Süddeutsche Zeitung

Energiekrise:Die Bundesliga schaltet das Flutlicht aus

Lesezeit: 3 min

Aber bisher nur, wenn ohnehin die Sonne scheint. Wie der Profifußball sich am Energiesparen beteiligen will.

Von Christoph Ruf, Karlsruhe

Der vergangene Samstag war einer von diesen gleißend hellen Tagen, die im Südwesten Deutschlands seit Juni quasi durchgehend für Temperaturen von weit über 30 Grad sorgen. Auch in Karlsruhe und Sinsheim schien deshalb die Sonne so hell, dass in den Bereichen der jeweiligen Fußballarenen, die nicht im Schatten des Tribünendaches lagen, kaum ein Fan ohne Sonnenbrille zu sehen war. Und hätte der Karlsruher Stadionsprecher Martin Wacker das Publikum nicht ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht, es hätte wohl keiner gemerkt, dass an diesem 13. August im Wildpark doch tatsächlich das Flutlicht ausgeschaltet war.

Dass es im Normalfall angeschaltet gewesen wäre, gehört für viele Beobachter zu den Skurrilitäten der Branche. Denn was die Zuschauer im Stadion an Sonnentagen kaum wahrnehmen - hell erleuchtete Flutlichtmasten auch bei Zweitligapartien am Samstag um 13 Uhr - schreibt der Fernsehvertrag vor, den alle Profiklubs mit den Rechteinhabern geschlossen haben. So soll eine bessere Auflösung der Bilder vom Spielfeld und den direkt angrenzenden Zuschauerbereichen gewährleistet werden. Die Sender bestanden bisher auch deshalb auf dem künstlichen Licht, um bei Konferenzschaltungen eine möglichst einheitliche Optik zu gewährleisten. Wenn Heidenheim im strahlenden Sonnenschein spielt und Paderborn unter wolkenverhangenem Himmel, wäre der Kontrast ohne Flutlicht zu krass, so die Befürchtung.

Dabei steht die Bundesliga noch nicht mal an der Spitze der Stromverschwender. Auf Uefa-Ebene sind 2000 Lux vorgeschrieben, die Fifa verlangt für ihre Spiele seit 2007 sogar 2400 Lux - und würde am liebsten auf 2500 erhöhen. Doch das würde so gigantische technische Anlagen erfordern, dass mancherorts das Dachtragwerk kapitulieren würde. In der Bundesliga wird laut DFL-Medienrichtlinien eine Mindestbeleuchtungsstärke von 1600 Lux benötigt, empfohlen sind 2000. In der zweiten Liga sind es 1200. Und auch in der dritten Liga, im Zuständigkeitsbereich des Deutschen Fußball-Bunds (DFB), ist die Flutlichtanlage Teil der Lizenzierungsanforderungen. Wer hier nicht mindestens 1000 Lux vorweisen kann, riskiert die Lizenz. Zuletzt hat deshalb die Stadt Bayreuth 1,5 Millionen Euro investiert, um der Spielvereinigung die Teilnahme am Ligabetrieb zu ermöglichen.

Viele Fans schreiben den Klubs und fordern echtes Stromsparen

Dass die Deutsche Fußball Liga nun von sich aus aktiv wird, kommt wohl nicht von ungefähr. DFL-Chefin Donata Hopfen hat kürzlich im SZ-Interview versichert, die Klubs und die DFL hätten "das Thema Energieknappheit früh auf die Agenda genommen", zugleich aber auch davor gewarnt, "den Profifußball - wie teilweise bei Corona - für Symbolpolitik zu missbrauchen". Tatsächlich hatten zuletzt zahlreiche Vereine angeregt, die bisherige Flutlicht-Praxis zu überdenken, heißt es. Vereinsvertreter berichten fast flächendeckend, sie hätten zahlreiche Zuschriften von Fans und Mitgliedern erhalten, die ihnen "Greenwashing" vorwarfen. Solange die großen Stromfresser tabu seien - also Rasenheizung, Flutlicht und die mit hohem Energieaufwand künstlich bestrahlten Spielfelder, deren Grashalme in den tageslichtarmen Arenen ansonsten verwelken würden - seien "Nachhaltigkeitsspieltage" und diverse kleinere Maßnahmen reine Makulatur.

Auch der ehemalige DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig erhöhte in einigen Interviews den Druck und stellte Fragen, mit denen er auf viel Resonanz stieß: "Warum stellen wir nicht aufs Kalenderjahr um?", fragte er: "Man spielt von März bis Dezember und spart enorm viel Öl und Gas, das für Flutlicht, Rasenheizung oder all die beheizten Innenräume anfällt, die jedes Wochenende bis runter in den Amateurbereich betriebsbereit gehalten werden müssen." Bisher schaffe man "künstliche Veranstaltungen, Frostfreiheit, damit auch im Winter Brot und Spiele inszeniert werden können", sagte er, und treibe so die "Lux-Zahl beim Flutlicht" in immer neue Höhen, "um noch bessere TV-Bilder zu bekommen". All das gehe "genau in die falsche Richtung".

So sieht es auch das Fan-Netzwerk "Zukunft Profifußball", das dem Ligabetrieb Ende Juli die Leviten las. Dass Nachhaltigkeitskriterien nun Teil der Lizenzierungsordnung seien, begrüßt das Netzwerk. Näher betrachtet handele es sich aber um einen "ambitionslosen Kriterienkatalog, mit dem der Profifußball seiner Verantwortung nicht gerecht wird".

Bei den Verbänden scheint das Thema tatsächlich angekommen zu sein. Noch vor einem Jahr wäre es jedenfalls nahezu undenkbar gewesen, dass die DFL in einen Modellversuch wie den vom Wochenende einwilligt, als unter anderem Hoffenheim und der Karlsruher SC eine Halbzeit lang ohne künstliche Beleuchtung auskamen. Und auch der DFB veröffentlichte am Dienstag ein Schreiben, in dem er Gespräche mit der Politik ankündigte, um die von den Preissteigerungen im Energiesektor betroffenen Vereine zu entlasten. Gleichzeitig versandte er an die über 24 000 Mitgliedsvereine Tipps zum künftigen Energiesparen.

Zurück zur Bundesliga: Das Flutlicht verbrauche nur einen geringen einstelligen Prozentsatz des gesamten Energieaufwandes rund um einen Spieltag, heißt es. Aber er ist eben ein symbolträchtiger Teil in Zeiten, in denen nach parteiübergreifenden Appellen jede eingesparte Kilowattstunde zähle. Und der Modellversuch vom Wochenende? Eine offizielle Auswertung gibt es noch nicht. Beim KSC haben sie sich die TV-Bilder allerdings schon mal angeschaut und "mit bloßem Auge keinen Unterschied zu Mittagsspielen mit Flutlicht erkennen können", berichtet Vereinssprecher Florian Kornprobst.

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