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Leichtathletik bei den European Championships:Bitte stillsitzen!

Lesezeit: 2 min

Die Startblöcke bei der Leichtathletik-EM machen den Athleten zu schaffen. Was hinter der neuen Technologie steckt - und warum sie Probleme bereitet.

Von Karoline Kipper, München

Vor hundert Jahren kamen Sprinter mit Schaufeln zum Rennen, um sich Startlöcher zu buddeln. 2022 verlagert ein Athlet vor dem Startschuss sein Gewicht, die sensiblen Sensoren in den Blöcken melden einen Fehlstart. Die Technologie hat sich weit entwickelt - manchmal nur zum Nachteil von Athletinnen und Athleten.

Der zweite Zehnkampf-Tag bei den Leichtathletik-Europameisterschaften hatte mit einem Aufreger begonnen. Beim dritten Hürdenlauf löste sich der Schweizer Simon Ehammer schneller als die erlaubten 100 Millisekunden Reaktionszeit. Da es im Zehnkampf zwei Fehlstarts geben darf, stiegen alle ein zweites Mal in die Startblöcke. Diesmal startete niemand zu schnell. Dachten zumindest alle Beteiligten, bis der Deutsche Arthur Abele die rote Karte vor der Nase hatte. Damit war er disqualifiziert.

"Das hat mich erst mal komplett ins Bodenlose zerstört", sagte Abele, für ihn war es der letzte Zehnkampf seiner Karriere: "Du willst natürlich nicht mit irgendwelchen Disqualifikationen da rausgehen." Später wurde das Verdikt zurückgenommen, Abele bekam ein Solo über die Hürden. Er habe lediglich sein Gewicht kurz verlagert, sagte er später, darauf hatte die sensible Technik offenbar reagiert.

Warum werden neue Startblöcke ausgerechnet bei Großereignissen getestet?

Die neue Technik kam schon bei den Weltmeisterschaften in Eugene zum Einsatz. Der Amerikaner Devon Allen galt damals als großer Favorit über 110 Meter Hürden, wurde dann ebenfalls disqualifiziert, weil sich seine Spikes laut Sensor schon 99 Millisekunden nach dem Schuss gelöst hatten statt der erlaubten 100. Auch Allen war sich keiner Schuld bewusst.

Neue Startblöcke ausgerechnet bei Großereignissen zu testen, stellte sich schon bei den Weltmeisterschaften 2019 als problematisch heraus. Damals steckten in den Blöcken Kameras, die den Athletinnen und Athleten von unten in den Schritt filmten. Das empfanden gerade Sportlerinnen als unangebracht. Die Kameras wurden wieder abgeschafft.

Einen genaueren Einblick in die Anatomie eines modernen Startblocks lieferte 200-Meter-Weltmeister Noah Lyles zuletzt in Eugene. Um dem Journalisten des Portals letsrun.com die Neuheiten zu erklären, bog der Amerikaner seine hellblaue Corona-Schutzmaske und erklärte, dass der Fuß in den neuen Modellen anders stehe: "Viele finden das unbequem, da muss man sich definitiv dran gewöhnen". Auf die Frage, ob die neuen Startblöcke schneller einen Fehlstart anzeigen würden, antwortete Lyles: "Wenn du nicht komplett still bist, registrieren die Blöcke das."

Diese Erfahrung machen nun auch einige Sportlerinnen und Sportler bei den European Championships: "Das ist eigentlich ein Fehler der Maschine", sagte Abele nach seinem Zehnkampf, "das macht natürlich viel kaputt". Allein die Unsicherheit nach der vermeintlichen Disqualifikation habe schwer an seinen Nerven gezerrt. Der europäische Leichtathletik-Verband ließ eine Anfrage, ob und wie er die Problematik beheben wolle, zunächst unbeantwortet. Vermutlich wird erst die Zukunft zeigen, ob Großveranstaltungen weiter als Experimentierfläche für neue Technologien herhalten.

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