Süddeutsche Zeitung

Nachwuchshoffnung Marc Stendera:Mini-Götze aus Frankfurt

Lesezeit: 3 min

Kurze Wackler, gestreichelte Bälle, nur 1,71 Meter groß: Marc Stendera verknotet bei der U19-EM reihenweise europäischen Nachwuchskickern die Beine. Auch bei Eintracht Frankfurt haben sie große Pläne mit dem 18-jährigen Mittelfeld-Talent.

Von Jonas Beckenkamp

Jetzt ist also auch Nelson Valdez wieder in der Bundesliga. Manche werden sich erinnern: Der paraguayische Wuschelkopf war bei Werder Bremen und Borussia Dortmund vor einigen Jahren meistens derjenige, der besonders viel rannte und leider auch besonders selten ins Tor traf. Aber das machte nichts. "Haedo" Valdez mochten trotzdem immer alle. Vor allem Thomas Schaaf kam bei Werder bestens mit ihm aus. Er holte den jungen Südamerikaner damals von den Amateuren zu den Profis - jetzt trifft man sich erneut in Frankfurt.

"Er ist ein Trainer, der mich schon kennt und immer das Beste aus mir herausgeholt hat. Der Kontakt ist immer geblieben", sagte Valdez gleich nach seiner Ankunft aus Piräus. Bis vor kurzem herrschte bei der Eintracht noch ein ziemliches Kader-Kuddelmuddel, jetzt nimmt die Mannschaft Form an. Neben Valdez stießen der Japaner Makoto Hasebe, der Brasilianer Lucas Piazon, der Serbe Aleksandar Ignjovski, der Amerikaner Timothy Chandler dazu - und wenn man es genau nimmt, bekommen die Hessen auch noch den 18-jährigen Deutschen Marc Stendera ins Team gespült.

"Er ist fast ein Zugang, das stimmt", sagt Sportdirektor Bruno Hübner im Gespräch mit der SZ, "zumal unser neuer Trainer ihn ja noch nicht so intensiv kennen gelernt hat." Schaaf und der junge Hochbegabte, diese Partnerschaft sollte im Idealfall ähnlich verlaufen wie die Ziehvater-Geschichte zwischen Schaaf und Valdez in Bremen. Lange vor Schaafs Ankunft im Riederwald hatte Stendera nach einem Kreuzbandriss im Juli 2013 pausieren müssen. Eine quälend lange Zeit, ehe er zum Ende der vergangenen Saison zumindest wieder ein paar Minuten mitspielen konnte.

Vor seiner Verletzung hatte die Liga gerade die Ohren gespitzt und sich diesn kleinen Wuselmann näher angesehen. Bei seinem Debüt gegen die Bayern zählten die Statistiker schon ganz genau nach: Zu diesem Zeitpunkt war Stendera 17 Jahre, drei Monate und 27 Tage alt. In der Liste der jüngsten Bundesliga-Profis langte das immerhin für Platz fünf, zum Autofahren hätte es nicht gereicht.

"Eigentlich wollten wir ihn schon früher zu den Profis holen", meint Hübner, "aber er sollte erst die Schule zu Ende machen, was auch sinnvoll war. Dann haben wir ihn entsprechend der Verfügbarkeit dazu geholt, mit einem Vertrag versehen und jetzt frühzeitig wieder verlängert, weil wir in ihm ein sehr großes Talent sehen." In Frankfurt gab es zuletzt einige fußballerische Versprechen, die sich als gestandene Bundesliga-Akteure etablieren konnten: Sebastian Jung und Sebastian Rode wurden sogar so gut, dass ihnen die Eintracht zu klein erschien - Jung zog es nach Wolfsburg auf die europäische Bühne, Rode ins Pep-Land nach München.

Frankfurt macht es anders als der Rest

Mit Stendera steht nun der nächste Junioren-Nationalspieler bereit, der es in die erste Elf schaffen könnte. In der U19 des DFB ist ihm das schon gelungen, dort wirbelt er in diesen Tagen reihenweise europäische Nachwuchsbeine durcheinander. Zuletzt lernten die jungen Ukrainer und Österreicher bei der EM in Ungarn den gebürtigen Kasseler kennen. Stendera spielte kluge Pässe, zeigte gehobene technische Fertigkeiten und erzielte im Halbfinale sogar ein wuchtiges Tor von der Strafraumgrenze.

"Seine Stärke ist sicher seine Spielintelligenz. Aber er schlägt auch gute Standards und ahnt Situationen voraus", sagt Hübner, der nur einen Kritikpunkt hat: "Manchmal möchte er es zu perfekt machen, aber das wird er in der Bundesliga schnell abstellen." Viele dieser Attribute klingen nach Mario Götze - ein Vergleich, der immer wieder fällt. Stendera ist mit 1,71 Meter Körpergröße noch ein gutes Stück kleiner als der bekannteste Export aus den deutschen Jungendteams der vergangenen Jahre, aber der Bewegungsablauf offenbart durchaus Parallelen: die kurzen Wackler, die gestreichelten Bälle, der "Touch" - so wie Götze können das nur wenige.

Dass die deutsche U19 am Donnerstag im EM-Finale gegen Portugal (19 Uhr, SZ-Liveticker) um den Titel spielt, dürfte die Popularität des Mini-Götzes aus Frankfurt nur noch erhöhen - denn spätestens jetzt schauen auch die Scouts von Klubs mit den stattlichen Festgeldkonten genau hin. Die sportliche Leitung der Eintracht sieht darin aber genauso wenig ein Problem wie in der körperlichen Belastung durch den Wettkampfstress. Solange Stendera spielt und Fortschritte macht, ist alles bestens.

Anders als in Schalke oder Stuttgart, wo sie Spieler wie Max Meyer, Leon Goretzka oder Timo Werner bewusst von den DFB-Strapazen fernhielten, bauen die Frankfurter auf den Lerneffekt durch Nachwuchsländerspiele. "Uns war wichtig, dass er Spielpraxis und Selbstvertrauen bekommt. Hierfür hat sich die U19-Europameisterschaft angeboten und diese Plattform hat er für sich genutzt. Selbstverständlich stellen wir einen Jungen wie ihn für die EM ab, da kann er sich weiter entwickeln, der Zeitpunkt war genial", erklärt Sportchef Hübner. Stählerne Muskeln und eine Portion stolze Siegergene kann sich einer wie Stendera beim Nationalteam zu Genüge holen, so der Plan, der bisher aufzugehen scheint.

Sollten die deutschen Junioren auch noch Europameister werden, käme die neue Zukunftshoffnung der Eintracht ohnehin prächtig eingestellt zurück an den Main. Im Mittelfeld würde sich neben Stefan Aigner, Martin Lanig, Hasebe, Marco Russ und dem Neuen Piazon sicher ein Plätzchen finden. Und vorne könnte Nelson Valdez auf hübsche Zuspiele warten.

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