Süddeutsche Zeitung

Fußball in Europa:Die Super-Liga existiert längst

Pläne für eine europäische Elite-Liga gibt es schon lange. Sie wurden aber nie konkret, weil sie als Drohkulisse den Top-Klubs Geld und Macht sichern. Die Spitzenteams bewegen sich auch so in eigenen Sphären.

Kommentar von Martin Schneider

Europa zittert vor der Super-Liga. Bayern, Real, Barcelona, Paris, Manchester, Turin: Die besten Klubs des Kontinents schweben entrückt von den restlichen Vereinen allein in ihren eigenen Sphären, wo sie Millionen und Abermillionen Euro scheffeln und die besten Spieler durch absurde Gehälter und Ablösesummen an sich binden. Kleinere Vereine spielen in dieser Welt höchstens noch als Talente-Lieferanten eine Rolle, die Titel werden allein unter den Großen aufgeteilt. Wichtig ist nur noch, wer in den galaktischen Gladiatorenkämpfen untereinander obsiegt und die Welt wird von Singapur bis Vancouver dabei zuschauen und Trikots kaufen.

Klingt erschreckend? Nun, das ist nicht die Zukunft. Das ist die Gegenwart.

Am Freitag hat das Magazin Der Spiegel Dokumente veröffentlicht, die im Detail nachzeichnen, wie sich die europäischen Vereine Gedanken um eine sogenannte Super-Liga machen. Das ist erst einmal nichts Neues, diese Gedankenspiele gibt es schon sehr lange und sie finden auch nicht nur in E-Mail-Konten und im Geheimen statt - sondern öffentlich. Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandsvorsitzender des FC Bayern und in dieser Funktion auch bis 2017 Chef der mächtigen Klub-Vereinigung ECA, sagte zum Beispiel in der aktuellen Ausgabe des Magazins 11Freunde: "Ich vermute, dass diese Liga eines Tages kommen wird." Schon vor zwei Jahren sprach Rummenigge bei einer Veranstaltung in Italien und im September 2016 auch in einem Spiegel-Interview von dem, was der Spiegel nun mit Dokumenten aus den "Football Leaks" im Detail nachzeichnete, nämlich: "Es gab Pläne für eine Super-Liga, in der alle Topklubs wesentlich mehr Geld eingenommen hätten."

Neu ist nun, dass Real Madrid laut Spiegel eine Absichtserklärung vorliegen soll, mit einem eher seltsamen und dem Fußball sehr fremden Konzept. Elf Klubs sollen unabsteigbar in einer Super-Liga spielen, dazu sollen fünf "Gäste" kommen, die sehr wohl absteigen können. Bayern München bestreitet, von diesen Plänen gewusst zu haben und auch Rummenigge sagte am Samstag in einem Sky-Interview, dass der FC Bayern auf jeden Fall bis 2024 - also auch im nächsten Fernsehrechtezyklus (die TV-Rechte werden immer für drei Jahre vergeben) in Bundesliga und Champions League bleiben wird. Wahnsinnig akut scheinen die Pläne also nicht zu sein. Ebenso wenig wie der Vorschlag aus der Fifa-Ecke von Präsident Gianni Infantino, mit der absurden Summe von 20 Milliarden Euro eine globale Klub-WM im Sommer austragen zu wollen. Der Plan wurde bei einem Kongress in Ruanda erst einmal vertagt.

Warum sollte man mehrere funktionierende Ligen gegen eine ominöse Super-Liga tauschen?

Der größte Aufreger in den Football-Leaks-Dokumenten ist jedoch der Punkt, dass der FC Bayern juristisch prüfen ließ, die Bundesliga zu verlassen. Karl-Heinz Rummenigge gab das zu und betonte, man habe den Gedanken sofort wieder verworfen und das stünde auch nicht zur Debatte. Auch BVB-Boss Hans-Joachim Watzke sagte, ein Ausstieg aus der Bundesliga sei mit ihm nicht zu machen.

Man muss den beiden also schon eine Frontal-Lüge unterstellen, um weiter an eine Bundesliga ohne Bayern und Dortmund in naher Zukunft zu glauben. Eine Loslösung einzelner Klubs aus den nationalen Ligen scheint auch deshalb unwahrscheinlich, weil dann ja auch die Premier-League-Klubs mitmachen müssten. Die haben aber auf der Insel eine Erfolgs-Liga, die Milliarden abwirft. Warum sollte man also zwei funktionierende Ligen (Premier League und Champions League) gegen eine ominöse Super-Liga tauschen?

Die Drohkulisse Super-Liga ist vielmehr ein alter Verhandlungstrick der Vereine, um der Uefa zu zeigen, wie viel Macht sie haben. Bei der letzten Verhandlung zum Zyklus 2018 bis 2021 hat das dazu geführt, dass die vier großen Ligen (Spanien, England, Italien und Deutschland) vier feste Champions-League-Startplätze bekommen. Neue Anstoßzeiten (18.55 Uhr und 21 Uhr) und mehr Fernsehgeld gab es auch - und die Einnahmen wurden neu verteilt. Rummenigge betont in Interviews immer wieder, als ECA-Vorsitzender auch für kleinere Klubs mehr Geld rausgeholt zu haben (was stimmt), muss aber auch zugeben, dass die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinandergeht.

Denn dass die Top-Klubs Europas bereits jetzt in einer eigenen Welt leben, ist schlicht nicht zu übersehen. Bayern wurde sechsmal in Serie deutscher Meister (auch wenn es gerade so aussieht, als wäre diese Saison die viel beschworene Ausnahme der Regel), Juventus Turin siebenmal italienischer Champion, Paris Saint-Germain ist sechsmal in sieben Jahren französischer Meister geworden und in Spanien gewinnen seit Äonen Barcelona oder Real Madrid die Liga. In der Champions League spielen seit Jahren die mehr oder weniger gleichen acht Klubs das Viertelfinale aus.

Unter den Umständen erscheint es schlicht folgerichtig, dass die Klubs sich zumindest mit dem Gedanken befassen, die Strukturen an die Realität anzupassen.

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