Süddeutsche Zeitung

FC Bayern München:Mit 23 Jahren Chefscout der Bayern-Jugend

  • Nachdem die Verantwortlichen für die Jugendarbeit, Michael Tarnat und Jürgen Jung, den FC Bayern München verlassen hatten, musste schnell Ersatz her.
  • Die Bayern trafen dabei eine ungewöhnliche Entscheidung: Sie beförderten den erst 23-jährigen Timon Pauls zum Chefscout für die Bayern-Jugend.
  • Kein Schnellschuss, denn Pauls hat bereits jahrelange Erfahrung im Scouting-Bereich.

Von Christoph Leischwitz

Es ist an sich nichts Besonderes, dass ein 16-Jähriger aus Liebe zum Fußball weite Ausflüge auf sich nimmt, der heute 23-jährige Timon Pauls sticht da nicht sonderlich heraus. Bevor er den Führerschein machte, hat er immer wieder lange S-Bahn- und Busfahrten auf sich genommen, oft kam er dann erst spät abends wieder nach Hause. Doch es gab bei Pauls einen kleinen Unterschied zu den vielen Gleichaltrigen: Er spielte damals schon gar nicht mehr Fußball. Er war Scout. Spielerbeobachter also.

Schon früh lernte Pauls, weitreichende Entscheidungen für einen Profi-Fußballverein zu treffen - mit 16 schon suchte er für den TSV 1860 München nach gutem Nachwuchs. Gute Voraussetzungen also auf eine vielversprechende Karriere. Seit vergangener Woche ist Timon Pauls beim FC Bayern hauptverantwortlich für das Scouting von Kindern und Jugendlichen bis 15 Jahren.

Uli Hoeneß verhalf Pauls zu der Stelle

Zuvor absolvierte er zunächst ein Freiwilliges Soziales Jahr und schließlich ein dualen Studium an der Geschäftsstelle an der Säbener Straße. Die Entscheidung, dass der junge Mann nach fünf Jahren beim Rekordmeister neuer Chefscout im Juniorenbereich wird, traf Uli Hoeneß, der frühere Präsident und aktuelle Vereinsmitarbeiter. "Er hat mich gefragt, ob ich mir das zutraue, und ich habe natürlich sofort Ja gesagt", erzählt Pauls.

Es musste ja schnell gehen beim FC Bayern, nachdem Michael Tarnat und Jürgen Jung vor zwei Wochen den Meister verlassen hatten. Von Letzterem hat Pauls nun den Job übernommen, Peter Wenninger ist neuer Sportlicher Leiter für die Jüngeren. Doch wenn man sich im Verein umhört, wird schnell klar, dass es sich bei der Entscheidung für den 23-Jährigen keineswegs um Aktionismus gehandelt hat.

Vielmehr ist Pauls offenbar einer, der eines Tages noch mehr Verantwortung im Verein übernehmen kann. Überall ist nur Lob zu hören: für seine schnelle Auffassungsgabe, sein Organisationstalent, seine akribische Umsetzung. Er sei ein guter Beobachter und vor allem ein guter Zuhörer, was gerade in Gesprächen mit Eltern von jungen Spielern wichtig ist.

In der C-Jugend organisierte er ein Spiel gegen Sparta Prag

Wenn Pauls selbst dann noch erzählt, dass er jeden Morgen zwei Stunden auf seine Prüfungen für den Bachelor in Sportökonomie lernt, dann wirkt das, was er tut, schon extrem zielstrebig. Geplant sei es aber nicht gewesen: "Ich habe zunächst keine Ambitionen gehabt, damit Karriere zu machen. Es hat einfach nur Spaß gemacht", sagt Pauls über sein frühes Hobby, vom Spielfeldrand aus Talente zu entdecken, anstatt selbst zu kicken. Zumal er bald merkte, dass er einfach besser beobachten als spielen kann. "Ich war recht früh ziemlich weit", sagt Pauls über seine Entwicklung.

Es begann damit, dass mit seiner damaligen C-Jugendmannschaft vom SC Amicitia München ein kleines Trainingslager in Tschechien anstand. "Was ich damals nicht verstanden habe: Warum wir dann nicht auch gegen Mannschaften vor Ort spielen", erzählt Pauls. Also fragte er seinen Trainer, ob er da nicht etwas machen könne. Der Trainer tat das dann zwar auch, aber Pauls war da schon weiter: Er hatte in der Zwischenzeit bereits eigenhändig ein Freundschaftsspiel mit der Jugendmannschaft von Sparta Prag vereinbart.

Auch wenn seine Karriere noch jung ist, hat Pauls doch so viel erlebt, dass sich schon jetzt Wege kreuzen - und diese führten zu den Bayern. Zum einen war da eine zweiwöchige Hospitanz bei Hannover 96. Pauls lernte dort Michael Tarnat kennen, weil dessen Sohn dort damals in der E-Jugend spielte. Bei 1860 München lernte er Jürgen Jung als Chefscout der Löwen kennen. Es ist ein Treppenwitz, dass Pauls seine Festanstellung beim FC Bayern erhielt, als ausgerechnet Tarnat und Jung den Klub verließen.

Die Weltreise steht noch aus

In jungen Jahren hatte der Rekordmeister ihn noch freundlich, aber deutlich abgelehnt, als er mit 16 eine Art Initiativbewerbung schrieb: Ihn würde so ziemlich alles interessieren, was gerade frei ist, das würde er gerne machen. Doch da stand eben noch nichts im Lebenslauf. Der sollte sich schnell füllen: Pauls machte bald Hospitanzen, er coachte und scoutete für 1860 sowie den FT Gern. In Gern ist Daniela Lahm, die Mutter von Bayern-Kapitän Philipp, Jugendleiterin. "Sie hat mir damals gesagt: Ich merke, dass du das leistungsmäßiger aufziehen willst." Und empfahl ihm, bei den größeren Klubs anzufragen.

Mit seiner Arbeit für 1860 fiel Pauls schließlich Michael Tarnat und damit auch dem FC Bayern auf, und nun haben sie ihn befördert, vielleicht nicht zum letzten Mal. Ob er in seinem doch recht durchgetakteten Leben nicht doch irgendwas vermisse? "Eine Weltreise hätte ich gerne gemacht", sagt Pauls. Es ist allerdings gut möglich, dass der Spielerbeobachter beruflich noch recht weit herumkommen wird.

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SZ vom 03.02.2016/tbr
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