Süddeutsche Zeitung

Fußball-WM:Quaresma erschafft ein kleines Kunstwerk

  • Ein Kunstschuss von Ricardo Quaresma bringt Portugal ins WM-Achtelfinale - gegen Iran steht es am Ende 1:1.
  • Iran, zuvor als krasser Außenseiter der Gruppe gehandelt, hat trotz des Ausscheidens ein überraschend starkes Turnier gespielt.
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Die Rolle des portugiesischen Fußballers Ricardo Quaresma bei der Weltmeisterschaft in Russland hätte eigentlich eine als mythischer Nebendarsteller sein sollen, so hatte es jedenfalls der Held der Erzählung vorgesehen. Cristiano Ronaldo, um den sich in der portugiesischen Nationalmannschaft immer, also auch in diesen Tagen alles dreht, hatte erzählt, wie er gemeinsam mit Quaresma in der Sauna gesessen, sich rasiert hatte und dann auf eine Idee gekommen war: Sich bis zum Ende der WM einen Ziegenbart stehen zu lassen, sollte er zum Auftakt gegen Spanien treffen. Ronaldo traf dreimal und kratzte sich beim Torjubel am Kinn.

Am Montagabend, im dritten Spiel der Portugiesen gegen Iran, war Ronaldos Bart schon beachtlich gesprossen. Doch es war der Flügelstürmer Quaresma, 34, der aus seinem Schatten trat - und fortan seine ganz eigene Geschichte von diesem Turnier erzählen kann, die nicht in der Sauna spielt, sondern auf dem Rasen des Stadions von Saransk.

Kurz vor Ende der ersten Halbzeit lief er schräg von rechts im Mittelfeld auf das iranische Tor zu, spielte einen Doppelpass mit Adrien Silva, empfing den Ball von dessen Hacke zurück und schoss dann kurz vor der Strafraumgrenze mit dem Außenrist aufs Tor. Der Ball flog unhaltbar in die lange Ecke, ein kleines Kunstwerk und schon jetzt eines der schönsten Tore dieses Turniers. Es war der Auftakt zu einem am Ende unerwartet mühsamen 1:1 (1:0), das dem Europameister von 2016 zwar als Gruppenzweiter den Einzug ins Achtelfinale sicherte, aber auch ein paar Schwächen aufdeckte.

Ronaldo hat Glück, dass er nicht vom Platz fliegt

Schon vor dem Spiel war wieder Ronaldo das Thema gewesen, Ronaldos Vergangenheit, Ronaldos Schlaf. Seine Vergangenheit, weil er auf Carlos Queiroz traf, Irans Trainer, der ihn einst als Assistent bei Manchester United förderte und mit dem er sich überwarf, als Queiroz die portugiesische Nationalelf bei der WM 2010 ohne großen Erfolg angeleitet hatte. Und über seinen Schlaf, weil er diesen in der Nacht vor dem Spiel nur schwer gefunden hatte. Iranische Fans hatten vor Portugals Teamquartier in Vuvuzelas geblasen, obwohl Ronaldo entsprechenden Bildern zufolge irgendwann am Fenster erschien und gestikulierte, er müsse sich endlich hinlegen.

Die Vuvuzelas der iranischen Fans waren auch während des Spiels ununterbrochen zu hören. Und die iranische Mannschaft wählte, wie schon in den Spielen zuvor gegen Marokko (1:0) und Spanien (0:1), eine dem Klang entsprechende, nervenzerreißende Defensivtaktik, obwohl sie ja einen Sieg brauchte, um selbst noch ins Achtelfinale vorzustoßen. Die Iraner konterten allerdings mit fortschreitender Spieldauer immer mutiger in die großen Lücken des portugiesischen Mittelfelds hinein, wurden in der zweiten Halbzeit immer gefährlicher. Sie glichen in der Nachspielzeit sogar aus, begünstigt durch einen Handelfmeter, den Karim Ansarifard verwandelte. Das Spiel wurde am Ende noch mal hektisch und dramatisch knapp - aber es reichte nicht fürs Achtelfinale.

Iran, zuvor als krasser Außenseiter der Gruppe gehandelt, hat trotz des Ausscheidens ein überraschend starkes Turnier gespielt. Wie zum Beweis parierte Torhüter Alireza Beiranvand, der in den ersten beiden Partien so stark gehalten hatte, einen Elfmeter. Den Strafstoß vergab mit einem schwachen Schuss ein Mann namens Cristiano Ronaldo.

Der Stürmer war natürlich der Fixpunkt des portugiesischen Spiels, er war seinem fünften Turniertreffer immer mal nah. Er war auch der Gefoulte vor dem Elfmeter in der 52. Minute. Doch in seiner auffälligsten Aktion hatte er viel Glück, dass ihm Schiedsrichter Enrique Cáceres in der 83. Minute auch nach Ansicht der Videobilder nur die gelbe und nicht die rote Karte zeigte: Ronaldo hatte Morteza Pouraliganji gerammt und den Ellenbogen ins Gesicht gedrückt. Quaresma, dessen Schuss Portugal ins Achtelfinale führte, saß da schon draußen. Trainer Santos hatte den Mann des Abends, den von oben bis unten tätowierten Außenrist-Künstler, schon nach 70 Minuten ausgewechselt.

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SZ vom 26.06.2018/fued
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