Süddeutsche Zeitung

DFB-Elf im Spiel gegen Österreich:Rennen gegen die Zeit

Vor dem Spiel gegen Österreich beschwört Bundestrainer Julian Nagelsmann seine Spieler, die Öffentlichkeit bis EM-Beginn für sich zu gewinnen - am besten mit Toren.

Von Felix Haselsteiner, Wien

Die Straßen Wiens sind schon seit Monaten zutapeziert mit einem eher unfreiwilligen Hinweis auf den Dienstagabend. "Deutschland - Österreich, 1970-1920", so lautet der Titel einer fabelhaften Ausstellung in der Albertina Modern, dem jungen Schwestermuseum der altehrwürdigen Albertina am Opernring im ersten Bezirk. Und weil in Wien der Fußball auch als Kulturgut zählt, haben die Plakate noch eine zweite Bedeutung: Österreich - Deutschland, 20.45-22.15 Uhr, live und in Farbe. Nachspielzeit optional. Und nicht zu vernachlässigen.

Jede Spielminute nämlich zählt derzeit im deutschen Fußball, der sich in einer Art Rennen gegen die Zeit wiederfindet, die Ziellinie ist der 14. Juni 2024, 21 Uhr, das Auftaktspiel der Europameisterschaft. Elf deutsche Fußballspieler will Bundestrainer Julian Nagelsmann bis dahin finden, die diese Heim-EM erfolgreich gestalten sollen. Doch bei all den komplexen Fragen, die sich um dieses fußballerische Problem herum bilden, die von Kai Havertz als untypischen Linksverteidiger handeln, von Joshua Kimmich im Mittelfeld und von Begriffen wie Asymmetrie, Abkippen und Kettenbildung, kann man beinahe vergessen: Es geht in diesem Rennen auch darum, eine Öffentlichkeit für sich zu gewinnen, die laut Nagelsmann "spätestens am 14. Juni sehr positiv über uns denken" sollte.

Um das zu schaffen, hatte Nagelsmann es nach der 2:3-Niederlage gegen die Türkei mit Ehrlichkeit an der Taktiktafel vor dem inneren Auge versucht. Ausgerechnet beim Boulevard-Sender RTL hagelte es komplexe Sätze zur Verteidigung der Verteidigung, die - kurz zusammengefasst - die Sache nicht so schlecht gemacht hatte, wie manch Kritiker meinte. Überhaupt galt das für die gesamte Mannschaft, die in Berlin verloren hatte - diese Linie führte er auch am Montagnachmittag in Wien fort.

Wenn man sich allen Fragen stellt, verliert man das Rennen gegen die Zeit, sagt Nagelsmann

Nur einen Artikel habe Nagelsmann ("Gott sei Dank") gelesen, der sich offenbar mit der Causa des neuen Linksverteidigers Kai Havertz befasste, der kein solcher sei, sich aber als Fallbeispiel eignet: "Kai hat keinen klassischen Linksverteidiger gespielt", sagte der Bundestrainer. Kai habe auch "keinen Zweikampf verloren" und hervorragende Statistiken geliefert, Kritik sei daher unverständlich und auch wenn die Aufstellung eines Linksverteidigers eigentlich nur ein kleines Thema sein sollte, wirkte Nagelsmann inzwischen pikiert: "Er wurde sogar dafür kritisiert, dass er als Linksverteidiger ein Tor geschossen hat", sagte er und wagte einen Ausflug in die Bundesliga: "Auch ein Grimaldo (Bayer Leverkusens Linksverteidiger, d. Red.) darf also keinen Linksverteidiger mehr spielen, der hat schon sechs."

Man konnte anhand dieser Szenen im Presseraum des Ernst-Happel-Stadions beobachten, dass dieses Bundestrainer-Amt schon eine besondere Herausforderung ist. Den Diskurs führt Nagelsmann nämlich seit Neuestem nicht mehr mit der Anhängerschaft eines Vereins, sondern mit einer sogenannten Öffentlichkeit, die - das kommt erschwerend hinzu - auch noch begeistert werden möchte, bis zum 14. Juni 2024. Dafür präsentiert sie sich aber sehr diffus und kritisch und sitzt dem Bundestrainer in Form von Reportern gegenüber, die dann lauter provozierende Zwischenfragen stellen, zu neuen Linksverteidigern und alten Defensivbeschwerden. Und wenn man sich mit jeder dieser Zwischenfragen zu lange aufhält, vergehen zu viele Minuten im Wettrennen gegen die Zeit.

"Vom In-Schutt-und-Asche-legen wird kein Mensch auf der Erde besser"

Es gilt also, einen Spagat zu schaffen. Nagelsmann beschrieb ihn auf der Pressekonferenz, auf der er sagte, man müsse "die Öffentlichkeit ausblenden" - halt, wollte man sie nicht gerade noch überzeugen?"Ich meinte, man muss die Berichterstattung ausblenden", korrigierte Nagelsmann später und referierte dann von seinem Ansatz, um das deutsche Fußballpublikum bis Juni noch für sich und seine Mannschaft zu gewinnen: "Ich will die Öffentlichkeit mitnehmen mit meiner Analyse und versuchen, ein reales Abbild zu geben, wie meine Meinung ist", sagte Nagelsmann: "Ich sage aber auch, es bringt nichts, alles negativ zu sehen. Vom In-Schutt-und-Asche-legen wird kein Mensch auf der Erde besser."

Denselben Weg, den Nagelsmann nun in der kleinen Kommunikationsschule mit der eigenen Nation geht, ist vor ihm auch schon Ralf Rangnick gegangen, der in Österreich in eineinhalb Jahren vom Vereinstrainer zum Landesfußballvater wurde. Nagelsmann erkennt durchaus Parallelen: "Ralf und ich sind beide Trainer, die manchmal einen Tick zu ehrlich sind mit der Analyse." Der Trainer Rangnick allerdings, das sei noch vermerkt, verzichtete in Österreich auf jegliche Taktiktafeln, reale und solche vor dem inneren Auge.

Eine begrüßenswerte Eigenschaft ist die Ehrlichkeit ja - nur, als Bundestrainer kann sie sehr gefährlich sein. Sport und Kultur liegen in Wahrheit nicht nur in Wien näher beieinander als man denken könnte. Mit dem Fußball ist es ein bisschen wie mit Ausstellungen in der Albertina: Auch wenn die Künstler und Trainer ihre Darbietungen noch so schön erklären und die fachkundigen Rezipienten ihre schlauen Meinungen abgeben - ob ein Werk gelungen ist, darüber entscheidet am Ende die Öffentlichkeit.

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