Süddeutsche Zeitung

Marathon:Schwere Zeiten für Leichtgewichte

Der 40. London-Marathon findet unter ungewöhnlichen Vorzeichen statt - das Duell zwischen Eliud Kipchoge und Kenenisa Bekele fällt kurzfristig aus.

Von Johannes Knuth

Corona ändert ja bekanntlich alles, und so ließen sich auch die Organisatoren des Londoner Marathons zuletzt etwas Besonderes einfallen. Weil der Flugverkehr noch immer lahmt, orderten sie einen Business-Jet, um die besten afrikanischen Läufer in die britische Hauptstadt zu fliegen. Die Maschine hob am vergangenen Sonntag in Eldoret ab, an Bord unter anderem die Weltrekordhalter Brigid Kosgei und Eliud Kipchoge aus Kenia. Nächster Halt war Addis Abeba, wo die Maschine die äthiopischen Starter einsammelte, darunter Kenenisa Bekele, Kipchoges großer Widersacher in London. Eine Pandemie, in der alle Abstand halten, schweißt manchmal eben doch zusammen, sogar zwei heftig rivalisierende Laufnationen.

Viele der großen, traditionsreichen Stadtläufe sind in diesem Jahr der Pandemie bereits zum Opfer gefallen, in Boston, Berlin, New York, Chicago. Die Londoner aber holen ihren Marathon, der üblicherweise im Frühjahr steigt, an diesem Sonntag tatsächlich nach, auch wenn die 40. Auflage sich zu einem ungewollt exklusiven Festakt entwickelt hat. 100 Spitzenläufer absolvieren eine zwei Kilometer lange Schleife im St. James Park, 20 Mal, abgeschottet von der Außenwelt. Der Massenevent mit 45 000 Läufern und einer Dreiviertelmillion Zuschauern, die sonst ein Band der Freude entlang der Strecke durch die Stadt spannen - abgesagt. Und doch sei dieses Rennen ein Anlass für "leise Freude", fand der Guardian: Die Briten, die so gerne nach dem Außergewöhnlichen streben, seien zuletzt ja vor allem außergewöhnlich schlecht aufgefallen, schrieb das Blatt - vor allem dank eines Corona-Krisenmanagements ihrer Regierung, das so hilflos wie diese frühzeitlichen Weltraumraketen wirke, die einst Pirouetten drehend zu Boden rauschten. Wie wohltuend sei da dieser Marathon; ein Zeichen, dass man trotz allem zusammenkomme. Wenn auch mit Abstand.

Die Ausrichter haben dafür, im Gegensatz zu ihrer Regierung, ein massives Hygienekonzept entworfen, eine "secure biosphere", wie sie es nennen. Alle Athleten wohnen in einem abgeschotteten Hotel, auf dessen Außengelände man wohl mehrere Polospiele und Fuchsjagden gleichzeitig austragen könnte. Alle Läufer und Mitarbeiter tragen ein Gerät, das misst, ob die Träger auch Abstand halten - allerdings nicht im Rennen. Die 45 000 Breitensportler laufen diesmal für sich, sie können ihre Ergebnisse in einer App hochladen. Wirtschaftlich bereitet das alles den Ausrichtern große Kopf-, Bauch- und wohl noch einige weitere Schmerzen; allein der Preisgeldfonds, der 2019 mit 1,1 Millionen Dollar gefüllt war, sei um die Hälfte geschmolzen, teilten sie mit. Die Profis dürften das aber verschmerzen, fast alle trainierten zuletzt monatelang ins Ungewisse hinein. Aus deutscher Sicht ist nur Arne Gabius dabei, dem noch die Norm (2:11:30) für Olympia 2021 fehlt. Der Bringer aber sollte das, man muss es wohl so sagen, fiebrig erwartete Duell zwischen zweier Schwer- bzw- Leichtgewichte der Szene sein: Eliud Kipchoge, 35, gegen Kenenisa Bekele, 38 - bis Bekele seinen Start kurz vor dem Rennen verletzungsbedingt zurückzog.

Kipchoge und Bekele spannen seit mittlerweile fast zwei Jahrzehnten ihre Dominanz über die Ausdauerszene, im Marathon sind sie bislang aber selten aufeinandergeprallt, was vor allem Kipchoges unheimlicher Konstanz geschuldet ist. Er gewann bislang 13 seiner 14 Marathons, jene 1:59:40 Stunden von Wien eingerechnet, die aufgrund vieler Hilfen nicht als Weltrekord zählten. Nur 2013 verlor er in Berlin gegen Wilson Kipsang; seinen Landsmann, der zuletzt gesperrt wurde, weil er den Dopingtestern falsche Angaben zu seinem Aufenthaltsort gemacht hatte. Kipchoge konnte Pandemie-bedingt zuletzt zwar nicht in Kapsabat trainieren, wo er und seine Trainingspartner in mönchgleicher Schlichtheit leben, um die Sinne für die zähen Trainingsläufe zu schärfen. Aber sein Pensum habe er auch so durchgezogen, versicherte er in London; er fühle sich ähnlich wehrhaft wie 2018 in Berlin. Damals hatte er den gültigen Weltrekord aufgestellt, in 2:01:39 Stunden.

Rekordgelüste hatten im Vorfeld nun aber weder Kipchoge noch Bekele geäußert, zumindest nicht öffentlich. Bekele umweht ja ohnehin immer eine Wolke des Rätsels. Nicht wenige Branchenkenner glauben, dass er noch begabter als Kipchoge ist, aber mit dem Marathon, der eiserne Disziplin verlangt, wurde Bekele lange nicht warm. Seine Vorbereitung sei erneut "nicht ideal" gewesen, erzählte er unter der Woche in London, seine Heimat war zuletzt von politischen Spannungen erschüttert worden, Läufe im Freien waren lange unmöglich. Allerdings sei er schon ähnlich in Form wie vor einem Jahr in Berlin, beteuerte er am Mittwoch - eher er am Freitag alle Ambitionen stornierte: Eine Verletzung an der linken Wade sei die vergangenen Tage so hartnäckig gewesen, dass ein Start am Sonntag keinen Sinn ergebe. So setzte sich eine Reihe an vorzeitigen oder spontanen Rennabbrüchen Bekels auf den 42,195 Kilometern fort - zumindest an dieser wenig erstrebenswerten Tradition konnte diesmal nicht einmal Corona rütteln.

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Quelle:
SZ vom 04.10.2020
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