Süddeutsche Zeitung

Eishockey-WM:Ausgeschieden, aber noch nicht fertig

Die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft verliert ihr WM-Halbfinale nach starker Leistung knapp gegen Finnland. Die erste Medaille seit 1953 soll nun bronzen werden - "egal wie".

Von Christian Bernhard

Markus Eisenschmid hat sich vor der Eishockey-Weltmeisterschaft aus gutem Grund mit der finnischen Nationalmannschaft beschäftigt. Dem deutschen Nationalspieler gefiel, dass die Finnen beim letzten WM-Turnier im Jahr 2019 ohne ihre großen Namen aus Nordamerika Weltmeister wurden. Die Finnen hätten "gezeigt, wie es funktionieren kann", unterstrich der Mannheimer Stürmer, "und es spricht eigentlich nichts dagegen, dass es bei uns auch funktionieren kann".

Am Samstag stand die deutsche Mannschaft dem Weltmeister Finnland im WM-Halbfinale gegenüber - und musste sich nach einem starken Auftritt knapp mit 1:2 geschlagen geben. Bundestrainer Toni Söderholm sprach nach der zweiten knappen Turnier-Niederlage gegen sein Heimatland - in der Vorrunde hatte es ebenfalls ein 1:2 gegeben - von einer "großartigen Leistung" seiner Mannschaft. "Die Jungs haben zu 99 Prozent alles umgesetzt, was in unserem Plan stand." Es fehlte wenig, dass das Söderholm-Team wie schon im Viertelfinale gegen die Schweiz einen 0:2-Rückstand wett gemacht hätte. "Die Finnen sind nicht umsonst Weltmeister", sagte ein enttäuschter Leo Pföderl nach der Partie: "Wir hatten am Ende genügend Chancen." Mehr als ein Überzahltor von Matthias Plachta gab es aus deutscher Sicht aber nicht zu bejubeln.

Die Finnen treffen nun im Endspiel am Sonntag auf Kanada, das sich zuvor gegen die USA mit 4:2 durchgesetzt hatte. Für die deutsche Mannschaft ist trotz der Halbfinalniederlage immer noch die erste WM-Medaille seit 1953 möglich, am Sonntag spielt sie um 14.15 Uhr Uhr gegen die USA um Bronze. In der Vorrunde hatte es gegen die US-Mannschaft eine 0:2-Niederlage gegeben. "Es ist noch nicht vorbei", betonte Pföderl, "es gibt noch was zu gewinnen." Abwehrchef Korbinian Holzer war noch deutlicher: "Wir holen morgen Bronze, egal wie."

Das Halbfinale gegen den Weltmeister sei eine "unglaubliche schöne Möglichkeit", hatte Söderholm vor der Partie betont und angekündigt, sein Team werde ein "sehr unangenehmer Gegner für Finnland sein". Das bestätigte es. Der Bundestrainer, der schon vor dem Vorrundenspiel gegen sein Heimatland darauf verwiesen hatte, dass er wisse, "wie Eishockey-Finnland denkt", nahm eine Änderung in der Aufstellung vor. Frederik Tiffels rückte für Lean Bergmann ins Team. Die Anfangsphase war von gegenseitigem Respekt und viel Taktik geprägt. Bloß keine Räume und schon gar nicht Konter zulassen, war auf beiden Seiten das oberste Credo.

"Es kann mir keiner sagen, dass wir nicht die bessere Mannschaft sind", sagt Dominik Kahun in der Drittelpause

Der deutschen Mannschaft gelang das sehr gut, sie war auch offensiv auffälliger. Moritz Seider prüfte Jussi Olkinuora, den statistisch besten Torhüter des Turniers, schon in Minute vier. Die Finnen hatten im Startdrittel wenige Chancen - nutzten diese aber sehr gut: Iiro Pakarinen traf auf Zuspiel von Anton Lundell, der damit auch am dritten finnischen Turniertor gegen Deutschland direkt beteiligt war, zum 1:0 (14.) - Mathias Niederberger im deutschen Tor machte bei dem Schuss nicht die beste Figur.

Einen weiteren Fehler von Lukas Reichel, ein Scheibenverlust im eigenen Drittel, nutzte Hannes Bjorninen freistehend vor Niederberger zum 2:0 (19.). Kurz zuvor hatte Olkinuora eine Topchance von Seider vereitelt. Die unterschiedliche Chancenverwertung machte den Unterschied im Startdrittel aus. "Es kann mir keiner sagen, dass wir nicht die bessere Mannschaft sind", sagte Dominik Kahun in der ersten Drittelpause gegenüber Sport1.

Im Mitteldrittel überstand die Söderholm-Mannschaft eine minutenlange Druckphase der Finnen, auch dank aufopferungsvoller Blocks von Tom Kühnhackl und Nico Krämmer. Dann musste Finnlands Tony Sund auf die Strafbank - und Plachta verkürzte mit einer Direktabnahme auf 1:2 (32.). Beim Jubel an der Bank gab es vom Torschützen einen Extra-Kopftätschler an Krämmer für dessen Block kurz zuvor. "Wir dürfen jetzt nicht überhastet nach vorne spielen", warnte Torschütze Plachta in der zweiten Drittelpause.

Das Schlagwort, das auch vor dem Halbfinale oft fiel, lautete: Geduld, eine der finnischen Kern-Eishockey-Tugenden. "Es könnte wieder ein Ein-Tor-Spiel werden", hatte Finnlands Trainer Jukka Jalonen, unter dem schon Toni Söderholm als Verteidiger in der finnischen Nationalmannschaft gespielt hatte, prognostiziert. Der erfahrene Trainer hatte recht - die deutsche Mannschaft drängte im Schlussdrittel auf den Ausgleich. Doch die Finnen verteidigten gewohnt diszipliniert und unnachgiebig. Noebels, der Penalty-Entscheider aus dem Viertelfinale, hatte die große Chance auf den Ausgleich, scheiterte aber direkt vor dem finnischen Tor an Olkinuora (55.). In der Schlussminute verpasste Eisenschmid einen starken Querpass von Kahun knapp am langen Pfosten, dann jubelten die Finnen.

Eisenschmid hatte vor dem Halbfinale erklärt, er glaube, dass "wir im internationalen Eishockey immer noch ein bisschen belächelt werden". Um so mehr freue es ihn, "dass wir das jetzt hinter uns lassen können". Diese Aussage hatte auch am Tag der deutschen Halbfinal-Niederlage Bestand.

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