Süddeutsche Zeitung

Gina Lückenkemper:Dampfend vor Glückseligkeit

Lesezeit: 3 min

Sie ist wieder schnell: In 10,99 Sekunden fliegt Gina Lückenkemper über 100 Meter im Berliner Olympiastadion zum deutschen Meistertitel. Viele sprechen von einem Comeback, sie sagt: "Ich bin nie weg gewesen."

Von Johannes Knuth, Berlin

Im Berliner Olympiastadion ereignet sich beizeiten ein Phänomen, das weder mit Quantenphysik noch Stringtheorie oder sonstigen physikalischen Gesetzmäßigkeiten zu fassen ist. Selbst wenn sich in dieser Riesenschüssel eher wenige Leute einfinden, die sich wie ein paar bunte Streusel auf einer sehr, sehr großen Torte verteilen, wie am ersten Tag der deutschen Leichtathletik-Meisterschaften am Samstag - dann entfachen diese wenigen Menschen noch immer eine Stimmung, die wirkt, als würde eine Akustikwelle die (zumeist leeren) Ränge hinaufschwappen, brechen und zurück in den Innenraum krachen wie eine Monsterwelle am Westatlantik.

Und noch so ein Phänomen: Die Sprinterin Gina Lückenkemper schaffte es am Samstagabend beinahe, diesen emotionalen Klangteppich noch zu übertreffen. Als die 25-Jährige über die 100 Meter ins Ziel stach, wirkte alles noch ein wenig intensiver als bei den Leistungen zuvor, den 5,90 Metern von Stabhochspringer Bo Kanda Lita Baehre etwa, den 67,10 von Diskuswerferin Kristin Pudenz und den 50,91 Sekunden von Corinna Schwab über die 400 Meter. Lückenkemper trommelte mit den Fäusten in der Luft, sie schrie, sie weinte, klar, "weil ich ein unfassbar emotionaler Typ bin", wie sie später ausführte: "Ich heul' so schnell mit bei allen möglichen Sachen, ist manchmal ein bisschen anstrengend." Aber ein Lauf unter 11 Sekunden, diesmal in 10,99, das machte sie zu Recht geltend, sei nun mal "noch immer etwas Besonderes".

Fast schienen sich die Bilder zu doppeln, zu jenem Sommerabend vor vier Jahren, als Lückenkemper diese Marke zum dritten und bis dato letzten Mal geknackt hatte. Es war bei der EM 2018, wieder in Berlin, als Lückenkemper in 10,98 zur Silbermedaille raste. Ein Lauf, in den sie so viele Emotionen packte, dass sie einen knapp elfsekündigen Filmriss davontrug. Ihre Karriere glich damals einem Domino-Spiel, ein Stein stieß den nächsten um, Nachwuchserfolge, EM-Bronze 2016 über 200 Meter, als die Schulfreunde Abi-Ball feierten; dann die silberne EM 2018, immer weiter, immer flott unterwegs, mit Mund und Beinen.

Das Jahr darauf war das erste, über das sich ein Schleier legte. Lückenkemper verließ ihren langjährigen Trainer Uli Kunst, der sie zwar behutsam aufgebaut hatte, unter dem sie aber oft alleine trainierte; sie siedelte zur Trainingsgruppe von Lance Brauman nach Florida über. Das klang vielversprechend: Hier die Sprinterin, die als erste Deutsche seit Katrin Krabbe unter die 11-Sekunden-Marke getaucht war (in 10,95). Dort eine Gruppe mit Weltmeistern und Olympiasiegerinnen wie Noah Lyles und Shauna Miller-Uibo, einem Trainer zudem, der viele Größen betreut hatte, auch solche mit Doping-Leumund wie Tyson Gay (wovon Brauman aber nichts mitbekommen haben will). Schon nach ein paar Wochen, sagte Lückenkemper zuletzt, sei sie "in der Form meines Lebens" gewesen.

Dann kam die Pandemie. Und die Dominosteine blieben hängen. Florida-Exkursionen waren fürs Erste unmöglich, Trainingsanlagen in Deutschland gesperrt. Lückenkemper trainierte in Bamberg am Kanal und im Garten der Nachbarn, wieder alleine. Auf einmal bremsten sie Verletzungen, mal absolvierte sie einen Lauf zu viel, mal saß ein Wirbel nicht richtig, was die Versorgung der Muskeln störte. Eine Karriere, in der es "nahezu bilderbuchmäßg" lief, mischten sich nun störende Geräusche, Anfeindungen in sozialen Medien, auch Menschen im Umfeld, die sich im Misserfolg abwandten. Auch eine emotionale Sache.

Lückenkemper schätzt nun den Wert eines gesunden Körpers

Am Ende, hatte Lückenkemper zuletzt im Gespräch gesagt, habe sie auch in der Zeit, in der nichts voranzugehen schien, viel gelernt. Zum Beispiel, einen gesunden Körper, dem es all die Jahre nahezu bilderbuchmäßig ging, "viel mehr wertzuschätzen". Und vor allem: bei sich zu bleiben, darauf zu vertrauen, dass die Saat schon ausgelegt, aber erst später aufblühen würde, auch wenn das viele echte oder vermeintliche Experten anzweifelten.

Sie selbst, sagte Lückenkemper am Samstag im Bauch des Olympiastadions, noch immer dampfend vor Glückseligkeit, habe daran jedenfalls "nie gezweifelt". Und: "Ganz viele Leute machen aus mir jetzt ein Comeback-Kid, aber ich finde ja: Ich bin nie weg gewesen. Ich habe einfach nur Verletzungspech gehabt." Erst seit vergangenem November habe sie endlich durch das neue, harte Training segeln können, ein Training mit Einheiten, die manchmal so hart und dicht aufeinander folgten, dass ihr die Zeit zum Übergeben gefehlt habe. Zugleich habe sie in Braumans Gruppe "so viele geniale und wundervoll inspirierende Menschen" kennengelernt, da sei die Gleichung am Ende recht einfach: Wenn man die ganze Zeit von Vollprofis umgeben sei, werfe das irgendwann entsprechende Leistungen ab.

Die Konkurrenz aus den USA ist noch einen Schritt voraus

Und wenn man Lückenkemper so zuhörte, hatte man den Eindruck, dass das mit dem Comeback-Kid vielleicht doch nicht so falsch war. Zumindest ist das alles erst in diesem Jahr wieder zurück: Das Gefühl des "Fliegens" auf der Bahn, wie Lückenkemper es am Samstag nannte, wenn sich jeder Schritt vom ersten Vorlauf bis zum Finale leicht anfühlt, obwohl er Schwerarbeit ist. Das Können, im grellen Licht des Wettkampfs so richtig zu wachsen. Die Freude auf die nahende WM, wo sie noch mal ein ganz neues Niveau erwartet. Mit ihren 10,99 Sekunden hätte Lückenkemper sich am Samstag nicht einmal unter den ersten Sechs der US-Meisterschaften eingefunden.

"Es wird schnell", sagte Gina Lückenkemper am Samstagabend zum Abschluss, mit einem Lächeln, das verriet: Sie ist es auch wieder.

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