Süddeutsche Zeitung

Deutsches Team bei der Eishockey-WM:Deutschland glaubt wieder an die eigene Stärke

Die deutsche Mannschaft gewinnt in Riga viele Herzen, nur die erste WM-Medaille seit 68 Jahren bleibt ihr verwehrt. Bei den Spielern hat aber ein Umdenken eingesetzt: Sie wissen jetzt, dass sie um die vorderen Plätze mitspielen können.

Von Christian Bernhard

Moritz Müller klopfte sich mit seiner Faust aufs Herz und schaute wie ein Verliebter zu seinen Mannschaftskollegen, die ein paar Meter entfernt von ihm aufgereiht standen. Der Kapitän der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft war gerade von der Bank aufs Eis gekommen, um sich den Preis für den besten deutschen Spieler der Partie abzuholen. Seine linke Hand war bandagiert, was erklärte, warum er in kurzen Hosen und Joggingschuhen da stand: Müller konnte das letzte deutsche Spiel bei der Weltmeisterschaft in Riga (Lettland) nicht auf dem Eis beenden, weil er sich bei einer furchtlosen Rettungsaktion eine Handverletzung zugezogen hatte. Als er den Preis in der gesunden Hand hielt, wurde er von seinen Mannschaftskollegen umarmt und geherzt. Abermals war Müller den Tränen nah.

Das deutsche Team hat das Spiel um Platz drei am Sonntag 1:6 gegen die USA verloren und verpasste es so, die erste WM-Medaille seit 68 Jahren zu holen. "Heute war nicht unser Tag", sagte Bundestrainer Toni Söderholm. "Gestern war unser Tag, aber da haben wir leider nicht gewonnen." 24 Stunden zuvor hatte sein Team das Halbfinale trotz einer starken Leistung gegen Titelverteidiger Finnland verloren (1:2).

Bei der WM habe die deutsche Mannschaft ihre Komplexe abgelegt, betont Kapitän Müller

Zum Weltmeister kürte sich Kanada durch einen 3:2-Finalsieg nach Verlängerung gegen die Finnen. Die Kanadier krönten damit eine wilde Turnierreise: Erstmals in der Geschichte des Eishockey-Mutterlandes hatten sie ihre ersten drei Spiele in einem WM-Turnier verloren, darunter war ein 1:3 gegen Deutschland. Am letzten Gruppenspieltag waren sie darauf angewiesen, dass die deutsche Mannschaft und Gastgeber Lettland nicht in die Verlängerung gehen würden. Deutschland siegte knapp 2:1 - und die Kanadier rutschten gerade noch als Gruppen-Vierter ins Viertelfinale. Dort schalteten sie die favorisierten Russen in der Verlängerung aus, danach folgten Siege gegen die USA und Finnland. "Ich erinnere mich an die Kommentare, als unser Kader vor dem Turnier veröffentlicht wurde", sagte Angreifer Maxime Comtois. "Die Leute waren unzufrieden mit der Auswahl, sie haben uns keine Chance gegeben. Doch wir haben allen das Gegenteil bewiesen." Kanada schickte eine junge, unerfahrene Mannschaft ohne große NHL-Namen zum Turnier - und zog trotzdem durch den 27. WM-Titel mit Rekordsieger Russland gleich.

Auf dem Pressekonferenzpult an dem Moritz Müller wenig später zusammen mit Marcel Noebels saß, hatte der Kapitän sein Trikot wieder an. Dort sagte er: "In der Kabine ist kein Auge trocken geblieben. Diese Mannschaft hätte alles verdient gehabt, nicht oft kommen solche Teams zusammen." Selbst die Zuschauer am Fernseher hätten gespürt, "wie besonders diese Truppe ist." Es sei schade, dass man sich dafür nicht belohnt habe, "aber die Erinnerungen werden bleiben." Noebels sagte: "Wir sind zu einer Familie gewachsen." Auch René Fasel, Präsident des Eishockey-Weltverbandes IIHF, sagte, man könne "den Team-Spirit dieses Teams fühlen". In Korbinian Holzer und Moritz Seider wurden gleich zwei Deutsche ins All-Star-Team gewählt, Seider, 20, sogar zum besten Verteidiger des Turniers erkoren.

"Er traut uns Sachen zu, die uns zuvor keiner zugetraut hätte", sagt Stürmer Noebels über Bundestrainer Söderholm

Die deutsche Mannschaft hat bei der WM in Riga viele Herzen gewonnen, die Belohnung für ein starkes Turnier in Form einer Medaille blieb ihr aber verwehrt. Es werde noch ein wenig dauern, "bis wir realisieren, was wir hier geschafft haben", sagte Abwehrchef Holzer, ehe er betonte: "Wir wollten mehr." Diese drei Wörter beschreiben das neue deutsche Eishockey-Selbstverständnis am besten. Das Streben nach mehr, sich nicht zufrieden zu geben mit Achtungserfolgen ist in den Köpfen der Spieler angekommen "Wir haben unsere Komplexe abgelegt, die wir jahrelang mit uns rumgetragen haben", erklärte Kapitän Müller. Dieser Prozess habe mit dem ehemaligen Bundestrainer Marco Sturm, der die deutsche Mannschaft bei Olympia 2018 zu Silber geführt hatte, begonnen und werde nun von Toni Söderholm und dessen Assistenten fortgeführt. "Wir haben ein Trainerteam, das uns wirklich zu hundert Prozent zutraut, auf diesem Level mitzuspielen. Dieses Gefühl muss man als Deutscher im wahrsten Sinn des Wortes erst begreifen", sagte Müller.

Der Finne Söderholm, der im Januar 2019 die Nachfolge von Sturm antrat, hat großen Anteil an dieser Entwicklung. "Toni weiß, wie er jeden einbringen muss, um das beste fürs Team rauszuholen", sagte Noebels. Der Finne lebe den Glauben an die Mannschaft vor. "Er traut uns Sachen zu, die uns zuvor keiner zugetraut hätte." Der Lohn: Man komme immer näher auch an jene Nationalteams heran, "wo vor sechs, sieben, acht Jahren jeder gedacht hätte, da gehen wir zweistellig raus", erklärte Noebels. Söderholm spricht von einer "Kultur-Änderung", die mit der olympischen Silbermedaille eingesetzt habe. Diese ist nach seiner Auffassung noch nicht abgeschlossen. Es brauche wahrscheinlich noch etwas Zeit, sich immer das Ziel zu setzen, "dass man was erreichen kann." Das Fundament dafür ist gelegt.

Bei all den positiven Aspekten, in den entscheidenden Turnierpartien fehlte der deutschen Mannschaft nur eines: die Effizienz im Abschluss. Sowohl gegen die USA als auch gegen Finnland gelang ihr nur ein Tor, im Viertelfinale gegen die Schweiz fiel der zweite Treffer, der das deutsche Team in die Verlängerung rettete, kurz vor Ende mit einem zusätzlichen Feldspieler. Sehr wichtig im heutigen Eishockey sei, Verkehr vor dem gegnerischen Tor zu erzeugen, "in diesem Punkt können sich deutsche Spieler steigern", erklärte Söderholm. Das Spiel im offensiven Torraum, "da müssen wir uns entwickeln." Damit die nächsten deutschen Tränen am Ende eines Eishockey-Großereignisses womöglich Tränen der Freude sind.

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