Süddeutsche Zeitung

3:2 für den FC Bayern:Lässig erst kurz vor dem Abpfiff

Aus dem Stadion von Benedikt Warmbrunn

Diese Szene, die für ihn und die gesamte Abwehr des FC Bayern eine mittlere Peinlichkeit war, schloss Manuel Neuer zumindest mit einer artistisch anspruchsvollen Aktion ab. Der Torwart sprang in die Höhe, schon in der Luft drehte er sich, dann rollte er sich ab. Es war eine Rolle des reinen Ärgers.

Es lief die 44. Minute im Heimspiel des FC Bayern am Freitag gegen den SC Paderborn, der Tabellenführer lag gegen den Tabellenletzten 1:0 vorne. Dann spielte Paderborn den Ball noch einmal so nach vorne, wie die Gäste es die ganze Zeit versucht hatten, weit, sehr weit. Streli Mamba, der zuvor meistens den Ball bekommen hatte, stand jedoch im Abseits, er erkannte das, und mit ihm die Verteidiger des FC Bayern. Nicht im Abseits aber stand Dennis Srbeny, und so nahm die Peinlichkeit ihren Lauf.

Neuer stürmte wild aus seinem Tor heraus, Srbeny war schneller, tunnelte Neuer. Als nächstes stürmte Abwehrchef David Alaba heran, er grätschte, aber er war zu schnell für Srbeny, Alaba rutschte ins Aus. Der Paderborner musste den Ball nur noch ins Tor schieben, zwischen Joshua Kimmich und Álvaro Odriozola hindurch. Wenig später folgte die ersehnte Pause.

"Ich hatte Respekt davor, ihn umzuhauen", erklärte Neuer später bei Dazn die Szene, "weil das eine rote Karte nach sich zieht. Ich hatte das Gefühl, dass er vor mir an den Ball kommt - darum sieht es so aus, wie es aussieht. Das gehört zu meinem Spiel dazu und passiert halt mal."

"Paderborn hat uns absolut gefordert bis zum Letzten", sagt Trainer Hansi Flick

Sie hatten sich das beim FC Bayern ja so angenehm vorgestellt, ein Spiel am Freitag, gegen den Tabellenletzten, das klang nach einem entspannten Einspielen für das Hinspiel im Achtelfinale der Champions League am Dienstag beim FC Chelsea (der dann übrigens definitiv auf seinen verletzten Strategen N'Golo Kanté verzichten muss). Dann aber fehlten die gelbgesperrten Pavard und Boateng - also die Hälfte der Abwehrkette einer ohnehin dünn besetzten Mannschaft. Und weil Trainer Hansi Flick ohnehin improvisieren musste, improvisierte er gleich richtig. Das Spiel der Bayern, es verlief dann lange schleppend. Und so wurde es ein zäher Abend. Erst ein spätes Tor durch Robert Lewandowski sorgte dafür, dass die Peinlichkeit der ersten Halbzeit ungestraft blieb, der FC Bayern erkämpfte sich mühsam ein 3:2 (1:1).

"Paderborn", sagte Flick, der Gästetrainer Steffen Baumgart nach dem Abpfiff lange umarmt hatte, "hat uns absolut gefordert bis zum Letzten."

Die wohl beruhigendste Erkenntnis, die Flick aus dieser Partie mitnehmen darf, ist es, dass er mit dieser Abwehr, über die sich Neuer in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit so famos aufregte, wohl nie wieder spielen lassen muss. Kimmich, Alaba und Lucas Hernández bildeten eine Art zentrale Dreierkette, Alphonso Davies auf links und Odriozola auf rechts agierten als vorgezogene Außenverteidiger. Für Kimmich rückte Corentin Tolisso auf den Posten vor der Abwehr; weiter vorne schonte Flick zunächst Thomas Müller, für diesen begann Philippe Coutinho. Es war eine Elf, die das Geschehen gegen den Außenseiter dominierte, aber ihr fehlte dieser kraftstrotzende Vorwärtsdrang, der die Bayern unter Flick eigentlich auszeichnet.

Immer wieder scheitern die Bayern an Zingerle

Die erste Halbzeit ist schnell erzählt: Die Bayern hatten wenige gute bis bessere Chancen, ohne dafür gut oder gar besser als sonst spielen zu müssen. Paderborn hatte dem Münchner Einzelkönnen wenig entgegenzusetzen, deutlich war das bei der Führung zu sehen: Serge Gnabry setzte sich gegen vier Verteidiger durch, schoss gegen die Laufrichtung aller, auch von Torwart Leopold Zingerle - es war Gnabrys 40. Tor im 100. Bundesligaspiel (25.). Kurz vor der Pause hätte der Gastgeber den Vorsprung erhöhen können, doch Coutinho versuchte es selbst, passte nicht zum völlig freistehenden Robert Lewandowski - Zingerle parierte (41.).

Paderborn setzte auf weite, sehr weite Bälle, auf Konter, meistens nahm Neuer den Ball weit vor seinem Tor an, bevor die Situation gefährlich werden konnte. Meistens. Nur eben in der 44. Minute nicht.

In der zweiten Halbzeit spielten die Bayern wieder mit mehr Kraft, doch dass es lange zäh blieb, das lag an einem alten Bekannten: an Leopold Zingerle, der 13 Jahre lang für den FC Bayern gespielt hatte, bis 2015.

Zingerle wehrte mit einem flink ausgefahrenen Arm einen Schuss von Lewandowski ab (53.). Wenige Sekunden später parierte er auf der Linie einen Kopfball von Lewandowski, um dann den Ball gerade noch vor dem Münchner Angreifer wegzukicken. In der 66. Minute scheiterte der eingewechselte Kingsley Coman aus spitzem Winkel an Zingerle. Vier Minuten später war aber auch der prächtig aufgelegte Torwart chancenlos, nach einem feinen Zuspiel von Gnabry traf Lewandowski. In der 72. Minute aber war es wieder Zingerle, der Paderborn im Spiel hielt, als er weit aus seinem Tor herausgelaufen kam, sich den Ball vor Coman schnappte - hätte er dieses Duell verloren, hätte Coman getroffen, es wäre wohl schon die Entscheidung gewesen.

So aber konnte Paderborn weiter an die eigenen Konter glauben, und entsprechend lief in der 75. Minute Dennis Jastrzembski alleine auf das Münchner Tor zu, seinen Schuss wehrte Neuer ab. Allerdings nur in die Mitte, und dort traf Sven Michel mit einem Abstauber aus kurzer Distanz.

Dass der FC Bayern die Tabellenführung dennoch verteidigte, das verdankte der Klub einen weiteren Kooperation von Gnabry und Lewandowski. Gnabry flankte in der 87. Minute erneut, und in der Mitte wartete Lewandowski wieder, er traf ganz cool. Es war ein Tor, das in seiner Lässigkeit nicht zu diesem zähen Abend passte.

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SZ vom 22.02.2020
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