Süddeutsche Zeitung

Handball-WM der Frauen:Drei große Ziele

"Stark wie noch nie": Die deutschen Handballerinnen starten mit großen Hoffnungen in die WM, ärgern sich aber, dass ihre Spiele nicht im Free-TV zu sehen sind.

Von Ulrich Hartmann

Das Playbook der deutschen Handballerinnen ist nicht weniger als der Versuch, den globalen Frauenhandball zu entschlüsseln. Es ist statistisches Standardwerk, Lexikon und Leitfaden in einem. Der Bundestrainer Markus Gaugisch sagt, dieses digitale Playbook sei letztlich "eine wahnsinnige Datenbank", nicht nur mit sämtlichen einstudierten Spielzügen der deutschen Mannschaft, sondern auch mit Zahlen, Texten, Zeichnungen und Videomaterial über die deutschen Kontrahenten unter den 31 anderen Nationen, die seit Mittwoch an der Weltmeisterschaft in Dänemark, Norwegen und Schweden teilnehmen.

Im Playbook stehen alle spielerischen Lösungen schon drin, jetzt müssen die deutschen Frauen sie nur noch auf die Platte bringen, wie man beim Handball sagt. Ihr Auftaktspiel im dänischen Herning ist an diesem Donnerstagabend gegen Japan.

Mit dem Lösen von Rätseln kennt sich die 35 Jahre alte Linksaußen Antje Döll vom deutschen Meister SSG Bietigheim schon von ihrem Zweitjob her recht gut aus. Da arbeitet sie als Kriminaloberkommissarin im Polizeipräsidium Ludwigsburg und kommt Interneterpressern auf die Schliche. Die Sportförderung des Landes Baden-Württemberg ermöglicht ihr flexible Arbeitszeiten. "Dafür bin ich superdankbar", sagt sie und lächelt. Stress macht ihr das eher keinen, ihr gefalle die Doppelbelastung sogar: "Das ist gut für den Kopf."

"Unsere Mannschaft ist so stark wie noch nie", sagt die Kriminaloberkommissarin Antje Döll

Ihren Kopf brauchen die deutschen Handballerinnen bei so einer Weltmeisterschaft dringend. Die spielerische Qualität für den Einzug in die finalen Turnierrunden der weltbesten Teams besitzen sie durchaus, allerdings haben ihnen in den vergangenen Jahren gegen Ende der Turniere oft die Nerven eine bessere Platzierung verdorben. Die letzte Medaille für deutsche Handballfrauen gab es 2007 (WM-Bronze), die letzte Halbfinalteilnahme bei einem großen Turnier 2008 (EM-Vierter) und im selben Jahr in Peking auch die letzte Olympia-Teilnahme. Bei den jüngsten drei großen Turnieren wurde das deutsche Team stets Siebter und war damit nur mäßig zufrieden.

Wenn es stimmt, dass man aus Niederlagen und Enttäuschungen am meisten lernt, dann wären die deutschen Handballerinnen bereit dafür, vielleicht doch wieder in ein Halbfinale einzuziehen. "Ich denke, die Erfahrungen der vergangenen Jahre werden uns helfen", sagt die eine Kapitänin Alina Grijseels. "Wir haben jetzt mehr Qualität und Variabilität im Kader", sagt die andere Kapitänin Emily Bölk, die in Budapest spielt und mit dem Klub Ferencvaros vergangenen Juni sogar im Champions-League-Finale stand. Die meisten deutschen Nationalspielerinnen sammeln zunehmend Erfahrung auf hohem und auf internationalem Niveau, was die Kommissarin Döll zu der Schlussfolgerung veranlasst: "Unsere Mannschaft ist so stark wie noch nie."

Dass es mit Luisa Schulze (Kristiansand/Dänemark), Julia Maidhof, Isabell Roch (beide Ramnicu Valcea/Rumänien), Silje Bröns Petersen (Kopenhagen/Dänemark) und Ann-Cathrin Giegerich (Podgorica/Montenegro) gleich fünf deutsche Legionärinnen bei internationalen Topklubs nicht in Gaugischs 17er-WM-Kader geschafft haben, könnte man als grundsätzliches Qualitätsmerkmal interpretieren.

Das Minimalziel ist das Viertelfinale und damit die Teilnahme an einem Olympia-Qualifikationsturnier

Das realistische Ziel der Spielerinnen ist gar nicht unbedingt das Halbfinale oder eine Medaille - das absolute Minimalziel ist das Viertelfinale, denn mit dem Erreichen desselben geht die Qualifikation für ein Olympia-Qualifikationsturnier im kommenden April einher. Von Paris im Sommer kommenden Jahres träumen sie nun wirklich alle. "Wir wollen zu Olympia", sagt die Kapitänin Alina Grijseels ebenso prägnant wie programmatisch. Dem Bundestrainer Gaugisch ist womöglich auch in diesem Kontext aufgefallen: "Die Spielerinnen sprühen vor Energie."

Bei Olympia, und diesen Vorteil haben deutsche Handballerinnen seit 15 Jahren nicht mehr genossen, werden auch medial weniger beachtete Sportarten live in den Öffentlich-Rechtlichen gebracht. Das ist für die Handballerinnen auch deshalb so ein Lichtblick, weil die WM in Skandinavien wie bereits die EM vor einem Jahr bloß im Internet übertragen wird, bei sportdeutschland.tv und dort auch nicht mal kostenfrei. "Klar wären wir lieber im Free-TV zu sehen", sagt Grijseels, aber so müssten sie eben durch Leistungen einen gewissen Druck auf die TV-Sender ausüben. DHB-Präsident Andreas Michelmann kritisierte derweil die "sehr einseitige Berichterstattung von ARD und ZDF", die sich vor allem auf den Fußball fixiere.

Und so ist das 'Playbook' der deutschen Handballerinnen diesmal für gleich drei große Ziele nützlich: für den Kampf um die Weltspitze, um Olympia und um künftige Auftritte im frei empfangbaren Fernsehen.

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