Süddeutsche Zeitung

Deutsches Nationalteam der Frauen:Zeit zum Zusammenwachsen

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Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg gibt den vorläufigen Kader für die EM in diesem Sommer bekannt. In England setzt der DFB auch auf die Hilfe einer echten deutschen Fußball-Legende.

Von Anna Dreher

Am Dienstag sind es noch 33 Tage bis zur Abreise nach England gewesen. Und nun wissen 28 deutsche Fußballerinnen, dass sie mit erhöhter Wahrscheinlichkeit zu denjenigen gehören, die für die vom 6. bis 31. Juli stattfindende Europameisterschaft ihre Koffer packen können, statt sich zu überlegen, was sie bei den Spielen auf den Grill legen. In Frankfurt hat Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg den Kader für die EM-Vorbereitung bekannt gegeben. Am Pfingstsonntag startet das erste Trainingslager, am Ende der Vorbereitung soll idealerweise jede davon überzeugt sein: Wir können den Titel gewinnen.

"Es ist vielleicht so, dass Deutschland nicht zu den Top-Favoriten gehört. Das kann aber auch dazu führen, dass der ein oder andere uns unterschätzt", sagte Voss-Tecklenburg. Die Rolle des zweimaligen Welt- und achtmaligen Europameisters hat sich ja gewandelt in den vergangenen Jahren. 2016 bei Olympia gab es noch Gold, danach vor allem Enttäuschungen.

2017 bei der EM und 2019 bei der WM war jeweils im Viertelfinale Schluss, die Qualifikation für die Sommerspiele 2021 wurde verpasst. Nun soll das große Comeback gelingen. "Ich traue der Mannschaft unglaublich viel zu. Wenn wir gut reinkommen, bin ich davon überzeugt, dass es schwer wird, uns zu schlagen. Dafür brauchen wir aber natürlich auch den Kopf, Überzeugung und Sicherheit."

Mischung aus Führungskräften und jungen Spielerinnen beim DFB

Damit das Unterfangen gelingt, setzt Voss-Tecklenburg auf eine Mischung aus jungen Spielerinnen und erfahrenen Führungskräften. Dass die hochgelobte Mittelfeld-Regisseurin Dzsenifer Marozsan von Olympique Lyon (Kreuzbandriss) und die schwangere Melanie Leupolz (FC Chelsea) fehlen, schmerzt. Die lange verletzte Wolfsburgerin Alexandra Popp hingegen ist rechtzeitig fit geworden, wie auch die routinierte Innenverteidigerin Marina Hegering vom FC Bayern. Kapitänin Popp ist mit 113 Länderspielen die Erfahrenste, dem gegenüber steht Hoffenheims Chantal Hagel mit drei Einsätzen. Deren Klub-Kollegin Jule Brand ist mit 19 Jahren die jüngste im Kader.

Bekräftigt hat die Bundestrainerin die immer wieder thematisierte Hierarchie im Tor: Merle Frohms bleibt die erste Wahl. "Merle ist seit drei Jahren die Nummer eins, an dem Status ändert sich aktuell nichts", sagte Voss-Tecklenburg. Bis nach der WM 2019 hatte Almuth Schult diese Position inne, dann fiel die 31-Jährige aufgrund einer Schulter-OP und der Geburt von Zwillingen länger aus - hofft jedoch weiter auf eine Rückkehr als Stammkeeperin. "Ich sehe nicht, dass die Entscheidung schon in Stein gemeißelt ist", sagte vor einer Woche Schult, die von Wolfsburg nach Los Angeles wechselt und deren Nachfolge beim VfL die bisherige Frankfurterin Frohms antritt.

Von Doublesieger Wolfsburg und dem FC Bayern sind je acht Fußballerinnen im Aufgebot, sechs von Eintracht Frankfurt, vier von Hoffenheim. Aus dem Ausland kommen Sara Däbritz (Paris Saint-Germain) und Torfrau Ann-Katrin Berger (Chelsea) hinzu. Nach dem abschließenden Lehrgang vom 21. bis 29. Juni in Herzogenaurach wird der Kader auf 23 Spielerinnen reduziert.

Zuletzt spielten Deutschlands Fußballfrauen schwach

Der schwache Auftritt zuletzt in der WM-Qualifikation - gegen Serbien gab es eine 2:3-Niederlage - dürfte mit Blick auf die EM eine Mahnung gewesen sein. Dabei helfen soll auch die Erfahrung von Rekordnationalspielerin Birgit Prinz, die als Sportpsychologin und überhaupt als Ratgeberin mitreist. "Sie ist für alle extrem wichtig", sagte Voss-Tecklenburg über die 44-Jährige. Jede Spielerin könne von der dreimaligen Weltfußballerin profitieren: "Sie ist Teil des Trainerteams und bei jeder Besprechung dabei, sie weiß, was wir brauchen und wie wir ticken."

Sich nur in das Turnier einzugrooven wird nicht funktionieren. Deutschland trifft in der Gruppenphase auf zwei Nationen, die Voss-Tecklenburg zu Recht zu den Titelanwärtern zählt: der EM-Zweite Dänemark (8. Juli) und Spanien (12. Juli). Die dritte Gruppenpartie findet gegen Finnland am 16. Juli statt. Frankreich, die Niederlande, Schweden, Norwegen und den möglichen Viertelfinalgegner England sieht die Bundestrainerin außerdem in der Favoritenrolle: "Das gab es aus meiner Perspektive so noch nie, dass man so viele auf dem Schirm haben muss."

Energie, Selbstbewusstsein, Unbekümmertheit, Spielfreude, das waren die Schlagworte am Dienstag. In der Vorbereitung soll das Team "ganz eng zusammenwachsen", auch deshalb wird es lediglich am 24. Juni gegen die Schweiz in Erfurt ein Länderspiel geben. "Wir brauchen einfach die Trainingszeit, um individuelle Anpassungen hinzubekommen", sagte Voss-Tecklenburg. "Wir haben uns sehr viele detaillierte Gedanken dazu gemacht, wie wir die Vorbereitung angehen, extrem viel kommuniziert und die Spielerinnen eingebunden." Nicht alle sind bei allen Vorbereitungs-Lehrgängen mit dabei, jede soll zumindest zwei Wochen Urlaub machen - um dann möglichst frisch in den Beinen und frei im Kopf am 3. Juli in den Flieger nach England zu steigen.

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