Süddeutsche Zeitung

Fußball-WM:Es wird auf den Trainer ankommen

Ein klarer Favorit ist vor der WM nicht zu erkennen, mehrere Teams haben ähnlich gute Talente. Joachim Löw weiß, dass Russland mehr als zuvor ein Trainer-Turnier werden dürfte.

Diesen Luxus muss sich einer auch erst einmal leisten können. Dass man zwölf Millionen Zuschauer vor dem Fernseher langweilt, indem man den gegnerischen Torwart, einen gewissen Alisson, nahezu unbehelligt einen geruhsamen Abend verbringen lässt. Man lädt sich Brasilien ein, den Rekordweltmeister, und verspricht den Berlinern ein Duell der Giganten - die sich dann jedoch in ihrem mausgrauen Olympiastadion umschauen und weit und breit keinen solchen Riesen entdecken können.

Jedenfalls nicht im grünen Trikot, in dem, das behauptet die PR-Abteilung des Deutschen Fußball-Bundes, wirklich eine Auswahl des amtierenden Weltmeisters gesteckt haben soll. Und am Ende lässt man das Fußballvolk auch noch in all der aktuellen Widersprüchlichkeit allein. Toni Kroos, einer der angeblichen Hauptdarsteller, behauptet, man sei längst nicht so gut "wie einige von uns denken". Kollege Julian Draxler, der durchaus gemeint gewesen sein könnte, weil er es versteht, sein gottgegebenes Talent immer wieder gut zu tarnen, merkt an, da habe der Toni jetzt aber "die Alarmglocken" geschlagen. Doch nebendran sitzt der Bundestrainer, der Regisseur des tristen Abends, schimpft demonstrativ ein bisschen, beruhigt aber im selben Atemzug: Ihm bereite "kaum etwas Sorge" - so viel zur Lage der Nation.

Joachim Löw ist nun auch schon 58, und so nonchalant wie er kann derzeit niemand den Eindruck vermitteln, alles schon einmal erlebt zu haben. Nur eines fehlt noch: Zwei Weltmeisterschaften hintereinander hat kein deutscher Trainer gewonnen, nichts anderes strebt Löw in diesem Sommer an. Dass man dazu besser vor als im Turnier verliert, zählt zum kleinen Übungsleiter-Einmaleins.

Größerer Spielraum für personelle Grausamkeiten

Das 0:1 gegen die Brasilianer hat für Löw einige durchaus willkommene Effekte. Zum einen ist diese lästige Serie nach 22 Spielen ohne Niederlage rechtzeitig beendet worden. Zum anderen stärkt das Ergebnis seine oft wiederholte These, dass es nicht so viele Talente von internationaler Klasse gibt, die ihm die Bundesliga zuliefert. Da es aber doch einige Talente mehr sind, als er für die WM nominieren kann, hat Löw nun etwas größeren Spielraum für personelle Grausamkeiten.

Am 15. Mai wird im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund das WM-Aufgebot verkündet. Anschließend erst wird Löw so richtig gefordert sein, er hat in seinen nunmehr zwölf Jahren als Bundestrainer verinnerlicht, dass frühes Alarmglocken-Schlagen gar nichts bringt. Weil die Basis für den Erfolg erst im Trainingslager, dann also in Eppan/Südtirol, gelegt werden muss, und so eine WM erst spät auf der Zielgeraden entschieden wird.

Nichts zählt es da für den Endspurt, dass von den vermeintlichen Härtetests gegen Frankreich (2:2), England (0:0), Spanien (1:1) und Brasilien kein einziger gewonnen wurde. Mit diesem Quartett wäre der Kreis der Titelrivalen fast schon benannt. Ein klarer Favorit ist nicht zu erkennen. Werden die Kräfte konzentriert, haben all diese Teams ähnlich viel Talent. Löw ahnt wohl schon, dass es auf ihn ankommen wird, da es mehr noch als frühere Turniere eine Trainer-WM werden wird. Bei der nicht der Star entscheidet, sondern der, der ihn von außen dirigiert.

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SZ vom 29.03.2018/ska
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