Süddeutsche Zeitung

"Hängende Spitze":Softer Elfmeter? Wie schön!

Dass Thomas Müller einen neuen Fachbegriff einführt, ist sehr zu begrüßen - das oft grimmige Klima im Fußball kann durch schönfärberisches Vokabular bewusst gelindert werden.

Glosse von Ulrich Hartmann

In der Nachspielzeit mit einem umstrittenen Elfmeter bestraft und dadurch des Sieges beraubt zu werden, ist hart. Umso verwirrender erschien, dass die Bayern gegen Leverkusen solch eine Entscheidung nach zartem Kontakt als "soften Elfmeter" bezeichneten. Der Trainer Thomas Tuchel hat die Formulierung des "weichen Strafstoßes" vermutlich aus England mitgebracht, wo man von einem "soft penalty" spricht, wenn ein Elfmeter nicht eindeutig und hart, sondern umstritten und weich ist und von den Geschädigten allenfalls zähneknirschend akzeptiert werden kann.

Bayerns Angreifer Thomas Müller nahm den Begriff am Freitagabend ebenso auf wie der Frankfurter Torwart Kevin Trapp am Samstagabend nach einem "soften Elfmeter" für Bochum eine Viertelstunde vor Schluss zum 1:1-Endstand. Damit dürfte der "softe Elfmeter" nun offiziell ins deutsche Fußballjargon aufgenommen sein.

Kritiker von Verweichlichung und Anglizismen, nennen wir sie Hardliner, brauchen sich jetzt nicht aufzuregen, sie könnten vielmehr ihre Soft Skills beim zwischenmenschlichen Umgang überprüfen, zur Beruhigung ein Softeis lecken, sanftem Softrock lauschen und auf dem Computer checken, ob der Konsum von Softpornos eigentlich ihrer Software schadet. Die Begriffe soft, sanft, weich und flauschig wecken durchaus positive Emotionen, was den soften Elfmeter zu einem paradoxen Begriff macht, weil das Vokabular geschädigter Spieler nach einem soften Elfmeter tendenziell grob ausfällt.

Als versöhnlich-therapeutische Sprachregelung ist der "softe Elfmeter" allerdings zu begrüßen, denn er besänftigt aggressive Hilflosigkeit bei jenen Spielern und Trainern, die sechs Jahre nach der Einführung des Video Assistant Referee immer noch nicht verwinden, dass es jede Woche Streit gibt. Das oft grimmige Klima im Fußball kann durch schönfärberisches Vokabular bewusst gelindert werden. Formulierungen wie "liebevoller Platzverweis", "fürsorglicher Ellbogencheck" und "zärtliche Blutgrätsche" sollen hier nur als erste Anregungen dienen.

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