Süddeutsche Zeitung

Beachvolleyball:Kennenlernen im Foro Italico

Lesezeit: 3 min

Der Starnberger Clemens Wickler startet mit seinem neuen Partner Nils Ehlers bei der Beachvolleyball-Weltmeisterschaft in Rom. Die große Frage ist: Wie schnell kann ein Duo zusammenfinden, das sich wie aus heiterem Himmel gegründet hat?

Von Sebastian Winter

Clemens Wickler hat mal wieder ein paar schöne Bilder rausgehauen während der Woche. Der Starnberger hat ja nicht nur das Talent, als derzeit bester deutscher Abwehrspieler Beachvolleyball-Felder an allen erdenklichen Stränden der Welt umzupflügen, sondern gibt immer mal wieder ein paar nette Details aus dem sandigen Kosmos zum Besten, in diesem Fall zu seinem neuen Partner Nils Ehlers: "Was mir besonders aufgefallen ist an Nils: Wenn wir wo essen sind und eine Kartoffel ist noch übrig, hätte mir Julius die weggegessen. Nils überlässt sie mir."

Und Ehlers? Der schüttelt bei der Kartoffel-Anekdote nur schmunzelnd den Kopf und sagt: "Wie man merkt, sind wir noch in der Findungsphase."

Julius Thole war Wicklers Partner bis Herbst 2021, zusammen sind sie WM-Zweiter und zweimal deutscher Meister geworden. Doch nach den Olympischen Spielen in Tokio und dem Aus im Viertelfinale beendete Thole überraschend seine Karriere, mit 24, um sich auf sein Jurastudium zu konzentrieren. Es war ein schwerer Schlag auch für den Verband, dem gerade bei den Männern internationale Spitzenduos fehlen. Auch, weil er eine nachhaltige, stringente Förderung seit dem Olympiasieg von Julius Brink und Jonas Reckermann 2012 in London verpasst hat.

Mit dem 2,10 Meter großen Blocker Ehlers geht Wickler nun in den nächsten Olympiazyklus, Paris 2024 ist das Fernziel, doch der beginnende Sommer wird schon zur Standortbestimmung für das neuformierte Duo. An diesem Samstag starten beide in die Weltmeisterschaften in Rom, als einziges deutsches Männerteam neben vier von Karla Borger und Julia Sude angeführten Frauenduos, im August steht dann die Heim-Europameisterschaft in München im Rahmen der European Championships auf dem Programm. "Ich denke da ganz oft dran, viele Freunde haben sich schon Tickets besorgt, und viel näher an zu Hause habe ich ja auch noch kein Beachvolleyball-Turnier gespielt", sagt der Starnberger Wickler.

Die große Frage, ist, wie flugs sie zu einer Einheit werden können auf dem Feld. So eine Mini-Mannschaft ist ja auch immer bis ins kleinste Detail abgestimmt, eine selbstorganisierte Firma mit Profis auch im Trainerstab. Jürgen Wagner übernimmt nun auch im Balltraining mehr und mehr Aufgaben, jener in der Szene verehrte Coach, der zuvor Julius Brink und Jonas Reckermann 2012 in London sowie Laura Ludwig und Kira Walkenhorst 2016 in Rio de Janeiro zu Olympiagold führte. Ehlers hatte mit Wagner und auch den anderen Betreuern aus Wicklers Stab bislang wenig zu tun. "Bei mir hat sich trainermäßig alles verändert. Gerade fressen Themen wie Selbststeuerung, Emotionskontrolle oder Umgang mit Fehlern sehr viel Gehirnschmalz", gibt Ehlers, 28, zu.

"Rang neun + x" soll es werden, sagt Sportdirektor Hildebrand

Für Wickler, 27, war es selbstverständlich, nach dem kurzen Schock über das Karriereende seines Partners Thole den noch längeren und kräftigeren Blocker Ehlers zu fragen, der hierzulande derzeit der wohl Beste seines Fachs ist. "Wir wollen jetzt den Ehlers-Wickler-Beachvolleyball probieren", sagt Wickler, das bedeutet: "Hoher Aufschlagdruck, viele Asse, darauf basiert unser Spielkonzept." Auch der Angriff soll wuchtiger werden, bei Ehlers ist er das ohnehin, Wickler arbeitet viel an seinen Schlägen. "Shots haben wir nicht so viel trainiert", sagt er. Sie sind auch da noch mitten im Kennenlernprozess. Die ersten Turniere waren durchwachsen, zuletzt erreichten sie immerhin Platz fünf in Jurmala bei einem Turnier der höchsten internationalen Kategorie.

Nun, bei der WM im monumentalen Foro Italico samt seinen Sportlerstatuen aus Marmor und Tribünen aus Stein, soll das Ziel "Rang neun + x sein", wie DVV-Sportdirektor Niclas Hildebrand sagte. Weiterzukommen wäre nicht nur fürs Selbstvertrauen des neuen Teams wichtig. Je besser die Platzierungen in diesem Sommer sind, desto besser ist die Ausgangsposition für die Olympiaqualifikation im kommenden Jahr. Ihre WM-Gruppe mit Gegnern aus Uruguay am Samstag zum Auftakt, aus Kuba und Australien ist in jedem Fall machbar.

Das Kennenlernen soll in Rom jedenfalls weitergehen, außerhalb des Feldes haben sie schon gemeinsame Karten- und Computerspiele für sich entdeckt und das ein oder andere Mal Billard gespielt. Die Chemie stimmt also. Fehlt nur noch die Feinjustierung im Sand.

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