Süddeutsche Zeitung

Formel 1:Im Eiltempo zur Revanche

Noch nie in 70 Jahren Formel 1 wurden zwei Rennen in einer Woche auf der gleichen Strecke gefahren. Das bringt den Teams wertvolle Daten - die vor allem Ferrari gebrauchen kann.

Von Elmar Brümmer

An Sommertagen wie diesen, wenn es nachmittags um vier so düster ist wie abends um sechs im November, schwankt die Stimmung im Fahrerlager der Formel 1. Die fortgesetzten Wolkenbrüche über dem Murtal hatten schon verhindert, dass ein Abschlusstraining zum Großen Preis der Steiermark stattfinden konnte, und auch die Qualifikation musste um eine Dreiviertelstunde verschoben werden. Der Kalauer von den Schwimmreifen machte angesichts des Aquaplanings auf der Berg- und Talbahn die Runde.

Michael Masi, der Renndirektor, wirkt in diesen Situationen sehr ernst. Der Australier ist für die Sicherheit verantwortlich, und er kann gar nicht vorsichtig genug sein. Tapfer antwortete er auf die Frage, wie interessant ein Qualifying im Dauerregen werden würde: "Das Wort interessant halte ich für untertrieben." Einzig die 20 Rennfahrer lieben bei allen Klagen über die miserable Sicht solche Verhältnisse: die schwächeren, weil sie im Chaos eine Chance wittern nach vorn zu kommen. Die starken, weil sie zeigen können, wie gut sie wirklich sind.

Masi hatte dann das richtige Timing für den Start erwischt, und die Top-Piloten Lewis Hamilton und Max Verstappen lieferten sich bis zur letzten Runde ein Duell um die Pole-Position. Die ging zum insgesamt 89. Mal an den Weltmeister im Mercedes, nachdem sich der Niederländer mit dem Red Bull in der Schlusskurve von der Strecke gedreht hatte. Hamiltons Physiotherapeutin Angela Cullen begann daraufhin, den Ellbogen rauszustrecken - um sich mit der Boxencrew ihres Schützlings auf virenfeindliche Art zu beglückwünschen. (Hier finden Sie die Startaufstellung)

"Genial", gratulierte der Renningenieur über Funk, "genial" kam das Lob an die Mechanikermannschaft zurück. Valtteri Bottas, Sieger des ersten Rennens an gleicher Stelle vor einer Woche, wurde diesmal Vierter. Die Ferrari-Piloten Sebastian Vettel und Charles Leclerc belegten die Plätze zehn und elf und müssen einmal mehr auf Rennglück hoffen. Die Rennlotterie geht am Sonntag in eine neue Ausspielung, denn dann sind wieder trockene Wetterverhältnisse angesagt. Es scheint so, dass die Königsklasse bei ihrem verspäteten Saisonstart von allen Elementen der Dramatik begleitet werden. Die Reise ins Ungewisse dürfte sich fortsetzen.

Einmal ist kein Mal, zweimal ist nochmal? Erstmals in 70 Jahren Formel 1 werden zwei Rennen auf der selben Strecke hintereinander ausgetragen. Das erlaubt zwischen dem Großen Preis von Österreich und dem Großen Preis der Steiermark direkte Rückschlüsse darauf, wer wirklich wo steht - und wer sich in der Zwischenzeit verbessern konnte. Zum wiederholten Mal die gleiche Streckencharakteristik, gleichbleibende Parameter bei der aufwändigen Rennwagenabstimmung, aktuelles Datenmaterial gegenüber den für gewöhnlich ein Jahr alten Werten, mit denen die Supercomputer gefüttert werden.

Beim Saisonauftakt überraschte die hohe Ausfallquote

Wenn man die Fahrzeuge besser versteht, müssten sie besser und schneller werden. Schöne Theorie. Zumindest wissen die Ingenieure was warum nicht funktioniert hat. Wiedergutmachung oder Revanche werden durch den Not-Kalender im Eiltempo ermöglicht. Das tut auch not, denn beim Saisonauftakt kamen nur elf von 20 Autos in Ziel, die höchste Ausfallquote seit 2008. Bei aller Chance fährt vor allem die Angst mit, selbst bei Gastgeber Red Bull, der vor Wochenfrist eine Nullnummer abgeliefert hat.

