Süddeutsche Zeitung

Biathlon:Rätsel um ein Geldkuvert

  • Bei der Vergabe der Biathlon-WM 2021 an die russische Stadt Tjumen soll viel Geld geflossen sein.
  • "Dass Russland für jede Stimme 25 000 Euro oder mehr gezahlt hat, entbehrt der Realität", sagt zwar Wiktor Maigurow, Russlands Mann im neunköpfigen IBU-Vorstand.
  • Doch die Hinweise verdichten sich, auch die deutsche Rolle ist umstritten.

Von Thomas Kistner

Nun steht ein Zeuge aus dem Innersten parat in der Doping- und Korruptionsaffäre um den Biathlon-Weltverband IBU. Ein Vorstandsmitglied erklärt, beim Kongress im Herbst 2016 in Chișinău, der Hauptstadt der Republik Moldau, habe ihm ein Teilnehmer berichtet, wie ein Delegierter ein Geldkuvert herumgetragen und dargelegt hätte, das Geld habe er für sein Votum bei der Vergabe der WM 2021 an die russische Stadt Tjumen erhalten. Der IBU-Mann sagte der SZ, Verbandspräsident Anders Besseberg sei in Chișinău informiert worden, aber der Norweger habe die Sache als Gerücht abgetan.

Der IBU-Zeuge will ungenannt bleiben, er versichert aber, dass er bei allen zuständigen Ermittlungsinstanzen aussagen werde: bei Staatsanwaltschaften, die zum Korruptionssumpf um die in Salzburg ansässige IBU ermitteln, ebenso wie bei der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada. Deren Forensiker hatten die Affäre ausgelöst - mit einem Dossier, auf dessen Basis österreichische und norwegische Strafbehörden nun gegen Verbandschef Besseberg und die Ex-Generalsekretärin Nicole Resch wegen Doping- und Betrugsverdachts ermitteln; zudem gegen zehn russische Sportler und Betreuer. Im Raum steht neben der Dopingvertuschung der Verdacht, dass es Stimmkäufe für die WM-Zusage an Tjumen gab. Insofern hat die Aussage des IBU-Vorstandsmitglieds hohe Brisanz. Er erklärt weiter, dass schon beim Wahlkongress in der Republik Moldau unter Delegierten kursiert sei, es seien Summen zwischen 25 000 und 100 000 Euro geflossen. Diese Beträge finden sich im Anklage-Dossier der Wada.

Wurde Tjumen auch mit deutscher Stimme gewählt?

Wiktor Maigurow, Russlands Mann im neunköpfigen IBU-Vorstand, weist alle Vorwürfe zurück. "Dass Russland für jede Stimme 25 000 Euro oder mehr gezahlt hat, entbehrt der Realität", sagte er der heimischen Agentur R-Sport. "Wie soll man das unbemerkt bewältigen? Das wäre sofort publik geworden." Wäre es nicht - falls die IBU-Spitze falsch gespielt hätte.

Besseberg und seine Vertraute Resch, zu DDR-Zeiten an der umstrittenen Sportschule Oberhof und nach der Wende Biathletin, hatten den Biathlon-Weltverband konsequent auf ihre russlandfreundlich Linie getrimmt. Deshalb staute sich im Weltverband großer Unmut auf, als die russische Staatsdoping-Affäre ausbrach: Ein Teil des neunköpfigen IBU-Vorstandes opponierte wiederholt gegen prorussische Entscheide. Und musste doch fassungslos mit ansehen, wie Besseberg und Kameraden schließlich sogar das Wohl und Wehe all ihrer Athleten aufs Spiel setzten.

Rückblick. Juni 2016, der erste Bericht des Wada-Sonderermittlers Richard McLaren zum Staatsdoping lag auf dem Tisch, mehrere Weltverbände schlossen Russland sogar von den Olympischen Sommerspielen 2016 in Rio aus. Ganz anders Besseberg. Der Mann, der seit 1992 als Biathlon-Präsident amtierte und seit 2001 auch im Wada-Stiftungsrat saß - ein weiterer Beleg für die Absurdität, Sportfunktionäre die Selbstkontrolle zu überlassen - boxte in seiner IBU die WM-Vergabe an Tjumen durch. Obwohl zwei starke Mitbewerber angetreten waren, Pokljuka (Slowenien) und Nové Město (Tschechien), erhielt Tjumen mit 25 Stimmen in Runde eins zufällig genau die erforderliche Mehrheit; die Rivalen kamen auf insgesamt 24 Voten. Tjumen bekam "sicher nicht unsere Stimme", empörte sich damals der britische Verband in einer Erklärung, und spekulierte: "Die Präsenz von Miss Russland mag einige Delegierte betört haben. Aber war das alles, was sie betörte?"

Umso spannender die Frage, ob Tjumen auch mit deutscher Stimme gewählt wurde. Die Rolle der schwarz-rot-goldenen Supermacht in dieser Biathlon-Affäre bedarf einer Untersuchung. Neben der ostdeutschen Generalsekretärin, die sich zu den Vorwürfen bisher nicht äußerte, sitzt im neunköpfigen IBU-Vorstand seit 2010 in Thomas Pfüller ein weiterer höchst umstrittener Funktionär. Pfüller war in der DDR Cheftrainer Ski-Langlauf sowie Vize-Generalsekretär im DDR-Skiverband. Er war eingebunden in das damalige staatliche Dopingsystem. Die laxe Aufarbeitung der Doping- und Stasi-Problematik nach der Wende überstand der Mann, der einst DDR-Olympiasportler betreute, so problemlos, dass sogar andere belastete Trainer von seiner Patronage im vereinigten Sport profitierten.

