Süddeutsche Zeitung

Handball:Kiel schreibt die Meisterschaft ab

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Schon bereit zur Gratulation? Bei acht Punkten Rückstand schwinden die Chancen des THW Kiel, den SC Magdeburg in der Tabelle noch abzufangen - und dann verletzt sich auch noch Sander Sagosen nach einem harten Foul.

Von Carsten Scheele

Acht Punkte? Normalerweise ist das der Vorsprung, den der THW Kiel irgendwann im Laufe einer Saison auf die Konkurrenz erwirtschaftet hat. Jetzt liegt der THW zurück hinter Tabellenführer Magdeburg - acht Punkte! Zehn Spieltage vor Schluss ist die Vermutung nicht allzu gewagt, dass der Meister in der Handball-Bundesliga diesmal nicht THW Kiel oder SG Flensburg-Handewitt (sogar neun Punkte zurück) heißen wird.

Sondern eben erstmals seit 20 Jahren: SC Magdeburg.

So gibt es manche prominente Stimme in der Bundesliga, die den SCM bereits am Ziel sieht. "Wer soll sie noch schlagen?", fragte am Wochenende Stefan Kretzschmar, der frühere Nationalspieler und heutige Sportvorstand der Füchse Berlin, beim TV-Sender Sky. "Diese Magdeburger Mannschaft wird sich die Meisterschaft nicht mehr aus der Hand nehmen lassen", glaubt Kretzschmar, man könne dem Tabellenführer "eigentlich schon gratulieren".

In der Bundesliga geht es nur noch um Platz zwei, sagt Kiels Trainer Filip Jicha

Eine Hoffnung der Verfolger hat sich in den Wochen nach der Europameisterschaft verflüchtigt: dass den Magdeburger Überraschungshandballern mit fortlaufenden Saisonstrapazen die Kraft ausgehen würde. Der SCM siegt einfach weiter, die einzige Saisonniederlage stammt nach wie vor vom zweiten Weihnachtsfeiertag in Flensburg; einen weiteren Punktverlust gab es nicht. Dabei hat der SCM das gesamte Repertoire drauf, das man von anderen Tabellenführern her kennt: richtig hohe Siege wie das 44:26 in Lemgo; aber auch Erfolge der eher dreckigen Sorte.

Wie am Sonntag, auswärts beim Tabellenfünfzehnten TBV Stuttgart, als nicht viel funktionierte, sogar eine Niederlage möglich schien - und es am Ende doch zu zwei Punkten reichte. "Das war mehr als ein hartes Stück Arbeit", sagte Trainer Bennett Wiegert nach dem 30:27, pustete einmal kräftig durch und sagte zur anstehenden Länderspielpause: "Ich persönlich brauche sie." Wie übrigens auch Mittelmann Philipp Weber, der seine Reise zur Nationalmannschaft absagte, um in Magdeburg regenerieren zu können.

Beim Rekordmeister Kiel (insgesamt 22 deutsche Meistertitel) ist dagegen sämtlicher Optimismus gewichen, insbesondere nach diesem Spiel vom Sonntag. Vieles lief schief beim 27:31 gegen die Füchse, dem ersten Berliner Sieg nach sehr vielen Versuchen in der Kieler Arena überhaupt. Erst verschlief der THW die erste Halbzeit, dann verletzte sich Ausnahmekönner Sander Sagosen, nach einem harten Foul des Berliners Fabian Wiede, der den Norweger im Flug in die Schräglage brachte und zu Boden drückte. Von manchen im Kieler Lager wurde das Foul als rotwürdig erachtet, Wiede durfte aber weiterspielen. Sagosen konnte nicht, der Norweger droht mit einer Schulterverletzung auszufallen.

So mag Trainer Filip Jicha an die Titelverteidigung in der Liga aktuell nicht mehr denken. "Wenn jemand nur zwei Punkte abgegeben hat und die Konkurrenten hinterherrennen, wäre es eine Frechheit zu behaupten, dass es um die Meisterschaft geht", sagte der frühere Welthandballer. Was für Kiel jetzt noch möglich ist? Titelchancen hat der THW natürlich noch, in der Champions League und im DHB-Pokal. In der Bundesliga gehe es aber nur noch "um den zweiten Platz", bekräftigte Jicha.

Um diesen zweiten Platz wird es zumindest richtig spannend. Drei Klubs belauern sich innerhalb von zwei Punkten, die drei Schwergewichte Kiel (38:10), Berlin (35:9) und Flensburg (35:11) spielen teilweise noch gegeneinander - dabei geht es noch um zwei direkte Champions-League-Plätze. Auf Rang vier will keiner aus diesem Trio landen.

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