Süddeutsche Zeitung

Hansi Flick:Ein konsequenter Schritt

Hansi Flicks Abschiedsankündigung ist so selbstbewusst, wie seine kurze und sehr erfolgreiche Trainerzeit war. Die Führungsetage des FC Bayern muss nun aufpassen, nicht langfristig blöd dazustehen.

Kommentar von Martin Schneider

Man kann diese Frage während einer Geistersaison immer stellen, aber in diesem Fall ist sie besonders interessant. Also: Was wäre gewesen, wenn Fans dabei sein dürften? Wäre Flick in die Kurve gegangen? Hätte er sich verabschiedet? Hätten die Bayern-Fans ihn mit Sprechchören gefeiert? Und hätten die Anhänger vielleicht auch noch eine Meinung zu anderen Vertretern des FC Bayern gehabt? Man weiß das alles nicht, aber man kann manche Antworten ohne großes Risiko schätzen.

Was man weiß: Flicks Schritt ist der selbstbewusste Schritt eines selbstbewussten Trainers. Noch ehe ihm irgendwer zuvorkommen konnte, stellte er sich nach dem Spiel in Wolfsburg vor das Mikrofon des Sky-Reporters und sagte, was jeder Reporter seit Monaten aus ihm rausbekommen will: Ich will im Sommer weg. Der FC Bayern muss der Vertragsauflösung zustimmen, von den Verantwortlichen sprach am späten Samstagabend keiner.

Am Sonntag folgte dann eine Mitteilung, worin der Vorstand die "einseitige Kommunikation" missbillige. Weitere Gespräche wolle man erst nach dem Spiel gegen Mainz führen. Aber einen Trainer auf die Bank zu setzen, der dort gar nicht sitzen will, das hat es in der geschichtenreichen Geschichte der Bundesliga noch nie gegeben.

Dass ein Trainer den Rekordmeister stehen lässt, das ist allerdings auch alles andere als der gewohnte Lauf der Dinge. Verlassen werden - das sieht die Klub-DNA eigentlich nicht vor. Und der FC Bayern muss nun auch wirklich aufpassen, nicht für längere Zeit blöd dazustehen.

Aber zunächst zu Flick: Den Wunsch, seinen Vertrag aufzulösen, offensiv zu formulieren, passt zu diesem Trainer, der in all seinen Schritten vor allem konsequent ist. Als er die dysfunktionale Bayern-Mannschaft im November 2019 von Niko Kovac übernahm, und während seines ersten Spiels über einen möglichen Bayern-Trainer Arsène Wenger debattiert wurde, verpasste Flick dem Team eine neue Achse und einen neuen Spielstil.

Er bekam dann von der Chefetage schrittweise mehr Zeit- erst zwei Spiele, dann Spiele bis Weihnachten, dann Spiele bis Saisonende - und schon damals, als er in vieler Augen noch hauptsächlich der Ex-Co-Trainer von Joachim Löw war, forderte er vom Klub Spieler ein. Dass er kurz darauf die Autorität eines Champions-League-Sieger-Trainers und später eines Sextuple-Trainers haben sollte, wusste da noch keiner.

Und obwohl Flick dem FC Bayern maximalen Erfolg in kürzester Zeit und unter ungewöhnlichsten Bedingungen (Pandemie, man hört gelegentlich davon) brachte, sieht der 56-Jährige keine Basis mehr für eine weitere Zusammenarbeit. Dass er dann selbst Schluss machen will, nachdem er wochenlang ein Bekenntnis verweigerte, weil er sich nicht des Wortbruchs oder der Lüge schuldig machen will, ist dann - konsequent.

Und das führt direkt zur nächsten Frage: Wie konnte es der FC Bayern so weit kommen lassen, dass der Erfolgstrainer flüchten will? Ein Trainer übrigens, hinter dem die Wortführer der Mannschaft voll stehen, wie Manuel Neuer und Thomas Müller zum Beispiel mehrfach äußerten.

Da gibt es den für alle an der Säbener Straße bequemen argumentativen Ausweg. Sie können sagen: Weil Flick eben unbedingt zum DFB will. Der Bundestrainerposten wird nach der Europameisterschaft frei und dass Flick bei einem Bayern-Abschied dort landen würde, das wäre kaum mehr eine Eilmeldung wert. Eher noch die Nachricht: "Eil - Flick wird NICHT Nachfolger von Joachim Löw."

Aber jeder weiß, dass der DFB-Posten nicht die alleinige Rolle spielt. Flick ist unglücklich mit den Entscheidungsstrukturen beim FC Bayern und befindet sich mit Sportvorstand Hasan Salihamidzic im Dauerstreit. Präsident Herbert Hainer sagte noch vor Kurzem, man werde versuchen, "die beiden wieder hinzukriegen". Vorstand Oliver Kahn positionierte sich öffentlich gar nicht, nur der Vorsitzende Karl-Heinz Rummenigge ergriff Partei für Flick, doch Rummenigges Zeit im Klub endet im Dezember. Man kann nun natürlich auch die Interpretation wählen, dass Flick den Machtkampf beim FC Bayern verloren hat. Fraglich nur, ob diese Lesart sich durchsetzen wird.

Aller Voraussicht nach steht nun eine Trainersuche an - und vom Ergebnis dieser Suche wird abhängen, mit wie vielen Dellen der Klub aus der Nummer rauskommt. Julian Nagelsmann scheint der natürliche erste Kandidat zu sein, doch der ist vertraglich an RB Leipzig gebunden, und die Verhandlungen mit dem finanziell nicht gerade schwachen Konkurrenten dürften mindestens hart werden.

Aber egal, wie ein neuer Trainer heißen könnte, er würde so oder so an Flick gemessen - kein leichtes Erbe, für das der neue Trainer aber nichts kann. Vielmehr wird sich dann die Frage an die Verantwortlichen richten, wieso man den Erfolgstrainer nicht halten konnte. Irgendwann kommen ja vielleicht wieder Fans ins Stadion. Und: Irgendwann wir es auch wieder eine Mitgliederversammlung geben. Bei der letzten im November 2019 hatte Hasan Salihamidzic übrigens einen richtig schweren Stand in der Halle.

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