Süddeutsche Zeitung

Golf:Die Letzten sind Erster

Das PGA Championship in San Francisco eröffnet die Reihe der Golf-Majors in diesem Jahr. Mit dabei: Martin Kaymer und Tiger Woods.

Von Felix Haselsteiner, San Francisco/München

Traditionell sind im Umkleidebereich des TPC Harding Park aktuell nur die Schließfächer. Ein großes weißes und für den Golfsport sehr unprätentiöses Zelt dient den Spielern beim PGA Championship in diesem Jahr als Umkleide, alles ist ausgerichtet auf maximalen Abstand: Jeder bekommt seinen eigenen Platz und mindestens eineinhalb Meter Entfernung zum Nachbarn. Nur die Schließfächer aus dunklem Holz wurden ausgebaut und stehen einzeln in dem Zelt, das Ganze sorgt für eine Atmosphäre, wie sie wohl noch kein Golfprofi miterlebt hat - was wiederum im Grunde für das gesamte Turnier gilt.

Die Situation im Golfsport mag sich zwar etwas normalisiert haben, zumindest gibt es, anders als noch Anfang Juli, nicht mehr jede Woche positive Tests. Die Rückkehr auf die große Bühne jedoch folgt erst an diesem Wochenende mit dem PGA Championship, das traditionell das letzte der vier Major-Turniere der Saison ist - dieses Mal jedoch das erste. Es folgen die US Open im September und schließlich das Masters im November, doch erst einmal soll sich in San Francisco zeigen, dass auch die Majors, im Normalfall mit Abstand die Turniere mit der weltweit größten Aufmerksamkeit, ohne Zuschauer funktionieren können. Und das inmitten einer weiterhin grassierenden Pandemie. San Francisco ist vergleichsweise glimpflich davongekommen, aber nach wie vor gibt es mehr als 90 neue Covid-19-Fälle am Tag, Lockerungen der Abstandsregelungen sind da nicht möglich. Ein Golfturnier erscheint da auf den ersten Blick nicht als allzu wichtig - doch wie schon seit dem Neustart blieb die PGA Tour beim Plan, die Saison fortzusetzen, mit einer neuen Normalität und Abständen zwischen den Schließfächern.

Ein Indiz dafür, dass immerhin auch ein wenig von der alten Normalität geblieben ist, ist Tiger Woods. Um den Rekordchampion dreht sich vor dem PGA Championship wieder einmal alles, und das, obwohl - oder gerade weil - er zuletzt vor allem durch Abwesenheit glänzte. "Ich habe nicht viele Wettbewerbe gespielt", sagte Woods am Dienstag bei einer Pressekonferenz, aber: "Ich habe viel zu Hause gespielt." Seine in Privatklubs in Floridas eingeübte Form ist also kaum einzuschätzen, bei seinem einzigen Start seit der Corona-Pause beim Memorial-Tournament vor drei Wochen kam er auf den unauffälligen Rang 40. Doch das muss nichts heißen, denn: Der 15-malige Major-Sieger ist weiterhin ein Meister darin, bei den großen Turnieren in Bestform zu sein.

Bis vor einigen Jahren konnte man ähnliches über Martin Kaymer sagen. Deutschlands erfolgreichster Golfer nach Bernhard Langer gewann in den USA ausschließlich große Turniere, für seine zwei Major-Siege zollt man ihm auf der anderen Seite des Atlantik weiterhin viel Respekt. Kaymers Stern ging im Spätsommer 2010 beim PGA Championship in Whistling Straits auf, als er einen damals sensationellen Sieg feiern konnte.

Zehn Jahre später ist die Lage anders: Kaymer darf nur dank seines Sieges von damals starten, rein sportlich hätte er die Qualifikation als 120. der Welt verpasst. Es ist erst sein zweiter Turnierstart seit der Spielpause, da auf der European Tour - Kaymers aktueller golferischer Heimat - bislang nur kleine Turniere stattfanden, auf die der Mettmanner verzichtete. Beim Barracuda Championship, für das Kaymer eine Einladung eines Sponsoren erhalten hatte, scheiterte er in der vergangenen Woche am Cut. Eine Top-Platzierung in San Francisco wäre insofern eine große Überraschung, fast so groß wie der Turnierverlauf damals in Whistling Straits.

Aus deutschsprachiger Sicht muss die ehemalige Nummer eins der Weltrangliste dennoch aufpassen, dass ihr nicht drei andere Spieler den Rang ablaufen: Zum ersten Mal überhaupt treten ab Donnerstag drei Österreicher bei einem Major-Turnier an. Dass die Alpenrepublik dem großen Nachbarn aus dem Norden im Golf ein wenig den Rang abgelaufen hat, ist damit auch offiziell bestätigt, denn: Neben Kaymer findet sich kein weiterer Deutscher im Feld. Das Trio aus dem Nachbarland besteht aus Bernd Wiesberger, der Nummer 29 der Welt, dem jungen Matthias Schwab, der in der vergangenen Woche als Dritter beim Barracuda Championship hervorstach, und Sepp Straka, dem einzigen deutschsprachigen Spieler, der derzeit eine dauerhafte Spielberechtigung auf der großen PGA Tour hat.

Alle drei gehören zum großen Feld der Überraschungskandidaten, messen werden sie sich an der Nummer eins der Welt, Justin Thomas, an dem weiter in großartiger Form spielenden Muskelpaket Bryson DeChambeau - und an Woods, der die Frage, ob er sich denn einen Sieg zutraue, auf typische Woods-Art mit einem sanften Lächeln und einem lässigen "Aber natürlich" beantwortete.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4990358
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 06.08.2020
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.