Süddeutsche Zeitung

FC Bayern:Thiago verhindert unangenehme Debatten

  • Der FC Bayern siegt in Mainz vor allem dank einer starken Vorstellung von Thiago.
  • Der Spanier ist in dieser Saison der Fixpunkt bei den Münchnern - in der aktuellen Form sind die Bayern aber noch kein Titelkandidat.
  • Hier geht es zur Tabelle der Fußball-Bundesliga.

Von Johannes Aumüller, Mainz

Thiago Alcantara do Nascimento musste noch ein bisschen länger bleiben. Der Mittelfeldspieler des FC Bayern stand schon umzieh- und duschbereit in der Nähe des Kabineneingangs, da eilte noch ein Mann in einem grauen Leibchen herbei und wies den Spanier höflich darauf hin, dass vor allen weiteren Handlungen eine Dopingprobe abzugeben sei. "Super", entfuhr es Thiago, ehe er pflichtgemäß dem Aufpasser ins richtige Räumchen des Mainzer Stadions hinterhertrabte.

Thiago und die Dopingkontrollen, das ist ein Thema, das dem FC Bayern vor zwei Jahren mal eine unangenehme Debatte bescherte, weil der Spanier während einer Verletzungspause einen Test verpasste. Aber an diesem Samstag in Mainz half Thiago dem FC Bayern, unangenehme Debatten zu ersparen - nicht nur wegen seines korrekten Verhaltens bei der Anti-Doping-Prozedur, sondern auch wegen seiner sportlichen Leistung.

Der Spanier war der beste Akteur seines Teams, gekrönt hat er seinen Auftritt in der 62. Minute, als Robert Lewandowski den Ball von der Grundlinie in die Strafraummitte spielte und Thiago von dort zum 2:1 (1:0)-Siegtor vollendete. So war es in erster Linie sein Verdienst, dass die Münchner nun nicht den nächsten Rückschlag diskutieren müssen. Sondern sich freuen dürfen, dass der Abstand auf Tabellenführer Borussia Dortmund nur noch zwei Punkte beträgt.

Über Rödinghausen, Freiburg und Athen soll die Siegesserie weitergehen

Es ist ein seltsames Stadium, in dem sich der FC Bayern befindet. Nach vier sieglosen Spielen und einer irritierenden Pressekonferenz der Klub-Bosse hat er binnen einer Woche dreimal gewonnen (3:1 in Wolfsburg, 2:0 in Athen, 2:1 in Mainz). Er durfte sich in Mainz auch als verdienter Sieger fühlen, zumal es neben den Treffern von Leon Goretzka (39.) und Thiago einen Lattenschuss von Joshua Kimmich (27.), ein nach Hinweis des Video-Assistenten aberkanntes Tor von Thiago (31.) sowie einen Pfostentreffer von Javi Martinez (77.) gab. Mainz hingegen hatte außer dem zwischenzeitlichen 1:1 von Jean-Paul Boëtius (48.) keine herausragende Chance mehr.

Aber die Münchner Laune ist noch nicht wirklich gut, und zu forschen Ansagen hat der Auftritt auch niemanden verleitet. Sie waren selbst nicht zufrieden mit ihrer spielerischen Darbietung, kreativ wirkten sie nicht, und souverän auch nicht. Stattdessen betonten sie so sehr den Arbeitscharakter ihres Auftrittes, dass Fans und Verantwortliche des Lokalrivalen TSV 1860 einen Angriff auf ihren Status als Münchens Arbeiterverein befürchten müssen.

"Es war ein Arbeitssieg", sagte Trainer Niko Kovac. "Es war ganz klar ein Arbeitssieg", sagte Joshua Kimmich. Thomas Müller wiederum kreierte die Phrase, man müsse in diesen Spielen halt "drei Punkte nach Hause arbeiten". Und als Kovac die Frage beantworten sollte, ob die Ergebniskrise nun überwunden sei, sagte er: "Das ist schwierig zu sagen. Wir müssen uns alles hart", natürlich, "erarbeiten."

Überraschendes von Lewandowski

Aber es haben sich in diesen drei Spielen auch einige Akteure als stabilisierende Faktoren erwiesen, Angreifer Robert Lewandowski zählt durchaus dazu. Schon gegen Wolfsburg traf er zweimal (und bereitete ein Tor vor), gegen Athen einmal, und nun in Mainz tat er ein paar Dinge, mit denen sein Name gemeinhin nicht unbedingt in Verbindung gebracht wird. An auffallend vielen Orten des Spielfeldes hat er sich in Zweikämpfe geworfen, und er hat ein paar sehenswerte Vorlagen gespielt, zum letztlich erfolglosen Konter-Sprint von Verteidiger Niklas Süle (79.) über den ganzen Platz etwa und eben auch zu Thiagos Siegtor.

Noch mehr erweist sich in diesen Tagen aber dieser Thiago als Münchner Arbeiterführer. "Thiago oder nix", das waren bekanntlich die Worte, mit denen Münchens ehemaliger Trainer Pep Guardiola bei den Klub-Patriarchen um dessen Transfer aus Barcelona warb. Auch wenn der Mittelfeldakteur in seiner inzwischen fünfjährigen Tätigkeit für den FCB schon sehr gute Phasen hatte, so drängt sich in diesen Tagen noch mal besonders die Frage auf, was los wäre, wenn sich die Münchner damals für nix entschieden hätten.

Wie schon in den vergangenen Partien war der Spanier auch in Mainz die Schaltzentrale des Spiels - und der Einzige, der in seinen Aktionen grundsätzlich sicher wirkte. Nebenbei führte und gewann er auch ziemlich viele Zweikämpfe und rannte zudem mehr als jeder Mitspieler (12,08 Kilometer). Nur manchmal konnte er einem leid tun, weil er dann wie ein Dirigent wirkte, der sein Orchester gerne zu einem Spiel antreiben würde, das der Berliner Philharmonie würdig ist - der es aber dann schon als zufriedenstellend werten muss, wenn niemand den Einsatz verpasst.

Es gehört aus Münchner Sicht zu den glücklichen Fügungen, dass im Moment ihrer Krise leichtere Gegner wie Wolfsburg, Athen oder Mainz anstanden und nun ähnliche Kaliber wie der Viertligist Rödinghausen (DFB-Pokal), Freiburg (Bundesliga) und wieder Athen (Champions League) folgen. Erst danach geht es gegen einen wirklich schweren Kontrahenten, zum Bundesliga-Spitzenspiel bei Borussia Dortmund. "Wir dürfen uns bis dahin nicht damit zufrieden geben, nur Spiele zu gewinnen", sagte Joshua Kimmich, "sondern auch die Art und Weise muss passen."

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SZ vom 29.10.2018/jbe
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