Süddeutsche Zeitung

Hockey-Bundesliga:Zurück in die Wundertüte

Die Frauen des Münchner SC und die Männer des Nürnberger HTC gehen mit neuen Trainern in die Saison und wissen nach den Wirrungen der Corona-Spielzeit nicht so recht, wo sie stehen.

Von Katrin Freiburghaus

Mit dem regulären Saisonstart der Hockey-Bundesligen ist es in diesem Spätsommer ein bisschen wie mit so vielen vermeintlich normalen Dingen, die erheblich an Attraktivität gewinnen, weil man zuletzt ohne sie auskommen musste. "Das Gefühl ist diesmal deutlich besser als vor einem Jahr", sagt Frederic Wolff über den Saisonauftakt der Männer vom Nürnberger HTC am Wochenende in Köln. Erstligabetrieb bleibe während der Corona-Pandemie zwar "grundsätzlich eine Wundertüte", sagt der Kapitän. Kaum ein Gespräch kommt ohne Überlegungen zu Hygiene-Konzepten und Impfquoten aus. Eine ähnliche Situation wie in der zurückliegenden Marathon-Saison über zwei Jahre inklusive Modusänderung und allerlei Streitigkeiten über die Auslegung von Quarantäne-Regeln bis in die Verbandsgremien erwartet Wolff trotzdem nicht noch einmal.

Für die Franken und die Erstliga-Frauen des Münchner Sportclubs ist der Auftakt aber noch aus zwei weiteren Gründen etwas Besonderes: Beide Teams hatten sich den Verbleib in der Liga trotz einer Saison in Überlänge erst in den allerletzten Spielen gesichert - der NHTC im Playdown-Duell gegen den Crefelder HTC, der MSC ebenda gegen die Zehlendorfer Wespen. Zudem stehen bei beiden Klubs neue Trainer an der Seitenlinie. Während Richard Barlow Nürnberg auf eigenen Wunsch verließ, trennten sich die Wege von MSC und André Schriever zwar letztlich einvernehmlich, aber klar auf Wunsch des Vereins.

Nürnbergs neuer Trainer Ben Howarth ist ein "echter Treffer", sagt Kapitän Frederic Wolff

Der NHTC schrieb den vakanten Posten früh öffentlich auf seinen Social-Media-Kanälen aus und landete mit Ben Howarth laut Wolff einen echten Treffer. "Er hat sich beworben, wir hatten eine Video-Konferenz, und dann ging alles sehr schnell", sagt er über den gebürtigen Engländer, der zuletzt in den Niederlanden coachte, "es fühlte sich von Anfang an nach einem Match an, und bisher bestätigt sich das." Arbeiten muss Howarth unter denselben Bedingungen, die Nürnberg seit Jahren gleichermaßen auszeichnen und einschränken: Die Strukturen sind ehrenamtlich, externe Zugänge die Ausnahme. Der NHTC hat seine Außenseiter-Position in der sich in Nord- und Westdeutschland professionalisierenden Liga notgedrungen zum Markenzeichen gemacht - entsprechend fallen die Ambitionen für die beginnende Spielzeit aus. "Wir haben dasselbe Ziel wie immer", sagt Wolff, "am Ende sollte der Klassenverbleib stehen. Es wäre vermessen, etwas anderes anzugeben."

Der neue MSC-Trainer Jan Henseler formuliert das vorläufige Ziel mit "Viertelfinale" zwar ein wenig offensiver, meint damit aber im Grunde dasselbe: Auch für die MSC-Frauen geht es als eines der jüngsten Teams der Liga in erster Linie um den sicheren Klassenerhalt. Allerdings ist Henseler das Fernziel als Vorgabe gar nicht wirklich recht. "Das ist mir zu weit weg, wir wollen grundsätzlich erst mal Spiele gewinnen und aus jeder Partie das Maximum rausholen", sagt er. Die vergangene Saison taugt ohnehin kaum als Maßstab. Nach zwei vollständigen und einer halbierten Halb- beziehungsweise letztlich Drittelsaison waren die Punktabstände am Ende so groß, "dass viele Spiele für die Platzierungen gar keine Rolle mehr spielten", wie Henseler sagt.

Münchens neuer Frauen-Trainer Jan Henseler braucht vor allem eines: Spielpraxis mit seinem Team

Der Modus aus der zweiten Hälfte der Vorsaison wird beibehalten, was bedeutet, dass die zwölf Teams starken ersten Ligen anhand der Vorjahres-Platzierungen in zwei Staffeln eingeteilt wurden. In der Hinrunde spielt dennoch zunächst Jeder gegen Jeden, in der Rückrunde sind für jedes Team nur noch fünf Duelle innerhalb der eigenen Staffel angesetzt. Die vier Besten der Staffeln bestreiten das Viertelfinale, die jeweils beiden Letzten müssen in die Abstiegsrunde. Beim Finalturnier des erstmals ausgetragenen Liga-Cups spielte sich der MSC in der Vorbereitung ins Finalturnier, wo er gegen die Liga-Konkurrenz aus Köln und Harvestehude verlor, gegen Mülheim gewann, vor allem aber das bekam, worum es Henseler im Dienste der Weiterentwicklung seines Teams gegangen war: "Spiele, Spiele, Spiele - am besten gegen Top-Teams."

Auf Letztere müssen die Männer des Münchner Sportclubs noch mindestens ein weiteres Jahr warten: Der Traum vom Erstliga-Aufstieg war in der Vorsaison am pandemiebedingten Saisonabbruch der zweiten Bundesligen gescheitert. Der MSC hatte kurz nach Beginn der Aufstiegsrunde hinter Frankfurt in aussichtsreicher Position gelauert, alle Einsprüche gegen die Wertung der abgeschlossenen Hauptrunde waren im Sommer jedoch vergebens gewesen. Der befürchtete Aderlass in der Mannschaft blieb immerhin aus, so dass Trainer Patrick Fritsche unverändert den Aufstieg anpeilt. "Alles andere wäre unglaubwürdig", sagt er, fügt nach einer bewusst kurzen Vorbereitung jedoch hinzu: "Wir brauchen nach dem Nackenschlag am Ende der vergangenen Saison noch ein bisschen Zeit, um wieder Leistung zu entwickeln, den Rucksack loszuwerden und eine neue Geschichte zu beginnen."

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