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Volleyballerin Krystal Rivers:Die athletischste Angreiferin der Liga

Als kleines Kind konnte sie nicht laufen, mit 19 kämpfte sie gegen Krebs - und wurde danach Profisportlerin. Über die Volleyballerin Krystal Rivers, die Stuttgart ins Pokalfinale geführt hat.

Stuttgart umweht gerade ein Geheimnis, jedenfalls die Untertürkheimer Kurve des Fußballstadions. Dort ist ja unter der Tribüne ein kleines Schmuckkästchen hineingebaut worden - die rund 2000 Zuschauer fassende Arena der ansässigen Volleyballerinnen. Diese wiederum gehören inzwischen, im Gegensatz zum VfB, zur Bundesliga-Elite. Im vergangenen Jahr wurden sie nach einer zermürbenden Finalserie - und zuvor vier zweiten Plätzen in Serie - erstmals deutscher Meister.

Krystal Rivers, deren Athletik und Sprungkraft wohl keine andere Spielerin in der Volleyball-Bundesliga erreicht, war damals die entscheidende Figur. Das wäre sie sicher auch an diesem Sonntag, wenn Stuttgart sich im DVV-Pokalfinale mit dem Dresdner SC misst. Doch die 25-Jährige ist verletzt. Seit dem Heimspiel gegen Münster zwickt der Rücken, spielen konnte sie erst am vergangenen Mittwoch wieder beim 3:0-Heimsieg gegen Straubing. Es war ein Testlauf über zwei Sätze, danach wurde sie wie geplant ausgewechselt. Was genau sie hat, darüber schweigen Spielerin und Klub. "Ich möchte nicht über meine Verletzung sprechen", sagt Rivers am Telefon. Stuttgarts Sportdirektorin Kim Renkema spricht von einer komplexen Geschichte, "eine genaue Diagnose gibt es nicht".

Die vage Kommunikation gehört natürlich zum Taktikrepertoire eines Profiklubs vor großen Spielen wie jenem gegen Dresden. Zumal das Stuttgarter Spiel auf Rivers, die Kapitänin, zugeschnitten ist. "Im Notfall gibt es Krystal", sagt Renkema, "sie ist eine unglaublich wichtige Spielerin, unsere große Punktesammlerin, die stärkste Angreiferin der Liga." Im Klub wissen sie zugleich, wie sensibel das Thema Verletzungen und Krankheiten bei Rivers ist.

Im Frühjahr 2019 erzählte die Frau aus Birmingham im US-Bundesstaat Alabama der Stuttgarter Zeitung, dass sie mit dem Tethered-Spinal-Cord-Syndrom zur Welt gekommen ist: Mit steifer, verkürzter Wirbelsäule, offener Bauchdecke, deformierten Knochen. Manche Organe funktionierten nicht richtig. Als Baby war sie mehrmals operiert worden, mit einem Jahr mussten ihr beide Hüftgelenke gebrochen werden. Mit 15 hatte Rivers 20 Operationen hinter sich, doch ihr Traum, irgendwann Sport zu machen, erfüllte sich. Auch weil sie sich viele Muskeln antrainiert hatte, die ihren fragilen Körper stützten.

"Es ist schwierig, gerade nicht helfen zu können"

Als sie 19 war, gerade am College, kam dann der Krebs. Hodgkin-Lymphom, fortgeschrittenes Stadium. Lymphknoten in Hals, Brust und Hüfte waren befallen, sechs Monate Chemotherapie folgte. Rivers besiegte auch diese tückische Krankheit. Danach öffnete sich für sie die Tür ins Profigeschäft, über Béziers, wo sie französische Meisterin wurde, kam sie 2018 nach Stuttgart. "Die Geschichte ist ein Teil von mir", sagt Rivers am Telefon, "und ich möchte mit ihr zeigen, dass es immer weitergeht, egal, wie schwer es ist."

Rivers ist immer offen gewesen zu ihren Teamkolleginnen in Stuttgart, sie sieht sich auch als Motivatorin. "Keep going, keep going", erzählt sie, es muss immer weitergehen. "Krystal ist auch mental sehr stark. Wenn sie sagt, es geht nicht, dann wissen wir, dass es ernst ist", sagt Sportdirektorin Renkema. In den letzten Wochen ging es nicht bei Rivers, die trotz ihres Fehlens mit 5,23 Punkten im Schnitt pro Satz weiterhin beste Scorerin der Liga ist.

Es ist eine zutiefst amerikanische Geschichte, vom Leiden und Aufstehen, in einem Klub, der zudem beste Kontakte zum US-Volleyball pflegt. So fügte es sich prima, dass der geschwächte Meister, dem auch Nationalspielerin Pia Kästner (Verschleißerkrankung der Wirbelsäule) und Channon Thomson (Knieoperation) fehlen, kürzlich Simone Lee verpflichten konnte. Die 23-Jährige gilt als eines der größten Talente im Außenangriff, zudem war sie Rivers' Zimmergenossin in der US-Auswahl.

Weil ihr japanischer Klub Kurobe die Saison bereits beendet hat, wechselte Lee ablösefrei nach Stuttgart. "Die Freundschaft zu Krystal hat auch hineingespielt", sagt Renkema. Lee hat seitdem auch Rivers glänzend ersetzt. Das Problem ist nur, dass sie im Pokalfinale nicht spielberechtigt ist, weil sie bislang in diesem Wettbewerb nicht zum Einsatz kam. Stuttgart braucht Rivers also in diesem Spiel, und auch danach: Am Dienstag will der Klub mit einem Sieg im letzten Vorrundenspiel gegen Khimik Yuzhny ins Viertelfinale der Champions League einziehen. "Ich bin glücklich hier, auch weil ich Champions League spielen kann", sagt Rivers: "Und es ist schwierig, gerade nicht helfen zu können." Die Frau, die als Kind nicht laufen konnte, die den Krebs überwand, sie wünscht sich nichts sehnlicher, als endlich wieder auf dem Feld zu stehen.

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SZ vom 14.02.2020
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