Süddeutsche Zeitung

Handball in Katar:55 Grad, null Emotionen

Lesezeit: 3 min

Champions-League-Sieger Flensburg-Handewitt muss bei der Klub-WM in Doha erleben, wie wenig die Menschen sich dort für Handball interessieren. In vier Monaten soll hier die WM der Nationalteams stattfinden - an volle Hallen ist kaum zu denken.

Von Saskia Aleythe

Der Weg nach Hause war selten imposanter. Palmen am Wegesrand, akkurat gestutzter Rasen und dann diese Außenansicht der Halle: Was tagsüber in der Sonne Katars eierfarben schimmert, verwandelt sich in der Nacht zum Sternenhimmel, aus Löchern der ovalen Fassade strahlt Licht in die Dunkelheit. Für die Handballer der SG Flensburg-Handewitt ist das kaum zu vergleichen mit ihrer Heimstätte in der Bundesliga: Da flackern auf dem Heimweg nur die Parkplatz-Laternen.

"Ein ganz besonderes Erlebnis" nennen die Spieler des Bundesligisten das, was sie gerade in Doha erfahren. Inmitten futuristischer Bauwerke spielten sie bis Donnerstagabend um den Titel des Vereins-Weltmeisters. Der bringt zwar nicht die höchste sportliche Anerkennung, doch wie immer, wenn es um eine Sportveranstaltung in Katar geht: jede Menge Geld. Hätten sie schließlich nicht das Finale verpasst, wären sie jetzt um 400.000 Dollar Siegergeld reicher. Das ist weit mehr als der Gewinn der Handball Champions League einbringt.

Im Januar findet hier die Handball-WM statt, der Eierschalen-Sternenhimmel-Komplex ist die erste fertige Halle, 5500 Zuschauer sollen darin Platz finden. Und es geht noch größer, auch eine Arena mit 15 000 Plätzen ist in Planung. Nur: Handball interessiert in Katar kaum jemanden.

"Aus der Bundesliga sind wir bei Heimspielen 6000 Zuschauer gewohnt", sagt Rückraumspieler Tobias Karlsson, "das ist hier schon etwas anderes im Moment". Nicht mehr als 1500 Menschen kommen gerade zum Zuschauen. "Es macht mehr Spaß, in vollen Hallen zu spielen", sagt Kollege Lasse Svan, "ich hoffe, sie locken noch mehr Fans an."

Natürlich ist auch das ein Problem, das Katar mit Hilfe von Geld lösen will. "Katar wird mindestens 5000 Personen einladen, vielleicht sogar 10 000", kündigte Hassan Moustafa, umstrittener Präsident der Internationalen Handball-Föderation (IHF) im Frühjahr an. Es sollen Pakete für die Reise ins Wüstenland geschnürt werden, die sich an Interessierte aus aller Welt richten. Aus dem wichtigsten Wettbewerb der Sportart wird für die Besucher damit ein Urlaub mit ein bisschen Handball als Nebenbeschäftigung.

"In Katar ist Handball ein Sport der reichen Männer", sagt Alexandros Vasilakis von der HBW Balingen-Weilstätten, der zuletzt selbst ein halbes Jahr bei El Quiyada spielte. Der Grieche gehörte einst zu den erfolgreichsten Torschützen der Bundesliga und entschied sich zu Jahresbeginn für den Wechsel nach Katar.

Europas Topspieler schauen kurz vorbei

"Die Atmosphäre bei Punktspielen war wie bei Trainingsspielen, außer ein paar Funktionären sitzen da vielleicht 30 Leute in der Halle", sagt er. Emotionen? Null. "Die reichen Männer reagieren auch nicht, klatschen nicht, schauen nur zu."

Und doch locken die Kataris seit Jahren immer wieder europäische Topspieler in ihr Land, wenn auch in der Regel nur kurzzeitig. Der Europäische Handballverband (EHF) belegt mittlerweile Spieler mit Restriktionen, die nur für die Klub-WM zu einem katarischen Verein gehen. In der Vergangenheit wurden für dieses Turnier Personen wie Welthandballer Nikola Karabatic oder Filip Jicha eingekauft, 2012 wechselten gleich acht Handballer des französischen Erstligisten Montpellier für wenige Monate nach Katar. Ein lukrativer Nebenverdienst in der europäischen Sommerpause. Und für das Karriereende.

"Wenn du für Europa keine Kraft mehr hast, bist du dort gut aufgehoben", sagt Vasilakis, selber 35 Jahre alt. Auch ihn hat vor allem das Geld gelockt, "nur deshalb gehst du nach Katar". Am zweiten Tag nach seiner Ankunft musste er die erste Partie bestreiten. "Die Verantwortlichen haben zu mir gesagt: Alex, du musst heute 10 Tore schießen. Das ist natürlich ein wahnsinniger Druck und eine seltsame Vorstellung vom Sport", erzählt er. "Wenn du nicht gut bist, wirst du schnell wieder entlassen, die haben so viel Geld, sie machen was sie wollen". Er warf zu seinem Einstand dann 15 Tore.

Auch Vasilakis spricht von dem "besonderen Erlebnis Katar", trotz sportlich fragwürdiger Methoden. Lernen, ans Limit zu gehen, klarkommen in einer Mannschaft mit Menschen vieler verschiedener Religionen, diese Erfahrungen haben ihm Spaß gemacht. Nur dass in vier Monaten tatsächlich die Tribünen voll sein werden, daran glaubt er nicht. "Katar hat viel Geld für Werbung, aber 15 000 Leute in eine Halle zu bekommen - das sehe ich nicht."

Immerhin: Im Januar werden es dort wohl kaum mehr als 30 Grad sein. Als Vasilakis Ende Juni aus Katar abreiste, waren es 55 Grad. "Ich habe mich gefühlt wie ein Kamel, so heiß war das", sagt er, "da hat man schon vom Spazierengehen Kopfweh bekommen". Eine Fußball-WM 2022 im Sommer kann er sich kaum vorstellen. "Als Handballer ist das Klima hier nicht schlimm mit der Halle - aber die Fußballer tun mir jetzt schon leid. "Spätestens 2028 will Katar auch die Olympischen Spiele ausrichten.

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