelf bereits zugesagt - falls sie es nicht doch noch schaffen, sich bei Tah oder Werner anzustecken.

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Quelle:
SZ vom 09.10.2019/schm
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