Süddeutsche Zeitung

Halbfinale Tottenham gegen Ajax:Herzensbrecher im Halbfinale

Ein bisschen unfair ist es schon. Das alte Stadion von Tottenham Hotspur, die White Hart Lane, war bis zu ihrem Abriss 118 Jahre lang die Heimat der Spurs. 63 Jahre musste es sich nach der Eröffnung gedulden, um als Bühne für das Halbfinale des höchsten europäischen Pokalwettbewerbs fungieren zu dürfen (1962 im Europapokal der Landesmeister). Die neue Arena dagegen kommt schon kurze Zeit nach ihrer Eröffnung in diesen Genuss. Sie ist der Schauplatz für eines der größten Spiele der Klubgeschichte.

Tottenham empfängt Ajax Amsterdam an diesem Dienstagabend ( 20.45 Uhr im SZ-Liveticker) zum Duell der Underdogs. Die beiden Teams sind die unwirklichsten Halbfinalisten seit langer Zeit, sie haben sich mit viel Geschick in die geschlossene Gesellschaft der Champions-League-Halbfinalisten geschlichen. Tottenham-Trainer Mauricio Pochettino weiß um die Voraussetzungen dieses Duells. "Sie sind ein bisschen wie wir: Keiner hat geglaubt, dass sie das Halbfinale erreichen können", sagte der 47-Jährige über den Gegner.

Doch es gibt durchaus Unterschiede zwischen den beiden Teams - vor allem in der öffentlichen Wahrnehmung. Auf den kopfverdrehenden Kombinationsfußball der jungen Ajax-Profis erklangen bereits zahlreiche Elogen. Amsterdam spielt so, wie man sich das von seiner eigenen Mannschaft wünscht: schnell, vertikal, inspirativ. Die Herzensbrecher aus Holland sind zum ersten Mal in der K.o.-Phase deswegen sogar leichter Favorit. Tottenhams erstaunliche Leistung erfährt dagegen viel weniger Aufmerksamkeit. Dabei ist das Projekt in Nordlondon vielleicht eines der beeindruckendsten im europäischen Fußball, das bisher ohne Titel auskommen musste.

Pochettino kennt sich aus mit widrigen Umständen

Coach Pochettino hat seine Mannschaft unter den besten Vier der Premier League etabliert, noch vor Klubs wie Arsenal oder Chelsea. Die finanziellen Mittel waren im Vergleich zur Konkurrenz deutlich knapper - auch weil der Verein sich das neue Stadion mehr als eine Milliarde Euro kosten ließ. Den Spurs wird trotz dieser Erfolge vorgeworfen, dass sie nichts gewinnen oder im entscheidenden Moment das Nervenflattern bekommen.

Im Englischen gibt es eigens das Adjektiv spursy für das Versagen im letzten Moment. "Was wir erreicht haben, ist mehr wert als eine Trophäe", hält Pochettino dagegen: "Es ist massiv." Die Geschichte von Tottenham ist in seinen Augen einmalig im Fußball.

Pochettino kennt sich aus mit widrigen Umständen. Dass ihm gegen Ajax mit Harry Kane (verletzt) und Heung-Min Son (Gelbsperre) seine beiden besten Torschützen fehlen, bringt ihn zumindest äußerlich nicht aus der Ruhe. "Wir sind sehr eingeschränkt, haben aber großes Selbstbewusstsein", sagt Pochettino. Wie bei einem Mantra beschwor er auf der Pressekonferenz vor dem größten Spiel der jüngeren Klubgeschichte die Stärke des Kollektivs. "Das Wichtigste ist, dass wir das Gefühl haben, zusammen alles erreichen zu können", predigte der Argentinier und strahlte dieses Gefühl selbst aus.

Kane fehlt, Llorente spielt

Für den abschlussstarken Kane wird Pochettino wahrscheinlich Fernando Llorente aufstellen. Der Mann hatte im Viertelfinal-Rückspiel mit einer Arm-Hüft-Kombination zwar den entscheidenden Treffer gegen Pep Guardiolas Manchester City erzielt, gilt gemeinhin aber nicht als der variabelste Angreifer. Die Offensivspieler um Dele Alli, Lucas Moura und Christian Eriksen müssen Llorente im Verbund helfen, Kane zu ersetzen. Diese Idee dürfte dem Kollektiv-Fan Pochettino gefallen.

Erschwerend kommt für Tottenham allerdings hinzu, dass die Strapazen der Saison ihre Spuren hinterlassen haben. Das Derby gegen West Ham United ging in der Liga mit 0:1 verloren. Ajax entspannte dagegen eine Woche lang. Der niederländische Fußballverband hatte einen kompletten Spieltag verschoben, um seinem Champions-League-Halbfinalisten die nötige Erholung zu gewähren.

Pochettino hat auch Guardiola entschlüsselt

"Am fairsten wäre es, wenn beide die gleiche Zeit hätten, um sich vorzubereiten. Aber das wird nie eine Ausrede sein", sagte Pochettino und versicherte: "Ich habe keine Zweifel, dass wir die nötige Energie haben werden."

Pochettino ist ein Meister darin, die Schwächen seines Gegners zu analysieren und geschickte Anpassungen für sein Team zu finden. Das machte er vor allem beim 1:0-Sieg im Viertelfinal-Hinspiel gegen Manchester City deutlich. Und ManCity ist via Coach Guardiola ja über ein paar Ecken mit Ajax Amsterdam verwandt. Der Katalane hatte als Spieler beim FC Barcelona von Johan Cruyff gelernt und sich von dessen Ideen nachhaltig inspirieren lassen. Vor seiner Zeit in Barcelona hatte Cruyff das Ajax-System entwickelt. Noch heute ist sein Vermächtnis in der aktuellen Amsterdamer Mannschaft zu spüren. Es könnte also ein gutes Zeichen sein, dass Pochettino einen ähnlichen Spielstil schon einmal entschlüsselte. Pochettino kündigte vorsorglich schon mal eine "magische Nacht" im neuen Stadion an.

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