Süddeutsche Zeitung

Deutschland bei der Basketball-EM:Das beste Ergebnis seit 26 Jahren

Beim Viertelfinal-Aus gegen Spanien geraten die DBB-Frauen an Grenzen, trotzdem hat das Nationalteam in dieser Form eine Perspektive. Nun geht es um die Olympia-Qualifikation - und um die Zukunft der Bundestrainerin.

Von Jonas Beckenkamp

Mit der Schlusssirene stieg weißer Rauch auf in der Arena Stožice, so haben sich das die Organisatoren der Basketball-Europameisterschaft ausgedacht. Wer in Ljubljana von der Tribüne aus zuschaute - und das waren nicht besonders viele Menschen -, musste kurz durch den Kunstnebel spähen, um die deutsche Bank zu erkennen. Von dort schlurften die Spielerinnen des Deutschen Basketballbundes (DBB) in Richtung ihrer Gegnerinnen, um ihnen zum Sieg in diesem EM-Viertelfinale zu gratulieren.

Das deutsche Aus manifestierte sich mit einem 42:67 (16:33) gegen Spanien, das klingt nach Klatsche, und in der Tat stieß die Mannschaft von Bundestrainerin Lisa Thomaidis an Grenzen. Aber letztlich war das egal. Denn auch wenn die Medaillen damit an Ungarn, Belgien, Frankreich oder eben Spanien gehen, lassen sich bei den Deutschen lange vermisste Positiv-Entwicklungen bilanzieren. Der Weg des Teams stimmt, für das beste Resultat seit 26 Jahren (EM-Bronze 1997) muss man sich wahrlich nicht genieren. Und bei den Platzierungsspielen am Wochenende ist immer noch Platz fünf möglich, am Samstag geht es gegen Tschechien (12 Uhr, Magentasport), eine machbare Sache.

"Ich glaube, dass wir gezeigt haben, dass wir hier hingehören", sagte Leonie Fiebich im TV-Interview. Die talentierteste Deutsche hat sich mit einer Knieverletzung durchs Turnier gequält und wer weiß, wie weit sie ihr Team ohne jene dicke Bandage am rechten Bein hätte führen können. Im Viertelfinale gelangen ihr nur fünf Punkte, sie schaffte kaum Abschlüsse gegen den Dauerdruck der Spanierinnen.

Ihre Widersacherinnen wussten ja, mit wem sie es zu tun hatten: Fiebich, 23, gilt bei ihrem Klub in Saragossa als europaweite Attraktion, sie ist amtierende beste Spielerin in Spaniens Liga, eine Karriere in der US-Liga WNBA mit einem Engagement in New York ist in Sicht. Aber darum geht es ihr noch gar nicht, sie hat andere Prioritäten: "Wir wollen den Mädels zeigen, dass es eine Zukunft gibt für den deutschen Damen-Basketball", betonte Fiebich. "Wir wollen etwas aufbauen, wir wollen mehr Aufmerksamkeit und mehr Trainingsmöglichkeiten."

Das war ein Plädoyer für einen Frauen-Sport, der seit Jahren ein massives Strukturproblem vor sich her schiebt: eine kaum wahrgenommene Liga, deren Niveau ohne große finanzielle Mittel stetig sinkt. Dazu fehlende Perspektiven für den Nachwuchs. Und ein Verband, der lange nach dem Motto agiert hat: Huch, die Frauen gibt's ja auch noch...

Jetzt offenbaren sich Tendenzen des Aufbruchs, denn die Nationalspielerinnen haben mit ihren Auftritten bei dieser EM ihr Können und ihren Stellenwert unterstrichen. Die Spiele sind im Internetfernsehen frei empfangbar, manche Zuseherinnen und Zuseher kennen mittlerweile eine Leo Fiebich mit ihren Allround-Qualitäten. Oder eine Marie Gülich, deren Kraft unter den Körben Deutschland dringend braucht. Oder eine Lina Sontag, die mit 19 Jahren cleveren Basketball spielt und sich an der renommierten US-Uni UCLA in Los Angeles weiterentwickelt.

Ob Bundestrainerin Thomaidis bei den DBB-Frauen bleibt, ist offen

Sportlich kann das DBB-Team mithalten, auch wenn es vor allem auf den Positionen für die etwas kleineren Spielerinnen Defizite gibt. Es fehlt eine Regisseurin auf Topniveau, wie etwa die Belgierin Julie Allemand, bisher beste Aufbauspielerin der EM. Oder eine erfahrene Scorerin wie die Spanierin Laura Gil, die die Deutschen gehörig ärgerte. "Man konnte sehen, dass meine Mannschaft noch nie in einer solchen Situation war. Es ist Teil unseres Prozesses, gegen solche Gegner zu spielen und zu sehen, wo wir stehen", sagte Bundestrainerin Thomaidis, die nun mit ihrer Mannschaft noch die Chance auf die Qualifikation für Olympia 2024 nutzen will. Dafür müssten in der Runde um die EM-Plätze fünf bis acht zwei weitere Siege her.

Ob die Kanadierin aber beim DBB bleibt, auch in Richtung Heim-WM 2026, entscheidet sich erst nach der EM. Die Spielerinnen schätzen ihre Zugewandtheit und ihre klaren Direktiven. "Sie passt richtig gut zu uns - von ihrer Art, aber auch vom Basketball her", sagt Fiebich. "Sie will mit großen Flügelspielerinnen spielen, ist total sympathisch und hat einen guten Humor." Gute Voraussetzungen eigentlich, damit sich im deutschen Frauenbasketball nicht gleich wieder alles in Rauch auflöst.

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