Süddeutsche Zeitung

FC Bayern und Manuel Neuer:Foul am Pokertisch

Es ist das gute Recht von Manuel Neuer, sauer zu sein über die Indiskretionen während der Vertragsgespräche. Sein grantiger Gruß an den Sportchef lässt aufhorchen.

Kommentar von Christof Kneer

Es gibt diesen berühmten Fall, der sich vor einigen Jahren ebenfalls beim FC Bayern zugetragen hat. Damals, so geht die Legende, habe der Spieler Toni Kroos die Unterschrift unter einen neuen Vertrag beim FC Bayern verweigert, weil er mehr als zehn Millionen Euro im Jahr verdienen wollte. Als Motiv ist nicht Geldgier in die Geschichtsschreibung eingegangen, denn auch Kroos war klar, dass der Unterschied zwischen 9,7 und 10,3 Millionen eher akademischer Natur ist. Es war eher eine symbolische Marke, die es zu übertreffen galt: die Zehn - Kroos wollte rüber über die zehn Millionen, weil Mario Götze ebenfalls drüber war, wie Kroos aus sehr verlässlicher Quelle wusste. Der Agent von Toni Kroos war damals auch der Agent von Mario Götze.

Natürlich darf man das unangemessen finden, aber Wertschätzung bemisst sich in dieser Branche nun mal vor allem in dieser Währung. Das Wort "Wertschätzung" ist jetzt auch in dem Interview gefallen, das Manuel Neuer der Bild am Sonntag (Springer-Verlag) gegeben hat, und natürlich muss da niemand Beifall klatschen: Dass Neuer beim Blick in die Gehaltstabelle ebenfalls die vergleichende Lektüre pflegt und sich an Zahlen orientiert, die er womöglich auf dem Lohnstreifen des Kollegen Robert Lewandowski vermutet. Klar, der Sozialneid-Reflex, sowieso in diesen Corona-Zeiten, hallo!, geht's noch?

Das allerdings ist nicht der Ansatz, mit dem man jene Irritationen zu fassen bekommt, die den FC Bayern und dessen ruhmreichen Torhüter zurzeit umtreiben. Denn es ist ja so: Mit Forderungen, die eine Partei - angeblich - stellt, beginnt die Arbeit am Verhandlungstisch ja erst, es steht dem ebenfalls ruhmreichen FC Bayern frei zu sagen: Mei, Manuel, du weißt schon, dass du 34 bist und einen sensiblen Mittelfuß hast, oder? Und hast du dich auf dem Markt mal umgeschaut, wohin würdest du denn überhaupt wechseln wollen? Denk noch mal nach, Manu, wir wollen dich halten, du bist uns wirklich wichtig!

So, nur als Beispiel, könnte man das machen. Was man - leider kein Beispiel, sondern Realität - nicht machen kann: Zahlen nach draußen lancieren, die dann groß in der Sport-Bild (Springer-Verlag) auftauchen und den heiligen Manu als gierigen Nimmersatt erscheinen lassen.

Neuer nimmt in Kauf, dass sein Interview als grantiger Gruß an Salihamidzic verstanden wird

Diese Interpretation hat der FC Bayern mindestens billigend in Kauf genommen, vielleicht sogar forciert, und es ist Neuers gutes Recht, darüber mindestens irritiert, vielleicht sogar stinksauer zu sein. Gleichzeitig hat es der FC Bayern auch zugelassen, dass der Springer-Verlag einen Doppelpass mit sich selber feiern darf. Indiskretionen auf demselben Kanal auszureichen, auf dem die Indiskretionen dann dementiert werden: So ein Fall ist in der Geschichte des FC Bayern kaum erinnerlich.

Warum der FC Bayern seinen Kapitän auf so groteske Weise öffentlich vorführt? Ähm, Moment, mal überlegen ... Moment ... äh ... gute Frage. Keine Ahnung.

Es sind vor allem die kleinen Wörter, die im Interview aufhorchen lassen. "Ständig" stünden Details aus Gesprächen in den Medien, sagt Neuer, was die Pokertaktik des Klubs ziemlich kläglich wirken lässt und außerdem fahrlässig das Binnenklima schädigt. Neuers Vorwurf der fortgesetzten Durchstecherei wirft ja nicht nur die Frage nach dem Motiv für diese groben Fouls am Pokertisch auf, sondern vor allem die Frage nach den Durchstechern. Der Hinweis von Neuers Berater, wonach er die Gespräche mit Hasan Salihamidzic und Oliver Kahn geführt habe, darf dabei als gezielte Leserlenkung gelten.

Man weiß ja: Kahn gilt als Befürworter von Neuer. Und man weiß auch: Salihamidzic hat Alexander Nübel verpflichtet, Neuers neuen Rivalen, und er hat Nübel angeblich Zugeständnisse gemacht, die Neuer nicht gefallen, was Neuer übrigens ebenfalls der Presse entnehmen konnte.

Neuer seinerseits nimmt also nun billigend in Kauf, dass sein Interview als grantiger Gruß an die Adresse des umstrittenen Sportchefs Salihamidzic wahrgenommen wird. Ausgerechnet in dessen Büro werden bald heikle und im Zweifel extrem teure Unternehmensentscheidungen fallen (Sané, Werner, Havertz ja/nein), und so lenkt der Fall Neuer den Blick auf die größte Herausforderung, die dem Klub bevorsteht: Der FC Bayern muss neben dem Platz eine neue Aufstellung finden. Nach der jahrhundertelangen Hoeneß/Rummenigge-Ära positioniert sich jeder, so gut er kann, es herrscht auf einmal Unruhe im Organigramm. Was macht Rummenigge noch, was macht Kahn schon? Regiert Hoeneß noch mit, wie mächtig will Nachfolger Hainer sein? Was kann Salihamidzic? Und wie beeinflussen die kontroversen Fachdebatten zwischen Salihamidzic und Trainer Flick den Betrieb und die Kabine?

Hansi Flick sei "ein super Trainer", hat Manuel Neuer im Interview noch gesagt. Auch dieser Gruß dürfte im Büro Salihamidzic aufmerksam registriert werden.

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SZ vom 20.04.2020/chge
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