Süddeutsche Zeitung

Borussia Dortmund:Die Jugend greift an

Neun Spieler im aktuellen BVB-Kader sind 20 Jahre oder jünger - und machen den Altgedienten die Stammplätze streitig. Es verdichten sich die Zeichen, dass der BVB noch einen 16-Jährigen aus England holt.

Von Ulrich Hartmann, Duisburg

Jude Bellingham war 16 Jahre, einen Monat und 27 Tage alt, als er im August 2019 zum jüngsten Debütanten der Profimannschaft beim englischen Zweitligisten Birmingham City wurde. Er war 17 Jahre, zwei Monate und sechs Tage alt, als er Anfang September zum jüngsten Debütanten und Torschützen der englischen U21-Nationalmannschaft wurde. Und er war 17 Jahre, zwei Monate und 16 Tage alt, als er am Montagabend zum jüngsten Pflichtspiel-Torschützen von Borussia Dortmund wurde. Nuri Sahin war anno 2005 fünf Tage älter gewesen am Tag seines Trefferdebüts. Bellingham bricht gerade also ganz schön viele Altersrekorde, und er hat beim 5:0-Sieg im Erstrundenpokalspiel beim MSV Duisburg gezeigt, warum der BVB soeben 25 Millionen Euro für einen 17-Jährigen ausgegeben hat.

Es gibt allerdings einen noch jüngeren Bellingham: Sein Bruder Jobe ist erst 15, spielt in der Jugend von Birmingham City und wird bereits heftig von Manchester United umworben. Ein 15 Jahre altes Riesentalent haben allerdings auch die Dortmunder selbst noch in der Hinterhand. Und man kann davon ausgehen, dass der deutsche Junioren-Nationalspieler Youssoufa Moukoko, wenn er am 20. November 16 Jahre alt wird und dann vom achten Spieltag an offiziell in der Bundesliga mitwirken darf, den frischen Bellingham-Torrekord ziemlich schnell wieder knacken wird. Neun Spieler im aktuellen BVB-Kader sind 20 Jahre oder jünger - und machen den Altgedienten die Stammplätze mehr und mehr streitig.

"Was haben wir geile Kicker!", jubilierte am Montagabend BVB-Nationalspieler Emre Can, 26. Als Abwehrmann ist er von der jungen internen Konkurrenz weniger betroffen, weil sich die meisten Talente namens Bellingham, Giovanni Reyna, 17, Reinier, 18, Erling Haaland, 20, und Jadon Sancho, 20, weiter vorne breit machen. Für Marco Reus, mehr aber noch für Julian Brandt und Thomas Delaney könnte es in der neuen Saison hingegen häufig mal eng werden mit einer Startelf-Nominierung.

Zorc lässt sich nicht blenden

Die Formation in Duisburg - mit Axel Witsel vor der Abwehr und Bellingham und Reyna auf den offensiveren Halbpositionen - hat beim Zuschauen Spaß gemacht, man muss allerdings die überschaubare Gegenwehr der drittklassigen Gegenspieler berücksichtigen. Gleichwohl haben Bellingham und der Amerikaner Reyna, der bereits in der vergangenen Saison bedeutsame erste Einsätze beim BVB bekommen hatte, sehr selbstbewusst, sehr einfallsreich und technisch vielversprechend agiert. Beim Briten Bellingham kann man angesichts seiner Körpersprache gar nicht recht glauben, dass er wirklich erst 17 ist. Er war vier Jahre alt, als Dortmunds Rechtsverteidiger Lukasz Piszczek, 35, im August 2007 sein erstes Bundesligaspiel für Dortmund gemacht hat. Dem Polen dürften bei einigen seiner neuen Mitspieler väterliche Gefühle erwachsen.

So weit ist es bei Reus noch nicht. Dortmunds Kapitän ist 31 Jahre alt und hat soeben mal wieder eine längere Verletzungspause überstanden. Reus ist aber noch vital und ehrgeizig genug, die großen Ambitionen des BVB in der neuen Saison maßgeblich mitzutragen. Beim Spiel in Duisburg kam er nach seiner siebenmonatigen Pause wegen Leistenbeschwerden in der 57. Minute aufs Feld und reagierte auf die Attacken der jungen Positionskonkurrenten dergestalt, dass er nach seiner Einwechslung nur drei Sekunden benötigte, um den Treffer zum 5:0-Endstand zu markieren. Es war das schnellste Jokertor in der Geschichte des DFB-Pokals - was die Jungen können, kann Reus schon lange.

Ein echter Gradmesser ist erst der Liga-Auftakt gegen Gladbach

Weil das Transferfenster in diesem Jahr bis zum 5. Oktober geöffnet ist, könnte der BVB sogar noch ein weiteres Mal zuschlagen. In der Tat verdichten sich Indizien, dass man mit dem soeben 16 Jahre alt gewordenen Linksangreifer Jamie Bynoe-Gittens aus der Jugend von Manchester City einen weiteren jungen Engländer verpflichten könnte; er hat denselben Berater wie Sancho. Borussias anglophiler Jugendwahn droht pathologisch zu werden.

Doch immer langsam mit den jungen Fußballern! Am kommenden Samstagabend empfangen die Dortmunder zum Liga-Saisonauftakt Borussia Mönchengladbach. Dann erst wird sich zeigen, ob Trainer Lucien Favre in der Bundesliga genauso mutig sein wird mit den jungen Spielern, und ob die dann gegen versiertere Gegenspieler genauso glänzen können. Der Dortmunder Sportdirektor Michael Zorc hat sich von der Galavorstellung der Talente beim Drittligisten jedenfalls noch nicht allzu sehr blenden lassen und nannte den Sieg in Duisburg recht nüchtern "einen soliden Aufgalopp". Er weiß eben genau, dass erst die Bundesliga-Aufgaben gegen Mönchengladbach und eine Woche später in Augsburg zeigen werden, in welcher Frühform die ambitionierte Mannschaft tatsächlich ist.

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SZ vom 16.09.2020/ska
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