Süddeutsche Zeitung

Handball:Der Mitreißende

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Christopher Bissel hat sich beim Bundesligisten HC Erlangen von der Jugend bis in die Profi-Mannschaft durchgebissen, das hat in Bayern kein anderer geschafft. Ganz nebenbei hat er sein zweites Staatsexamen in Jura abgelegt - und für drei weitere Jahre beim HCE unterschrieben.

Von Ralf Tögel

Philipp Lahm zum Beispiel, oder Manuel Neuer. Und natürlich Thomas Müller. Christopher Bissel steht in einer Reihe mit berühmten Sportlern, alle haben sich den Traum vom Balljungen zum Profi realisiert. Der Handballer des HC Erlangen hat in seinem Verein alle Jugendmannschaften durchlaufen, sich über die zweite Mannschaft für erste Trainings mit den Profis empfohlen, um schließlich den Durchbruch zu schaffen - was zumindest in Bayern ein Alleinstellungsmerkmal ist. Und das in der stärksten Liga weltweit, was man von der Fußball-Bundesliga nicht unbedingt behaupten kann. Kürzlich hat der 26-Jährige seinen Vertrag beim prosperierenden Erstligisten um drei weitere Jahre verlängert, am Sonntag nun geht eine lange und schwierige Saison mit dem Heimspiel gegen Balingen-Weilstetten zu Ende. Das Thema Klassenverbleib wurde in der zweiten Saisonhälfte abgehakt, mancher Beobachter hatte dem durchaus prominent besetzten Kader etwas mehr zugetraut.

Dafür kann der fränkische Traditionsklub den größten Erfolg in der Vereinsgeschichte für sich reklamieren: Das Erreichen des Final Four im Pokal hatte ihm niemand zugetraut. Unter anderem den viermaligen Pokalsieger SG Flensburg-Handewitt räumten sie aus dem Weg, einen Konkurrenten mit nicht nur finanziell deutlich besseren Möglichkeiten. Der Linksaußen Bissel darf einen nicht unbeträchtlichen Anteil daran für sich in Anspruch nehmen. Bissel ist ein Führungsspieler, einer, der immer alles gibt.

Bissel ist ein giftiger Abwehrspieler, mit den zweitmeisten Steals der Liga, wie Balleroberungen heutzutage verbucht werden. Knapp 85 Prozent seiner Würfe landen im Tor, auch das ein exzellenter Wert. "Chrissi ist ein emotionaler Leader, der mit seiner physischen Spielweise auch deshalb so ungemein wichtig ist, weil er die ganze Mannschaft immer wieder mitreißen kann", sagte HCE-Geschäftsführer Rene Selke kürzlich bei dessen Vertragsverlängerung. Besonders wertvoll für den Verein aber ist die große enge Verbindung Bissels mit seinem Heimatverein. Der gebürtige Erlanger hat einen besonders guten Draht zu den Fans, schließlich kommt er ja aus deren Mitte. Für einen professionellen Betrieb sind derlei Emotionen Gold wert, das weiß auch Selke: "Aufgrund des hohen Bezugs zu seiner Heimatstadt ist er natürlich die Identifikationsfigur für alle Erlanger. Wir sind sehr glücklich, dass wir weitere drei Jahre auf ihn bauen können."

Bissel musste durch das Stahlbad aller Talente - lange Auswärtsreisen und dann keine einzige Einsatzminute

Leicht war der Weg nicht, auch Bissel musste durch das Stahlbad aller Talente auf dem Weg zum Berufssportler. Zunächst Fußballer, probierte er Handball im Stützpunkt an seiner Schule aus - und blieb hängen: "Als der Aufwand so groß wurde, dass man sich entscheiden musste, hat mir Handball mehr Spaß gemacht, und die Mitspieler waren mir näher." Bissel zeichnete sich immer durch Fleiß und Ehrgeiz aus. Nach der Jugend spielte er zwei Jahre in der U23, parallel zur ersten Mannschaft. Trainer Robert Andersson holte ihn zu den Profis. Der Schwede ist ein Übungsleiter der alten Schule, junge Spieler mussten sich hochdienen. Aber auch einer der Leistung honoriert, erinnert sich Bissel: "Er hat nicht nach Namen aufgestellt. Wenn du im Training deine Leistung gebracht hast, hat er dich auch spielen lassen."

Einen Namen hatte Bissel. Vater Carsten war schließlich derjenige, der den Klub in marodem Zustand vor elf Jahren übernommen und zu dem gemacht hat, was er heute ist. Als Vorsitzender gibt er die Richtung vor, zieht Fäden, bleibt aber gerne im Hintergrund. In sportliche Belange mischt sich der Rechtsanwalt nicht ein, schon gar nicht bei seinem Sohn. Was nicht immer einfach war. Carsten Bissel erzählt von Auswärtsfahrten quer durch die Republik, bei denen sein Sohn erst stundenlang im Bus und dann das ganze Spiel auf der Bank saß. Interveniert hat der Vater nie, für Christopher war der Name auch nur anfangs ein Thema: "Außerhalb war das am Anfang selbstverständlich so. Man muss sich als junger Spieler generell erst beweisen. Wenn es dann diese Hintergrundgeschichte noch gibt, wird mit einem speziell kritischen Auge draufgeschaut. Aber es war nie so, dass mir ein Vorwurf gemacht wurde." Im Mannschaftskosmos sei das Thema nie aufgeploppt, die stetig steigenden Leistungen ließen es bald ganz verschwinden.

Unter Anderssons Nachfolger Adalsteinn Eyjölfsson gelang Bissel der Sprung in die Stammformation, weil sich der damalige etatmäßige Linksaußen Martin Stranovsky verletzte. Der slowakische Nationalspieler war aus Barcelona gekommen und der erste große Name im Klub, aber Bissels Leistungen waren konstant so gut, dass der isländische Trainer weiter auf ihn setzte. Vier Jahre sind seither vergangen. Zu Beginn der aktuellen Rückrunde hat Raul Alonso das Traineramt übernommen. Wie seine Vorgänger findet er nur positive Worte über seinen Linksaußen: "Er ist ein Spieler, der jeden Tag 100 Prozent gibt, in jedem Training, Chrissi ist hochprozentig professionell eingestellt und extrem ehrgeizig." Solche Spieler machten einem Trainer die Arbeit leicht, zudem habe Bissel "in den vergangenen Monaten eine außergewöhnliche handballerische Entwicklung gemacht. Er überrascht uns immer wieder mit herausragenden Leistungen." Alonso sei "glücklich, dass ich weiter mit ihm planen kann".

Noch etwas macht Christopher Bissel zu einem besonderen Profi: Neben der sportlichen Karriere hat er sein zweites Staatsexamen in Jura abgelegt. Auch das dürfte, nicht nur in Bayern, einmalig sein.

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