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Bayer Leverkusen:"Gib mir noch eine Minute"

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Positive Bilanz gegen Spitzenklubs: Leverkusen wächst auch gegen Dortmund über sich hinaus - und wird bei Lars Benders Siegtor zu seinem Glück gezwungen.

Von Milan Pavlovic, Leverkusen

Um ihn herum herrschte Ekstase, aber Peter Bosz faltete erst einmal seine Brille zusammen. Dem niederländischen Trainer eilt der Ruf voraus, nie ganz zufrieden zu sein. Nach dem aufregenden 4:3 (2:2) gegen Borussia Dortmund habe er der Mannschaft in der Kabine gesagt, sie habe das "gut gemacht" - na gut, gab er erst auf Nachfrage zu, "das war eine Superleistung. Wenn man zweimal in Rückstand gerät und das Spiel noch gewinnt, kann ich nichts anderes machen, als meiner Mannschaft ein Riesenkompliment auszusprechen". Bosz blieb dennoch realistisch: "Wir haben zuvor Spiele mit viel mehr Großchancen gehabt. Heute gab es nicht so viele Chancen, trotzdem sind vier reingegangen. Das ist auch manchmal Fußball, das kann ich nicht erklären. Verrückt."

Vielleicht war der 56-Jährige auch deshalb so reserviert, weil er ein bisschen zu seinem Glück gezwungen worden war. Nicht weniger als vier Mittelfeld-Sechser fehlten der Werkself, zuletzt hatte sich Wintereinkauf Exequiel Palacios mit zwickendem Rücken abgemeldet. Also zog Bosz den Veteranen Lars Bender ins Mittelfeld vor und stellte in der Abwehr auf eine Dreierkette um, die immer wieder zur Fünferkette wurde, weil die Außenbahnspieler Bellarabi und Sinkgraven oft hinten aushalfen. Ins kalte Wasser geworfen wurde Wintereinkauf Edmond Tapsoba, 21, aus Burkina Faso, der insgesamt eine ganz gute Figur abgab. Selbst vor BVB-Torjäger Haaland hatte er keine Angst, vielleicht war seine Unerfahrenheit sogar von Vorteil. Nach dem 2:3-Rückstand stellte Bosz ein letztes Mal um, er ließ noch mutiger agieren - das war der Anlass für die Wende.

Schon einmal hatte Bosz ein verletzungsbedingter Systemwechsel einen Triumph mit Leverkusen ermöglicht: Im Januar 2019 war das beim 3:1 gegen die Bayern. Diesmal wie damals hatten die notorischen Chancenverschwender vom Rhein ungeahnt effizient agiert. Die Pointe am Samstag gehörte Lars Bender. Er war angeschlagen, gefühlt zum 792. Mal in seiner Karriere musste er während des Spiels von den Teamärzten untersucht werden - eigentlich sollte der Kapitän ausgewechselt werden. "Ich habe mit ihm gesprochen, ob er noch weitermachen kann, weil er verletzt war", verriet Bosz später. "Er sagte: ,Gib mir noch eine Minute!' Wir haben gesehen, warum." Bevor die 60 Sekunden vorbei waren, hatte Bender per Kopf kunstvoll das Siegtor erzielt.

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Quelle:
SZ vom 10.02.2020
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