Süddeutsche Zeitung

Tennis:Djokovic konterkariert seine Vorbildfunktion

Die mit Party und La Ola gespickte Showkampf-Serie des Tennisprofis sendet falsche Signale. Sie ist auch eine Farce gegenüber jenen, die sich um den Fortgang der Tour bemühen.

Kommentar von Gerald Kleffmann

Ob auch "Anton aus Tirol" gespielt wurde, ist nicht überliefert, verwunderlich wäre es nicht angesichts jener Videoschnipsel, die nun im Internet aufgetaucht sind. Halbnackte Menschen tanzen da wild zu Après-Ski-Bässen. Erinnerungen, keine guten, tauchen prompt auf - an jene Tage, als das "Kitzloch" in Ischgl erst zu spät schloss und das Partyvolk dann quer durch Europa heimschickte, samt Coronavirus im Körper. Bis heute gilt dieses Ereignis als Superspreading-Event. So schlimm muss es diesmal nicht kommen nach der Striptanz-Aufführung, die Novak Djokovic und einige der besten, eingeflogenen Tennisprofis wie Alexander Zverev am Wochenende in Belgrad boten. Aber bei dieser Geschichte geht es auch gar nicht darum, was in Serbien schon wieder erlaubt ist und woanders noch nicht.

Djokovic konterkarierte in fast zynischer Art seine Vorbildfunktion, die er in einem CNN-Interview mal so definierte: "Es gibt viele Athleten, die vielleicht nicht ganz begreifen, in welchem Ausmaß ihre Stimme wirkt. Diese Macht kann positiv genutzt werden." Oder auch eben nicht, wie geschehen. Seine mit Party und La Ola gespickte Showkampf-Serie namens Adria Tour, die er übrigens nur deshalb lancieren konnte, weil es eben dieses tödliche Virus gibt und sportlich alles ausfiel, sendet in jedem Fall die falschen Signale.

Strip Dancing in der Schweiß-Höhle transportiert vor allem Unachtsamkeit

Denn: Das Virus ist nicht weg, macht nicht vor Grenzen halt, wie er suggeriert. Solange das so ist, sollten gerade jene, die integre Werte predigen, sich auch daran messen lassen - und lieber daran erinnern, dass Social Distancing immer noch am ehesten Leben rettet. Strip Dancing in der Schweißhöhle zu "Bella Ciao" transportiert vor allem: Unachtsamkeit. Fans ahmen ihn vielleicht nach. But who cares? So ähnlich begann das ganze Pandemie-Drama.

Djokovics Auftritt ist auch eine Farce gegenüber jenen, die gerade verzweifelt daran arbeiten, dass die Tennistour weitergeht. Dass Djokovic jüngst für einen Nahrungsergänzungshersteller warb, der meint, Wasser durch Gedanken reinigen zu können? Ging noch als Schrulligkeit durch. Dass er einen möglichen Impfstoff ablehnt und das öffentlich pries, war schon grenzwertig angesichts möglicher Abstrahleffekte. Es sorgte für Kritik, auch in Serbien. Nun tangiert sein Verhalten gar direkt die Belange seines Sports, die er eigentlich zu vertreten hätte. Djokovic ist Präsident des ATP-Players-Council, also Spielersprecher. Seine Kollegen hoffen auf den Grand-Slam-Restart Ende August in New York, der Mitte der Woche verkündet werden soll. Djokovic lehnt ihn ab: Er hält die geplanten Hygienemaßnahmen, ja im Ernst, für nicht zumutbar. Ginge es nicht um so viel, man müsste über die Pointe lachen.

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SZ vom 16.06.2020/chge
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