Die Kapriolen ergeben ganz neue Konstellationen, nichts ist mehr festgefahren - das erhöht die Attraktivität für die Zuschauer beim Bergrennen. Aber wie kann technisches Bangen überhaupt möglich sein in einer minutiös durchgetakteten Welt, in der hochgezüchtete Technik die Rennwagen angeblich eine Million Euro teuer macht? Vor 30 Jahren waren Ausfallerscheinungen normal, aber mit Einführung der Elektronik sank die Quote des Versagens rapide, die meisten Schäden waren nur noch Versehen oder Renn-Pech. Im letzten Jahr sahen im Schnitt 17 von 20 Fahrern die Zielflagge.

Vettel bringt seinen Standardsatz

Jetzt wächst nicht nur der Wunsch nach besseren Resultaten, sondern auch nach mehr Stabilität: "Zwei Rennen in Folge auf einer Strecke ist neben allem anderen in diesem Sommer nochmal ungewöhnlicher. Aber für mich bietet sich eine Chance, es besser zu machen als letzten Sonntag", sagt Sebastian Vettel, "was wir dabei gelernt haben, könnte nützlich sein." Eilig ist in Maranello auf Anweisung von Ferrari-Chef Louis Camilleri die Teileproduktion hochgefahren worden: "Wir mussten sofort auf die schlechten Startpositionen von letzter Woche reagieren. Deshalb bringen wir heute an die Rennstrecke was für morgen geplant war." Der Manager verspricht auch: "Bei Ferrari werden die Ärmel hochgekrempelt. Wir stellen uns der Situation und heulen nicht." So richtig Wirkung gezeigt haben die aerodynamischen Änderungen bislang nicht. Vettel konnte nach der Qualifikation seinen Standardsatz abrufen: "Wir waren einfach nicht schnell genug."

Unter den vielen willkommenen Unwägbarkeiten beim Geister-Rennen ist die Anfälligkeit der Autos natürlich eine unerwünschte. Plötzlich reichen die österreichischen Randsteine, um sogar die Perfektionisten bei Mercedes in die Bredouille zu bringen. "Wir hatten Glück, dass wir überhaupt ins Ziel gekommen sind", gesteht Teamchef Toto Wolff im Rückblick über den Auftaktsieg von Valtteri Bottas, "die Zuverlässigkeit hat uns einige Sorgenfalten bereitete. In einer kürzeren Saison mit einer noch nicht bestimmten Anzahl an Rennen kommt es auf jeden Punkt an." Damit Getriebe und Sensoren durch die Vibrationen nicht wieder drohen verrückt zu spielen, wurden in der Rennfabrik in Brackley neue, stabilisierende Teile gefertigt und nach Österreich gebracht. Ein Kabelbaum wurde als größter Risikofaktor ausgemacht. Wolff warnt trotzdem: "Da zwischen den beiden Rennen nur wenige Tage liegen, gibt es noch immer viele Unbekannte." Die generelle Demut steht der Formel 1 aber ganz gut zu Gesicht.

Die Bremsen bei Haas, die Motoren von Honda, die Aerodynamik von Ferrari - hier knirscht was, da zickt es noch, die Temperaturen und die Luft auf 680 Metern Höhe werden unbekömmlich. Die kurze, hügelige Piste von Spielberg galt mit ihren 72 Prozent Vollgasanteil und brutalen Bremspunkten schon immer als materialmordend, hinzu kommt die lange Corona-Zwangspause in den Rennfabriken. Die Abläufe sind empfindlich gestört, viele Teams befinden sich in einer technischen Aufholjagd, sind andererseits angehalten zu sparen. Eine Gratwanderung. Dazu kommt die Nervosität, die unter der zur Schau gestellten Coolness zunehmend wächst. So viel flächendeckender Druck war zu Beginn einer Saison selten.

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