Süddeutsche Zeitung

BVB überholt Hoffenheim:Watzke spricht, Tuchel antwortet

  • Dortmund gewinnt auch dank glücklicher Schiedsrichterentscheidungen 2:1 gegen die TSG Hoffenheim und rückt auf Platz drei vor.
  • Trotzdem schwelt der Dauerzwist zwischen Trainer und Vereinsführung weiter.

Von Felix Meininghaus, Dortmund

Zwei Minuten vor dem Anpfiff war die Stimmung betont entspannt: Dortmunds Trainer Thomas Tuchel klatschte sich mit Maskottchen "Emma" ab, während sein Hoffenheimer Kollege Julian Nagelsmann seinen Spielern mit den Händen in den Hosentaschen beim Warmmachen zuschaute. Beide Protagonisten standen an diesem Nachmittag unter besonderer Beobachtung, schließlich sind sie derzeit die begehrtesten Fachkräfte, die in der Bundesliga zu finden sind. Vor neun Jahren wechselte Nagelsmann mit 20 in die zweite Mannschaft des FC Augsburg, deren Trainer zu jener Zeit Thomas Tuchel hieß. Zum Einsatz kam Nagelsmann allerdings nie, ein Knorpelschaden im Knie zwang ihn früh zum Karriereende. Tuchel berief ihn als Scout in sein Trainerteam und begünstigte damit eine steile Karriere, die früher oder später zu einem Spitzenklub führen wird.

Für ihn sei es ein "normales Bundesliga-Spiel", bei dem Dortmund gegen Hoffenheim spiele und nicht Tuchel gegen Nagelsmann, betonte der Senkrechtstarter vor dem Treffen des Vierten und des Dritten. So viel zur Theorie, die Wirklichkeit sah ein wenig anders aus. Immer wieder standen die beiden Männer an der Seitenlinie im Blickpunkt während der aufregenden 90 Minuten mit überschaubarer fußballerischer Qualität. Am Ende gewann der BVB das Spitzenspiel vor 81.360 Besuchern im brodelnden Dortmunder Stadion mit 2:1 (1:0) und schob sich damit am Kontrahenten aus dem Kraichgau vorbei. Eitel Sonnenschein herrscht im Revier jedoch in diesem Frühling nicht. Im Gegenteil, die atmosphärischen Störungen zwischen Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Trainer Thomas Tuchel halten den BVB in Atem.

Die Unparteiischen leisten sich früh zwei gravierende Fehler

Daran ändert auch der Erfolg gegen Hoffenheim nichts, bei dem die Borussia früh davon profitierte, dass sie von Schiedsrichter Felix Brych gravierend bevorteilt wurde. Schon nach vier Spielminuten war es um die Contenance von Nagelsmann geschehen. Marco Reus hatte gerade zur Dortmunder Führung eingeschoben, Brych und seine Assistenten hatten dabei übersehen, dass der Nationalspieler bei der Vorlage von Gonzalo Castro im Abseits stand. Wütend redete Nagelsmann auf den vierten Offiziellen ein, während seine Spieler minutenlang mit dem Linienrichter debattierten.

Zehn Minuten später entschied Brych in der 14. Minute auf Handelfmeter für die Borussia, obwohl zunächst Reus bei der Ballannahme den Oberarm zur Hilfe genommen hatte. Pierre-Emerick Aubameyang nahm das unverhoffte Geschenk nicht an, er schoss den Ball flach links am Tor vorbei. Es war der dritte verschossene Strafstoß des Gabuners im vierten Versuch, Tuchel sollte sich dringend auf die Suche nach einem neuen Schützen begeben. Hoffenheims Manager Alexander Rosen ätzte später angesichts der Schiedsrichterleistung: "Es hat ja jeder gesehen, was in den ersten 45 Minuten passiert ist. Es hat ja nur noch gefehlt, dass ein Loch in das Tornetz geschnitten wird und das da noch einer reingepfiffen wird."

Kurios daran war, dass die zuvor so schwungvoll agierenden Dortmunder nach Aubameyangs Fehlversuch komplett den Faden verloren; Hoffenheim fand nun besser ins Spiel, ohne wirkliche Torgefahr zu entwickeln. Nachdem die Frühphase mit etlichen ruppigen Momenten vorbei war, plätscherte der frühsommerliche Kick immer mehr vor sich hin. Nach dem Seitenwechsel übernahm Hoffenheim zwar das Kommando, entwickelte jedoch trotz annähernd 60 Prozent Ballbesitz kaum Torgefahr. In der 82. Minute veredelte Aubameyang einen sehenswerten Dortmunder Konter aus kurzer Distanz zu seinem 28. Saisontor; als Guerreiros Direktabnahme vom Pfosten ins Feld zurücktropfte, stand der Torjäger genau richtig und hielt seinen Kopf hin. Es war die Entscheidung, das Anschlusstor durch Andrej Kramaric, der einen Foulelfmeter verwandelte, war zu wenig.

Watzke erhöht zu einem sonderbaren Zeitpunkt den Druck

Trotz des Sprungs zurück auf Rang drei, der die von Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke vehement eingeforderte direkte Champions-League-Qualifikation bedeuten würde, dürfte in Dortmund weiter über den Trainer gesprochen werden. Watzke höchstselbst hatte die Debatte im Laufe der Woche angefacht, als er zu einem sonderbaren Zeitpunkt in einem Interview mit der Funke-Mediengruppe atmosphärische Störungen einräumte. Auf die Frage, ob bei der Bewertung der schnellen Neuansetzung der zunächst abgesagten Champions-League-Partie gegen Monaco ein "klarer Dissens" zwischen ihm und Tuchel sichtbar geworden sei, antwortete Borussias Geschäftsführer: "Das ist so, ja" - die heftige Kritik des Trainers am Spieltermin habe ihn "teilweise irritiert".

Ob die Irritationen auszuräumen sind, bleibt abzuwarten, Tuchel will erst nach der Saison darüber sprechen, ob er seinen 2018 auslaufenden Vertrag in Dortmund verlängern will oder ob sich die Wege womöglich schon vorher trennen. "Wie immer bei analytischen Gesprächen" gehe es dabei "ganz allgemein gesprochen neben dem Sportlichen um Dinge wie Strategie, Kommunikation, Vertrauen", betont Watzke.

Doch neben diesen weichen Faktoren spielen auch die messbaren Tatsachen eine Rolle, ob und wie es mit Thomas Tuchel in Dortmund weitergeht. Vor allem wird bei der Aufarbeitung zu bewerten sein, auf welchem Rang der BVB nach dem 34. Spieltag steht. "Eine Abschlusstabelle ist wie ein Zeugnis", sagt Watzke. "Und die Note ist sicher besser, wenn du Dritter statt Vierter wirst. Unser Saisonziel war die direkte Qualifikation zur Champions League, möglichst durch Platz zwei. Mit Platz drei kann man gut leben. Mit Platz vier hätten wir unser Saisonziel in der Bundesliga nicht erreicht."

Der Druck, den Watzke auf Tuchel ausübt, bleibt also hoch. Der 43-Jährige empfindet die Debatte "ein zu großes Thema zu diesem Zeitpunkt. Ich verbiete mir, darüber nachzudenken und darauf einzugehen." Und weiter: "Die Losung heißt: volle Konzentration auf das Sportliche. Für alles andere habe ich keine Energie übrig."

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Quelle:
SZ vom 07.05.2017/schm
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