Pfüller ließ, anders als andere IBU-Vorstände, SZ-Anfragen unbeantwortet; darunter die, wie er sich bei Abstimmungen zu Tjumen und in der Staatsdoping-Problematik generell positioniert hat. Das wäre aus deutscher Sicht nun zu klären, denn Bessebergs Vorstandsfraktion, unterstützt von der deutschen Generalsekretärin, war ja eng auf Kante genäht. Diese Allianz brauchte jedes Votum, um die schwer verdächtigten Russen zu stützen.

Wurde der als Lebemann bekannte IBU-Präsident erpressbar gemacht?

Angesichts der WM-Vergabe an Tjumen drohte Wada-Generalsekretär Olivier Niggli der IBU das Schlimmste an: den Rauswurf aus dem Olymp. Sollte der Beschluss nicht korrigiert werden, werde er die Sache den Hütern des Wada-Codes vorlegen. Ein Schock: Beim Verstoß gegen den Wada-Code stand die Olympiazulassung für alle Biathleten auf dem Spiel. Trotzdem, sagt ein Vorstand, habe Besseberg auf seiner Russland-Position beharrt: "Er sagte, das Ganze sei nur ein Papierkrieg zwischen Wada und IOC, und die IBU sei das Opfer."

Aber auch die Athleten machten nun Druck, über Drohungen und Petitionen. Bei der WM in Hochfilzen 2017 sprang Frankreichs Skijäger Martin Fourcade vom Siegerpodest, als die russische Staffel hinaufkletterte. Das Publikum pfiff die Russen nieder. Die IBU geriet so unter Druck, dass sie die Russen zur Rückgabe der WM aufforderte. Die sperrten sich - also wurde ihnen das Turnier entzogen.

Auch in Deutschland sollten die Geldgeber auf Aufklärung drängen

Am 10. Dezember 2017, berichtet ein Vorstandsmitglied, vollzogen Besseberg und Getreue eine Art Wiedergutmachung: Tjumen bekam das Weltcup-Finale im März 2018. Dieses Votum endete 4:4, Maigurow stimmte nicht ab; Bessebergs Präsidentenvotum gab den Ausschlag. Und wieder stellten sich die Sportler quer. Die deutschen Biathleten opponierten sogar schriftlich gegen das Russland-Finale. Als der IBU-Vorstand bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang tagte, berichtet ein Teilnehmer, sei Resch in eine pikante Rolle geraten: Auf Wunsch einiger Vorstände habe sie den Protestbrief der deutschen Athleten auf Englisch vortragen müssen.

Trotzdem wurde Tjumen erneut knapp bestätigt. Das Weltcup-Finale musste in Russland stattfinden, die IBU ließ alle Kritik abperlen. Resch erzählte der Deutschen Presse-Agentur, dass das Vorstandsvotum pro Tjumen "mit demokratischer Mehrheit getroffen worden" sei. Laut der Agentur soll auch der deutsche Vertreter Pfüller dafür gestimmt haben. Mit diesem prorussischen Freundschaftsakt nahmen Besseberg, Pfüller, Resch und Co. sogar die Spaltung ihrer Sportwelt in Kauf. Dutzende Athleten protestierten, US-Amerikaner und Kanadier, Tschechen und Ukrainer fehlten demonstrativ. Das deutsche Team war dabei, viele sahen sich umständehalber zur Teilnahme gezwungen.

Nun untersuchen Strafbehörden, ob der als Lebemann branchenbekannte Präsident über Geschenke und Gespielinnen gefügig oder gar erpressbar gemacht wurde. So, wie es heute viele im Vertrauen erzählen und wie es im Wada-Dossier dargelegt ist. Ermittelt wird auch, ob die deutsche Vertraute Resch jahrelang russische Dopingsünder gedeckt hat. Nach SZ-Informationen tritt auch Frankreichs Staatsanwaltschaft in Kontakt mit den Österreichern und Norwegern. Die Pariser Behörde ermittelt zur Doping- und Korruptionsaffäre um den Leichtathletik-Weltverband IAAF, im IBU-Skandal vermutet werden nun "exakt dieselben" Muster.

Auch in Deutschland sollten die Geldgeber auf Aufklärung drängen. Es sieht nicht so aus, als sei diese Affäre an allen hochrangigen deutschen Akteuren vorbeigelaufen. Eine Rolle könnte auch noch ein dritter Deutscher spielen, der im Vorjahr über Nacht gekündigt worden ist. Zuvorderst der Deutsche Skiverband sollte klar darlegen, welche Politik sein Vertreter Pfüller all die Zeit betrieben hat - insbesondere gegenüber den deutschen Athleten. Auf wessen Seite stand der Mann mit Vergangenheit im DDR-Staatssport und langjährige IBU-Vizepräsident, zuständig für Marketing: bei Besseberg und Russland - oder auf Seiten all jener Athleten, die sich nach Aktenlage über viele Jahre mit russischen Dopern messen mussten?

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3956178
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 24.04.2018/ebc/cat
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.