Süddeutsche Zeitung

Kletter-Profi Angela Eiter:"Es hat auch Vorteile, 1,54 Meter klein zu sein"

Die Österreicherin Angela Eiter bewältigte als erste Frau eine Kletterroute des Schwierigkeitsgrads 9b. Im Interview erklärt sie, warum sie zwei Jahre dafür brauchte und welche Rolle ihre Größe dabei spielte.

Sie ist vierfache Kletterweltmeisterin, dreifache Gesamtweltcupsiegerin - und ihr gelang im Oktober, was vor ihr noch keiner Frau gelang: Die 31-Jährige Angela Eiter aus Österreich hat eine Kletterroute des Schwierigkeitsgrads 9b bewältigt. Die Route "La Planta de Shiva" im spanischen Andalusien haben vor ihr nur zwei Männer geschafft.

SZ: Frau Eiter, "La Planta de Shiva" gilt als eine der anspruchsvollsten Kletterrouten der Welt. Sie sind mit 1,54 Metern eine der kleinsten Felskletterinnen. Trotzdem haben Sie es gewagt.

Angela Eiter: Es war eigentlich völlig utopisch: Eine 9b zu klettern, wenn damals vor zwei Jahren noch keine einzige Frau auf der Welt eine glatte 9a+ geschafft hat. Aber ich wollte es unbedingt und ich hatte das Gefühl, das könnte genau mein Ding sein - nicht trotz, sondern wegen meiner Größe.

Also kommt es im Klettern gar nicht auf die Größe an?

Doch, oft ist die Größe im Klettern schon der limitierende Faktor. Aber "La Planta de Shiva" hat zum Beispiel extrem viele Zusatzgriffe. Große Kletterer, gerade Männer, lassen die aus, um Kraft zu sparen. Wenn ich die nutze, ist es zwar anstrengender, aber ich kann es schaffen. Es hat auch Vorteile, 1,54 Meter klein zu sein.

Und zwar?

Ich kann zum Beispiel meine Füße total hoch ansetzen. Wenn ich 1,90 Meter groß wäre, dann hätte ich viel längere Beine, die ich auch viel viel höher heben müsste. Und ich kann mich in Mulden ganz klein machen und verstecken, das ist ebenfalls nützlich. Klar, es gibt natürlich Routen, die kommen mir einfach nicht entgegen, die werde ich nicht bezwingen. Aber bei "La Planta de Shiva" wusste ich: Das ist möglich.

Sie haben trotzdem zwei Jahre gebraucht, um die Route zu klettern. Was macht man so lange an einer einzigen Felswand?

Das Hauptproblem war, dass die Route in Spanien liegt und ich neben der Arbeit in meiner Kletterschule nicht ständig dort unten sein konnte. Außerdem kann man "La Planta de Shiva" wegen des Wetters nur im Frühjahr und im Herbst klettern. Ich musste also immer wieder für ein bis zwei Wochen hinunterfliegen - und manchmal regnete es dann doch die ganze Woche durch und alles war umsonst.

Haben Sie jemals daran gedacht, aufzugeben?

Im Mai 2016 habe ich mir eine Sehnenscheidenentzündung am Finger geholt und kurz vor meinem Trip im Oktober riss mir die Sehne am linken Oberschenkel. Danach konnte ich mehrere Monate nicht richtig klettern. Da war ich echt an einem Punkt, an dem ich gesagt habe: Meine Gesundheit hält der Belastung nicht stand, ich muss das Projekt canceln. Ich hatte einfach nicht die Kraft, noch einmal von Null anzufangen.

Aber dann haben Sie es doch durchgezogen. Wie wichtig ist der Kopf beim Klettern?

Ohne Kopf geht gar nichts. Einmal, weil es mich mental schon ziemlich mitgenommen hat. Gerade bei den Verletzungen habe ich mich gefragt: "Warum tust du dir das eigentlich an?" Da hat mir das Team von Red Bull den Mut gegeben und mich mit Aufbautraining unterstützt. Und dann natürlich, weil ich mir jede einzelne Bewegung einprägen muss, jeden einzelnen Griff, jeden einzelnen Tritt. Ich muss genau wissen, wo meine Füße und Hände am Fels hinkommen. In der Wand kann ich mir keine Fehler erlauben.

"Die heikelsten Stellen habe ich mir daheim nachgebaut"

Das klingt fast nach fotografischem Gedächtnis.

Auf jeden Fall. Ich musste mir hundert Züge merken und jeder davon hat ganz viele Tritte und Griffe. Das muss alles millimetergenau passen. Die heikelsten Stellen habe ich mir dann daheim in Imst in der Kletterhalle nachgebaut.

Früher sind Sie fast nur in der Halle geklettert, 2013 haben Sie trotz großer Erfolge Ihre Wettkampfkarriere beendet. Wie kam es dazu?

Einmal waren wieder Verletzungen der Grund. Ich habe in den Jahren zuvor zu wenig auf meinen Körper gehört, hatte wahnsinnig viel Stress und mit dem Erfolg wurde eben auch die Belastung immer größer. Irgendwann haben sich die Verletzungen gehäuft, das hätte so nicht ewig weitergehen können. Aber der Hauptantrieb war eigentlich meine Leidenschaft für die Natur. Ich bin schon als Kind immer gern draußen gewesen und in den Wettkämpfen konnte ich das nicht mehr ausleben.

Hat man beim Klettern den Zeit, die Natur zu genießen, wenn man so auf den Fels konzentriert ist?

Wenn man so fokussiert ist, vergisst man das meistens total, das stimmt schon. Aber seit ich keine Wettkämpfe mehr bestreite, habe ich angefangen wahrzunehmen, was für Schönheit uns da draußen umgibt. Durch das Felsklettern habe ich erst ein offenes Auge für die Welt bekommen.

Mittlerweile könnte man meinen, Sie hätten in Ihrer Karriere alles erreicht. Wovon träumen Sie noch?

Ich würde gern die ein oder andere höhere Wand besteigen. Dafür bräuchte ich vor allem einen Gleichgesinnten, der mich sichert und der das mit mir ausleben möchte, so jemanden habe ich bis jetzt noch nicht gefunden. Aber ich möchte mein Repertoire erweitern, neue Routen entdecken. Griechenland, Kroatien, Frankreich - mich reizt noch so vieles.

Vor allem im Süden?

Ganz ehrlich? Am liebsten klettere ich immer noch daheim. Ich bekomme ganz schnell Heimweh, meistens schon wenn ich zwei Wochen unterwegs bin. Zu Hause in Österreich hab' ich ein Gebiet, das Muttekopf-Gebiet in Imst, das ist mein persönlicher Anker. Das ist nicht allzu anspruchsvoll, aber da kann ich abschalten, genießen und da hole ich mir die Energie, die ich dann im Ausland wieder verpulvern kann.

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SZ.de/sonn/mane
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