Süddeutsche Zeitung

Hockey:Die Ruheständler helfen

Nürnbergs Hockey-Männer bleiben nach einem Playdown-Krimi in Krefeld erstklassig - mit den Olympiasiegern Max Müller und Christopher Wesley.

Von Katrin Freiburghaus

Sie habe "124 Puls", sagte Claudia Mahdi als erstes, "dabei geht er schon seit fünf Minuten wieder runter". Man störte die Hockey-Abteilungsleiterin des Nürnberger HTC am frühen Sonntagnachmittag nicht beim Sport. Sie hatte lediglich am Bildschirm dabei zugesehen, wie sich die Hockey-Männer des Klubs nach dem knappen Klassenverbleib in den Armen lagen. Die Entscheidungspartie in den Playdowns der ersten Bundesliga gegen den Crefelder HTC war an Dramatik allerdings schwer zu überbieten gewesen.

Nach einem Erfolg im Heimspiel vor einer Woche und einem 2:3 am Samstag war das Team von Richard Barlow auch am Sonntag nicht stärker als sein in der Tabelle drei Ränge besser platzierter Gegner gewesen. Ab der 20. Minute hatte der NHTC verdient 0:1 zurückgelegen. Erst nach Herausnahme des eigenen Torhüters war Dario Benke in Überzahl vier Minuten vor dem Schlusspfiff der Ausgleich gelungen. Im Penalty-Shootout hatte sich Torhüter Steffen König dann schwer am Oberschenkel verletzt und war seiner Auswechslung nur entgangen, weil Maximilian Jordan seinen Versuch zum 5:3 versenkt und die Partie damit beendet hatte.

Müller dirigiert die Abwehr, Wesley schafft Räume

Der "wahnsinnige Krimi" (Mahdi) beschloss eine pandemiebedingt absurd lange und für den NHTC unschöne Saison unerwartet versöhnlich. "Wir wollten es zum Schluss mehr und hatten vielleicht auch ein bisschen mehr Glück", sagte Christopher Wesley. Der Olympiasieger war gemeinsam mit Doppel-Olympiasieger Max Müller für die Best-of-three-Serie aus dem Hockey-Ruhestand zurückgekehrt. "Aus meiner ganz persönlichen Sicht hätte man diese Spielzeit vor einem Jahr für beendet erklären sollen", sagte Wesley über das Pandemie-Konstrukt 2019/2021. Liga und Klubs entschieden sich dagegen, wodurch Wesley das Kunststück fertigbrachte, innerhalb einer Saison zurückzutreten, anschließend nach eigener Aussage 15 Kilo zuzulegen, um im entscheidenden Moment wieder in Spielform zu sein. Wesley und Müller führten keine technischen Kabinettstückchen vor; Müller dirigierte die Abwehr, Wesley schuf Räume. Vor allem brachten sie aber jenes bisschen Selbstvertrauen mit auf den Platz, das dem Team in fünf Niederlagen mit lediglich einem Tor seit der Wiederaufnahme der Liga im Frühjahr abhanden gekommen war.

"Das war eine Mannschaft, die komplett am Boden lag", sagte Müller. Nürnberg hatte als Tabellenletzter mit lediglich elf Punkten weniger als halb so viele Zähler wie Gegner Krefeld (26) gesammelt, und das, obwohl wichtige Spieler des im Herbst 2019 ambitioniert gestarteten CHTC wegen der Corona-Pandemie zum letzten Saisondrittel nicht mehr nach Deutschland zurückgekehrt waren.

Nach der ersten Freude über ein weiteres Kapitel Erstklassigkeit dämpfte deshalb die Frage nach der Perspektive die Feierlaune. Zudem war ja niemand da, um den Erfolg zu beklatschen. Zuschauer sind verboten, Partys ebenfalls. "Wir sind sogar Corona-konform in Dreiergruppen mit dem Auto angereist", sagte Wesley. Das führte zu der seltsamen Situation, "dass das der wahrscheinlich überraschendste und freudigste Nürnberger Nichtabstieg war, aber gleichzeitig auch der am schlechtesten gefeierte", wie es Müller zusammenfasste.

Zugleich mahnte der 33-Jährige an, für die Zukunft nicht mit einem ähnlich glücklichen Ausgang zu kalkulieren. "Es muss was passieren", sagte er, "das hier war nur eine Fristverlängerung." Gemeint ist damit, dass sich der NHTC strukturell seit Jahren auf hoffnungslosem Posten befindet. Die Liga-Größen in Nord und West professionalisieren sich immer weiter. In Nürnberg gibt es dagegen wenige bis keine externen Zugänge. Der Klub wird nicht müde, Idealismus und die Grundwerte des Sports zu beschwören. Das ist sympathisch, limitiert sportlich aber, wenn sich die übrigen Erstligisten aus dem Amateurbereich herausentwickeln.

Auch Norbert Wolff, der im Januar 2020 verstorbene langjährige Trainer des NHTC, hatte empfohlen, zumindest auf Schlüsselpositionen von außerhalb nachzuverpflichten, um den Anschluss nicht zu verpassen. Und das Team wird auch nach dieser Saison nicht komplett bleiben. Benke zieht aus beruflichen Gründen nach Mannheim, zwei weitere wichtige Akteure stecken in ihrer Facharzt-Ausbildung. Diese Lücken ausschließlich mit dem eigenen Nachwuchs zu schließen, hält Müller für kein tragfähiges Erstliga-Konzept. Von den Auswirkungen auf den Blutdruck aller Beteiligten ganz zu schweigen.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5282251
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ/lein/and
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.