Süddeutsche Zeitung

Borussia Mönchengladbach:Flug auf Wolke sieben

Mönchengladbach nutzt die Schwächen von Bayern, Dortmund oder Leipzig und richtet sich an der Tabellenspitze ein - allerdings spürt das Borussen-Personal schon jetzt die Strapazen der wilden Reise.

Am Sonntagabend um 19.53 Uhr wurde offiziell die Entscheidung in der Fußball-Meisterschaft verkündet: "Deutscher Meister wird nur der VfL."

So eine Mitteilung wäre vielleicht noch ein bisschen vertrauenserweckender, wenn sie schriftlich auf einem Briefbogen mit dem Logo der Deutschen Fußball Liga verbreitet und nicht von der Nordtribüne des Borussia-Parks heruntergesungen würde.

Doch wer die fröhlichen Fans des VfL Borussia Mönchengladbach für kompetent und glaubwürdig hält, sollte sein historisches Wissen über den niederrheinischen Fußball jetzt lieber noch mal auffrischen, damit bei Vollzug des sechsten Meistertitels im Frühsommer 2020 auch zügig die Meister-Elf von 1977 aufgesagt werden kann. Glaubt man den optimistischsten unter den Borussen-Fans, so stehen dem Klub aufregende Monate bevor.

Am Sonntagabend um 19.53 Uhr wurde die Partie gegen Eintracht Frankfurt abgepfiffen. Gladbach gewann 4:2 (2:0), es war der dritte Bundesliga-Heimsieg in Serie. Erstmals seit der letzten Meistersaison 1976/77 steht die Borussia in der vierten Woche nacheinander an der Liga-Spitze, aber selbst im Klub ist man sich nicht so ganz einig, ob dieser Flug auf Wolke sieben eher den eigenen Leistungen geschuldet ist oder dem wiederkehrenden Straucheln solcher Konkurrenten wie Bayern München, Borussia Dortmund und RB Leipzig.

"Wir stehen da oben, weil andere nicht so punkten", hatte Sportdirektor Max Eberl vor dem Wochenende behauptet, doch nach dem torreichen und euphorisierenden Sieg gegen Frankfurt wirkte auch Eberl etwas berauscht: "Die erste Halbzeit war eine Demonstration", sagte er zunächst voller Pathos, aber weil bei ihm jede Aussage immer auch direkt die innere Autorisierungsbehörde durchläuft, schob er sofort ehrlich nach: "Nee, das ist jetzt vielleicht doch zu viel gesagt."

Beim Sportchef spürt man am Besten, wie sie in Gladbach um Contenance bemüht sind, wo man einfach auch mal vor Freude ausflippen könnte. Während des Spiels immerhin war ihnen diese Freiheit vergönnt, weil die launigen 90 Minuten wie eine prächtige Sinfonie mit allerhand Spannungsakkorden und Auflösungen wirkten. Die "Demonstration" in der ersten Halbzeit hatten Marcus Thuram (28.) und Oscar Wendt (45.) mit Toren garniert. Doch so richtig als würdiger Tabellenführer fühlten sich die Gladbacher erst in jener zweiten Halbzeit, in der ihnen hartnäckige Frankfurter durch Danny da Costa (1:2/59.) und Martin Hinteregger (2:3/ 79.) zweimal in die Parade fuhren. Nico Elvedi (3:1/75.) und Denis Zakaria (4:2/85.) lösten die Spannungsakkorde mit ihren Treffern wieder auf und tanzten vor jener Nordtribüne, auf der einige Fans die Meisterschaft im Choral für entschieden erklärten.

Der in Genf geborene Schweizer Zakaria, der in den vergangenen drei Monaten 13 Pflichtspiele mit Gladbach und vier Länderspiele für die Schweiz sämtlich von der ersten bis zur letzten Minuten durchgespielt hat, ist als zentral-defensiver Mittelfeldmann momentan Gladbachs bedeutendster Spieler, auch wenn die meisten Tore natürlich von den Angreifern Alassane Plea (4), Breel Embolo (4) und Marcus Thuram (3) geschossen werden. Doch Plea fehlte gegen Frankfurt verletzt, Embolo musste mit einer Muskelverletzung ausgewechselt werden und bei Zakaria, bekannte Trainer Marco Rose, habe man vor dem Spiel ernstlich überlegt, ob man ihm mal eine Pause gönnt. "Wir haben Spiele über Spiele", sagte Rose, "wir sind am Limit."

In die sonnige Idylle ziehen unvermittelt dunkle Wolken. Der Kader des Tabellenführers ist bis an die Grenzen strapaziert, viel darf jetzt nicht mehr passieren. Am Sonntag saß mit Charalambos Makridis schon ein Stürmer aus der U23 auf der Ersatzbank. Auch die Innenverteidiger Matthias Ginter und Tony Jantschke sind angeschlagen, und mit dem Pokalspiel am Mittwoch bei Borussia Dortmund, dem Bundesligaspiel bei Bayer Leverkusen am Samstag und dem vorentscheidenden Gruppenspiel in der Europa League gegen AS Rom am übernächsten Donnerstag stehen binnen neun Tagen in allen drei Wettbewerben schwierige Aufgaben bevor.

Vor diesem Hintergrund kann man verstehen, warum die Gladbacher ihre Euphorie im Zaum halten. Was binnen dreier Monate aufgebaut wurde, kann binnen weniger Tage auch wieder einstürzen, da ist der Profifußball ungefähr so anfällig wie ein Kartenhaus. "Deshalb wollen wir auch gar nicht so viel über die Tabellenführung nachdenken, sondern einfach weiter hart arbeiten", sagt Zakaria. Ziemlich sicher wird sich der 22-Jährige auch am Mittwochabend in Dortmund nicht schonen lassen und sein 18. Pflichtspiel in Serie bestreiten wollen. "Ist doch klar, dass wir auch das Pokalspiel gewinnen wollen", sagt er: "Für solche Emotionen spielen wir alle Fußball." Womöglich verkünden Gladbachs Fans im Erfolgsfall ja schon in Dortmund den Pokalsieg. Die Branche kennt den selbstironischen Charakter solcher Fangesänge, doch es gehört dazu, dass der Augenblick irrational gefeiert wird.

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Quelle:
SZ vom 29.10.2019
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