Süddeutsche Zeitung

Langerak-Abschied vom BVB:Nase voll vom Warten

  • Mitch Langerak wechselt zum VfB Stuttgart und entschärft die Torwartkrise in Dortmund.
  • "Ich kann verstehen, dass Mitch jetzt eine neue Herausforderung sucht", sagt Sportdirektor Michael Zorc.
  • Trotzdem ist offen, wer künftig im BVB-Tor stehen wird: Weltmeister Weidenfeller oder Zugang Bürki?

Von Freddie Röckenhaus, Dortmund

Der erste Teil von Borussia Dortmunds keimender Torwartkrise ist erledigt. Mitch Langerak wechselt zum VfB Stuttgart und überlässt damit das Gerangel um die künftige Nummer 1 beim BVB den beiden verbliebenen Kollegen. Nationaltorwart Roman Weidenfeller, im vorigen Sommer noch Weltmeister in Brasilien, muss um seinen Stammplatz mit seinem Namensvetter Roman Bürki streiten, den Dortmund überraschend vom Bundesliga-Absteiger SC Freiburg holte.

Langerak, zweiter Mann in der australischen Nationalmannschaft, hatte fünf Jahre klaglos im Schatten von Weidenfeller gestanden. Immer mit der Perspektive, den deutlich älteren Weidenfeller irgendwann beerben zu können. Auf nur 19 Spiele hat er es in fünf Jahren gebracht. Jetzt, mit fast 27 Jahren, hat Langerak offenbar die Nase voll vom Warten.

Die Verpflichtung von Bürki, der erst 24 ist, war für den Sonnyboy aus Australien wohl das Signal, dass sie ihm in Dortmund nicht wirklich zutrauen, sich als Stammtorwart durchzusetzen. Für angeblich knapp drei Millionen Euro Ablöse geht er nach Stuttgart, wo er sich bessere Aussichten ausrechnet, endlich regelmäßig zu spielen.

Vergangene Saison hatte Dortmunds Trainer Jürgen Klopp zum Ende der miserabel gelaufenen Hinrunde Langerak ins Tor gestellt - was schon da als Misstrauensbeweis gegen Weidenfaller gewertet wurde. "Ich will sein Lächeln sehen", hatte Klopp das in seiner bekannten Art begründet. Die Ergebnisse blieben schlecht, Dortmund rutschte auf den vorletzten Tabellenplatz ab. In der Winterpause gewann Langerak dann als Ersatztorwart mit Australien im eigenen Land die Asien-Meisterschaft.

Auch dort, wie schon bei der WM 2014, kam Langerak aber nicht an Stammkeeper Mathew Ryan vom FC Brügge vorbei. Zu Hause in Dortmund kostete ihn der Trip nach Down Under derweil den gerade erst knapp errungenen Stammplatz, weil Langerak die Winter-Vorbereitung und das erste Rückrundenspiel wegen der Spiele in Australien verpasste. Platzhirsch Weidenfeller kehrte ins Tor zurück, auch wenn Klopp den erneuten Wechsel mit offenkundigem Grummeln vollzog. Erst als sich Weidenfeller gegen Saisonende verletzte, kam Langerak wieder zum Zuge.

Sternstunde im Pokal-Halbfinale

Beim Elfmeter-Krimi im Halbfinale von München, als Dortmund die Bayern aus dem Pokal warf, erwischte Langerak eine Sternstunde - fast wie 2012, als er den verletzten Weidenfeller beim 5:2-Triumph im Pokalfinale gegen die Bayern vertrat. Für den Augenblick schien es an diesem Abend in München, als habe Langerak das interne Duell mit dem 34-jährigen Weidenfeller nun gewonnen.

Doch im Pokalfinale gegen den VfL Wolfsburg machte der Australier bei allen Gegentoren zur 1:3-Niederlage eine eher unglückliche Figur. Gut möglich, dass seine Karriere in Dortmund an diesem Abend in Berlin sein Ende nahm. Nicht wenige meinten, dass der BVB mit Weidenfeller vielleicht gewonnen hätte.

In Dortmund dürften sie da schon den Eindruck mitgenommen haben, dass sie die Chance nutzen wollten, den Hoffnungsträger Bürki an Land zu ziehen, der durch Freiburgs Last-Minute-Abstieg frei wurde. Der Schweizer Bürki gilt als "moderner" Torwart und in Freiburg bekam er stets so viel zu tun, dass ihn die Statistiken als besten Keeper der vergangenen Saison ausmachten - Manuel Neuer inklusive.

"Ich kann verstehen", sagte Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc am Montag, "dass Mitch jetzt eine neue Herausforderung sucht und endlich mehr spielen will". Die Chancen dafür sieht er offenbar eher in Stuttgart als in Dortmund. Beim VfB bekommt er es mit dem jüngst engagierten Polen Przemyslaw Tyton zu tun. Der ist 28 und kommt vom PSV Eindhoven.

Die wahren Sorgen wird der BVB aber wohl erst bekommen, wenn sich herausstellen sollte, dass Nationaltorwart Weidenfeller tatsächlich gegen Bürki den Kürzeren ziehen sollte. Weidenfeller soll bei Thomas Tuchel kaum Vorschusslorbeeren haben. Und ein paar einflussreiche Mitspieler, so weiß man in Dortmund, hatten schon im vorigen Jahr intern Langerak favorisiert. 339 Liga-Spiele hat der Erz-Borusse Weidenfeller bisher für Dortmund gemacht, er darf nach 13 Jahren Dienstzeit mit Respekt beim BVB rechnen. Trotzdem dürften Langeraks Aussichten auf einen Stammplatz beim VfB besser sein, als jene von Weidenfeller in Dortmund.

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Quelle:
SZ vom 30.06.2015
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