Süddeutsche Zeitung

FC Barcelona:Postapokalypse now

Die hohen Schulden des Klubs sind die Folgen einer wahnwitzigen Gehalts- und Einkaufspolitik. Dem gesellschaftlichen Konstrukt Barça könnte langfristig eine Transformation drohen.

Kommentar von Javier Cáceres

Am 7. März wird das Wahlvolk des FC Barcelona einen neuen Präsidenten küren. Und damit die institutionelle Krise des Klubs beenden, der seit einigen Monaten von einem Interimspräsidenten namens Carles Tusquets geführt wird. Das war's dann aber schon mit guten Nachrichten für Mitglieder und Sympathisanten des katalanischen Traditionsvereins, dessen Selbstverständnis ("Més que un club", "Mehr als ein Klub") sich auch und vor allem aus der demokratisch begründeten Führung des Klubs speist. Alles andere: verheerend. Am Mittwoch fühlte sich die Zeitung El Periódico de Catalunya an das verwüstete Camp Nou erinnert, das in "Segon Origen" auftauche - einem Film von 2015, den man nicht unbedingt kennen muss. Um im aktuellen Kontext den Bezug zum FC Barcelona zu verstehen, reicht es, wenn man Folgendes weiß: "Segon Origen" ist die Verfilmung eines postapokalyptischen Science-Fiction-Romans aus den 1970er-Jahren.

Postapokalypse now? Exakt! Es sind Zahlen aus einer neuen Dimension, die zu dieser Betrachtung geführt haben. Wie nun bekannt wurde, lagen die Verbindlichkeiten Barças zum Stichtag 30. Juni 2020 bei fast 1,2 Milliarden Euro; dass der Erzrivale Real Madrid auch nicht weit von der Milliardengrenze entfernt ist, Verbindlichkeiten in Höhe von 901 Millionen Euro die Stirn bieten muss, macht die Sache nicht erträglicher. Zumal sich die Struktur der sog. "Passiva" unterscheidet. Bei Real Madrid belaufen sich die Außenstände, die binnen eines Jahres beglichen werden müssen, auf 203 Millionen Euro; bei Barça liegen die kurzfristigen Schulden bei gleich 730 Millionen Euro. Allein bei den Banken steht Barça mit 256 Millionen Euro in der Kreide, und das wiegt weit schwerer als die Schulden bei anderen Klubs.

Wie es dazu kommen konnte? Durch eine in der Rückschau wahnwitzige Gehalts- und Einkaufspolitik unter dem im Spätherbst zurückgetretenen Josep Maria Bartomeu. Nichts verkörpert sie anschaulicher als die Wechsel des früheren Dortmunders Ousmane Dembélé und/oder des ehemaligen Liverpool-Profis (und späteren Bayern-Leihkickers) Coutinho. Sie sollten den 2017 nach Paris abgewanderten Neymar ersetzen und produzierten doch bloß Kosten. Ihre Ablösen betrugen zusammen fast 300 Millionen Euro. Dazu kommen diverse Spekulationsobjekte, die fehlschlugen. Wem sind schon Malcom Oliveira, Junior Firpo oder Emerson ein Begriff, für die Barcelona Girondins Bordeaux, Atlético Mineiro bzw. Betis Sevilla noch 30 Millionen Euro schuldet? Was andererseits auch nicht mehr ist als die jährliche Zinslast des Klubs.

Sie wird auch deshalb drückender, weil der Klub irrlichternde Gehälter zahlt. Als Ex-Boss Bartomeu im Sommer 2014 das Amt übernahm, wandte der Klub knapp 320 Millionen Euro für Löhne und Gehälter auf. In der Saison 2019/2020 lagen sie auch nach dem Gehaltsverzicht der Stars bei weit mehr als 600 Millionen Euro - beziehungsweise bei 74 Prozent der Einnahmen. Sie waren für 2019/20 auf eine Milliarde Euro veranschlagt worden und sackten auf rund 700 Millionen Euro ab.

Der Staub auf den Registrierkassen, so viel ist gewiss, wird bleiben; Barcelonas Handlungsspielraum auf dem Transfermarkt liegt deshalb bei null. Das hat Folgen: Angeblich will Barcelona alles tun, um Kapitän Lionel Messi zu halten, der wiederum ein erfolgversprechendes sportliches Projekt verlangt: neue Spieler also und ein angemessenes Salär, um seinen im Sommer auslaufenden Kontrakt zu verlängern. Zurzeit muss Barcelona eine satt dreistellige Millionen-Euro-Summe aufbringen, um Messis Jahressalär zu stemmen.

Wäre Barca ein Staat, hätten EU-Kommission, Europäische Zentralbank und Internationaler Währungsfond (IWF) längst ihre legendären "Men in Black" geschickt, um sozialstaatliche Leistungen zu zertrümmern, sprich: das betroffene Gemeinwesen zu "modernisieren" und zu "reformieren", wie die in solchen Fällen üblichen Euphemismen lauten. Im Falle Barcelonas haben sich die Banken einträgliche Geschäfte als Bürgschaften gesichert. Zum Beispiel: die Firmen, die Merchandising-Produkte in Asien und Nordamerika verticken. Solche Konstrukte zeigen: Barcelona wird nicht untergehen, die Talentschmiede ist gut, das Stadion gehört dem Klub. Die langfristige Gefahr ist eine andere: dass das gesellschaftliche Konstrukt Barça transformiert wird, dass der Klub - zum Beispiel - zur Aktiengesellschaft wird. Und diese Gefahr ist durch die ruinöse Misswirtschaft nicht gerade kleiner geworden.

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