Süddeutsche Zeitung

Fußball-WM:Der Provinzcoach mit Kabinenverbot

  • Unter Nationaltrainer Gian Piero Ventura verpasst Italien die Fußball-WM 2018, danach ist ausgerechnet Ventura einer der wenigen, die nicht schon in der Nacht zurücktreten.
  • Im vergangenen Sommer war er ohne internationale Erfahrung Cheftrainer geworden, vor dem letzten Gruppespiel hat ihn das Team aus der Kabine ausgeschlossen.
  • Carlo Ancelotti ist als möglicher Kandidat für das Traineramt im Gespräch.

Am Tag danach wird vor allem ein Wort bemüht: epochal. Die Blamage, das Desaster, die Demütigung, alles epochal. Die Squadra Azzurra wird nicht zur WM fahren, weil sie in drei Playoff-Stunden gegen die Schweden kein einziges Tor erzielt hat und stattdessen nur erschreckende Ideen- und Talentlosigkeit offenbarte. Sicher, beim Rückspiel im Mailänder Meazza-Stadion war mehr Bewegung drin als im Hinspiel, es gab ein paar Chancen, aber die wurden nicht genutzt, um das 0:1 vom Freitag auszuwetzen. Die Mannschaft erschien sich selbst überlassen, ohne Führung, ohne Orientierung, vor allem aber ohne Selbstvertrauen.

Tatsächlich ein epochales Drama, von dem Szenen bleiben werden wie die Weigerung des Mittelfeld-Veteranen Daniele De Rossi, dem Befehl zur Einwechslung Folge zu leisten, "denn wir brauchen jetzt einen Angreifer. Nehmt Insigne, nicht mich. Wir müssen gewinnen!"

Aber Lorenzo Insigne vom SSC Neapel wurde nicht eingesetzt, und Italien gewann nicht, weshalb die andere epochale Szene der bittere Epilog des Kapitäns Gianluigi Buffon wurde. Buffon, der seine Tränen nicht zurückhalten konnte und in die Fernsehkameras weinte, aber dennoch neben Worten des Bedauerns und des Dankes auch Hoffnung zu formulieren wusste: "Wir haben versagt, uns haben Energie und ein klarer Kopf gefehlt. Wenn du in einem solchen Spiel Pech hast, dann, weil etwas nicht funktioniert. Aber es werden jetzt gute, junge Leute kommen, angefangen bei Gigio Donnarumma." Buffons Nachfolger im Nationalteam ist 18 Jahre alt und Torwart beim AC Mailand. Die Ikone selbst verließ den Platz als Schmerzensmann. Buffons Traum von der sechsten WM-Teilnahme hat sich nicht erfüllt.

Traumatische Erfahrung unter Ventura

Neben ihm verkündeten auch De Rossi und Andrea Barzagli ihren Rücktritt, die beiden anderen Veteranen aus dem Weltmeister-Team von 2006. Giorgio Chiellini, 33, wollte noch offenlassen, ob er weitermacht. "Wir sind bei null angekommen", sagte Chiellini, "im Hinblick auf die Europameisterschaft 2020 brauchen wir dringend einen Neuanfang."

Ob mit ihm oder ohne ihn, das hängt wohl auch vom nächsten Nationaltrainer ab. Der Nachfolger von Gian Piero Ventura wird auf die "Senatorenriege" in der Hintermannschaft nicht mehr zählen können und die Squadra Azzurra vollkommen neu erfinden müssen. Am Dienstag galt Carlo Ancelotti als Favorit für die Rolle des Commissario Tecnico. Allerdings war Ventura da noch gar nicht zurückgetreten.

Unglaublich, aber wahr: In einer der bittersten Nächte seiner Fußballgeschichte erlebte Italien den Abgang großer Sportsmänner, doch die kleinen Männer aus dem Verband kleben weiter an ihren Sesseln. Verbandschef Carlo Tavecchio, 74, weigerte sich vorerst, persönliche Konsequenzen aus einem Debakel zu ziehen, für das er ganz eindeutig die Verantwortung trägt. Denn Tavecchio, der nach dem sofortigen Rücktritt seines Vorgängers angesichts des Vorrunden-Aus bei der WM 2014 ins Amt gehievt wurde, hatte im vergangenen Sommer gegen alle Bedenken der Experten Gian Piero Ventura zum Trainer bestimmt, einen fast 70-Jährigen altgedienten Provinzcoach ohne internationale Erfahrung. Mit diesem Nationaltrainer geriet die WM-Qualifikation des viermaligen Weltmeisters Italien zu einer traumatischen Erfahrung.

Auf Klubebene ist der italienische Fußball wieder obenauf

Dem Gruppengegner Spanien hatten die Italiener nichts entgegenzusetzen, aber auch mit Fußballzwergen wie Israel, Albanien und Mazedonien wurden sie nicht so souverän fertig, als dass es zur Direktqualifikation für die besten Gruppenzweiten gereicht hätte. Ständig probierte Ventura neue Spieler aus, immer konfuser wirkte seine Taktik, immer weniger durchsetzungsfähig erschien sein Team. Bis Buffon und die anderen altgedienten Routiniers den Trainer vor dem letzten Gruppenspiel aus der Kabine ausschlossen und selbst das Ruder übernahmen.

In dem Augenblick war das Band endgültig zerschnitten, und das Ergebnis sah man gegen Schweden: Die Azzurri, die im Sommer 2016 noch als Überraschungstruppe der Europameisterschaft galten, versagten jetzt auch gegen die schwächsten Gegner. Zwar stand die Abwehr noch irgendwie, aber sie wurde in keinem Moment wirklich von der Offensive entlastet.

Auf Klubebene hat der italienische Fußball seine Talsohle eigentlich durchschritten. Juventus Turin, der Verein von Buffon, Chiellini und Barzagli, hatte erst im Juni das Champions-League-Finale erreicht, zum zweiten Mal innerhalb von drei Jahren. Zwar unterlag Juve Real Madrid, wie sie sich 2015 Barcelona geschlagen geben musste. Dennoch hat sich Italiens Rekordmeister wieder auf Europas Bühne etabliert. Juventus-Präsident Andrea Agnelli wurde im September zudem zum neuen Vorsitzenden der europäischen Klubvertretung ECA gewählt. Der AS Rom von Daniele De Rossi brillierte international gegen den FC Chelsea, der SSC Neapel beeindruckt mit seinen Angriffstalenten. Eines davon ist Lorenzo Insigne, der in Mailand gegen Schweden nicht spielen durfte.

"Wir brauchen jetzt ein Programm", sagte nach dem Debakel von Mailand Antonio Cabrini, einer der Weltmeister von 1982: "Man muss aufhören, immer auf ein Wunder zu warten, und endlich an einem Projekt arbeiten. Und wir brauchen Leute im Fußball, die etwas von Fußball verstehen." Dieser Cabrini hat bis vor Kurzem die italienische Frauen-Nationalmannschaft trainiert. Für das Männerteam gilt er jetzt nicht als Kandidat. Dabei versteht er unzweifelhaft etwas von Fußball.

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Quelle:
SZ vom 15.11.2017/ska
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