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Premier-League-Klub Aston Villa:Die Villans hoffen wieder

Aston Villa, Traditionsverein aus Birmingham, dümpelte Ewigkeiten bestenfalls im Mittelfeld der Premier League herum. Jetzt schaut der Klub Richtung Champions League - dank reicher Besitzer und eines oft unterschätzten Trainers.

Von Sven Haist, London

Die Fußballleidenschaft im Ballungsgebiet Birmingham entspricht ungefähr der des Ruhrpotts in Deutschland. Die Region der West Midlands besitzt mehrere Profivereine, zu denen Birmingham City, Aston Villa, West Bromwich Albion und die Wolverhampton Wanderers gehören. Die drei letztgenannten Klubs besitzen die Gemeinsamkeit, in ihrer langen Historie jeweils mindestens einmal englischer Meister geworden zu sein. Doch seit dem Jahr 1992, als Premier League und Champions League gegründet wurden, sind jene Traditionsbetriebe zunehmend abgehängt worden. Die Meisterschaft geriet in England zum Doppelpass zwischen den Vereinen aus London und Manchester. Die Dominanz beider Städte war fast ein Abbild der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse im United Kingdom. Bis heute konnte sich keines der zahlreichen Teams aus Birmingham für die Champions League qualifizieren - aber das könnte sich in dieser Saison nun ändern.

Nach einem Saisondrittel liegt Aston Villa unverhofft auf dem vierten Tabellenplatz der Liga, gerade mal zwei Punkte hinter dem Spitzenreiter FC Arsenal. So gut stand der Verein zu diesem Zeitpunkt zuletzt vor 14 Jahren da. Durch das 2:1 im Verfolgerduell bei Tottenham Hotspur am Sonntag - nach Rückstand trafen Innenverteidiger Pau Torres und Torjäger Ollie Watkins - kommt die Mannschaft von Trainer Unai Emery schon jetzt auf 22 Ligasiege in diesem Kalenderjahr.

Die Bilanz erinnert an den glorreichen Beginn der Achtzigerjahre, als Villa den Europapokal der Landesmeister 1982 in Rotterdam gewann. Im Finale besiegten die Villans damals den mit Bekanntheiten wie Paul Breitner, Klaus Augenthaler und Karl-Heinz Rummenigge gespickten FC Bayern mit 1:0, durch ein Tor von Peter Withe in der 67. Spielminute.

Das Gründungsmitglied der Football League und Premier League, deren Liga-Grundkonzepte jeweils auch auf den Aston-Villa-Direktor William McGregor im 19. Jahrhundert zurückgingen, zog sich fortan weiter sehr achtbar aus der Affäre - mit vielen einstelligen Tabellenplätzen. Als in den Nullerjahren jedoch immer mehr vermögende ausländische Kapitalgeber in den englischen Fußball drängten, verlor Villa den Anschluss.

Der US-Entrepreneur Randy Lerner, der den Arbeiterverein 2006 für 62 Millionen Pfund erworben hatte, brachte dabei das zweifelhafte Kunststück fertig, ihn trotz ständiger finanzieller Subventionen und der boomenden Premier League ein Jahrzehnt später unter hohem Millionenverlust abzugeben. Den frisch in die zweite Liga abgestiegenen Klub übernahm der Chinese Tony Xia.

Zu dieser Zeit kauften sich einige chinesische Investoren für insgesamt rund zweieinhalb Milliarden Pfund in Europas Spitzenfußball ein - und in fast alle strukturschwachen und daher günstig zu erwerbenden Profiklubs aus Birmingham, der zweitgrößten Stadt in England. Sie folgten dem vorherigen Aufruf des chinesischen Präsidenten Xi Jinping, das eigene Land zu einer Fußballnation transformieren zu wollen. Allerdings fehlte ihnen sichtbar das Know-how in England. Und vor allem auch das Kapital.

Sinnbildlich für das fast kollektive Scheitern war die Situation in Villa: Nach nur zwei Jahren entschied sich Xia, den nun gleichfalls sportlich wie finanziell strauchelnden Verein wieder zu veräußern. Auf ihn folgten 2018 die Milliardenbesitzer Nassef Sawiris und Wes Edens. Sie stehen für den sich ausbreitenden Trend in der Premier League, dass sich immer mehr Klubs aus der oberen Tabellenhälfte mit milliardenschweren Eigentümern eindecken - wodurch langsam wieder so etwas wie Wettbewerbsgleichheit in der Liga entsteht.

Emery gewann mit Sevilla und Villarreal die Europa League - wird aber immer noch unterschätzt

Seit ihrer Übernahme haben Sawiris und Edens kontinuierlich pro Saison ungefähr 100 Millionen Euro allein an Ablösesummen für neue Spieler rausgeballert, auch vor dieser Spielzeit wieder. So kamen unter anderem Tottenham-Torschütze Torres, Mittelfeldmann Youri Tielemans und Angreifer Moussa Diaby. Und tatsächlich erwirkte Villa den Sieg gegen verletzungsgeplagte Spurs über die größere Kadertiefe - und über die taktischen Umstellungen des Trainers Emery in der zweiten Halbzeit. Dieser scheint jene hohen Ambitionen des Klubs umsetzen zu können, die eigentlich die Verpflichtung des vor ihm gescheiterten Steven Gerrard ausdrücken sollte. Die Zeitung The Telegraph kommentiert, die Leistungen von Emery mit seiner Villa-Mannschaft grenzten an ein Wunder, und er sollte zum Trainer des Jahres 2023 gekürt werden. Schon zuvor hatte der oft unterschätzte Baske mit den spanischen Klubs FC Sevilla und FC Villarreal serienweise die Europa League gewonnen.

Bei Aston Villa versucht Emery nun, trotz des guten Starts die Erwartungen der Fans zu dämpfen. Er kokettiert damit, dass es in der Liga sieben bessere Mannschaften als Villa gebe und sich das Leben im Fußball grundsätzlich schnell ändere. Die Birmingham Mail verglich derweil schon mal den eigenen Spielplan mit dem der Champions-League-Konkurrenten.

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SZ/schm/bek/koei
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