Süddeutsche Zeitung

FC Arsenal:Emery tritt aus Wengers Schatten

  • 19 Pflichtspiele ohne Niederlage: Der FC Arsenal spielt unter Trainer Unai Emery erfolgreich und emanzipiert sich von der Ära Wenger.
  • Fraglich ist, ob Mesut Özil noch gebraucht wird: Auf Freigeister im Mittelfeld verzichtete Emery zuletzt komplett.
  • Hier geht es zur Tabelle in England.

Um nicht gleich den Unmut der führenden Spieler auf sich zu ziehen, stellte Unai Emery nach seiner Ankunft beim FC Arsenal die Hierarchie im Team erst mal nicht infrage. Als Kapitän bestätigte er im Sommer den an der Achillessehne verletzten Laurent Koscielny in seinem Amt. Dahinter formierte der Trainer in Petr Cech, Mesut Özil, Aaron Ramsey und Granit Xhaka ein Quartett an Vertretern.

Aus diesem Pool an Alternativen hat sich allerdings ein Spieler nach dem anderen entbehrlich gemacht. Während Cech das Torwartduell der Generationen mit Bernd Leno verlor, war bei Özil und Ramsey schnell klar, dass die defensive Stabilität des Teams bloß einen der zwei Freigeister in der Startelf vertragen kann. Im Stadtduell gegen Tottenham Hotspur am Sonntag war nun sogar für keinen mehr Platz. Kurzfristig hatte sich Özil fürs Spiel zum zweiten Mal in dieser Saison mit Rückenschmerzen abgemeldet, bei seinem dritten Ausfall in 14 Ligaspielen soll ihn eine Krankheit am Mitwirken gehindert haben.

Die Daily Mail attestierte Özil dagegen als Befund, dass seine Tage bei Arsenal gezählt zu sein scheinen. Und so führte die Gunners erstmals in einer prestigeträchtigen Partie ein Spieler aufs Feld, der nicht zu den langjährigen Weggefährten von Emerys Vorgänger Arsène Wenger gehört: der frühere Gladbacher Xhaka. "Das bedeutet mir sehr viel, weil ich oft untendurch musste in England", sagte Xhaka.

"Mit uns ist zu rechnen in der Saison", sagt Torwart Leno

Der denkwürdige Erfolg über Tottenham bringt Arsenal den Beweis, dass sich die Mannschaft mit Emery als neuem Anführer emanzipiert hat von Wengers 22 Jahre dauernder Amtszeit. Der Debüterfolg im Duell mit einem direkten Konkurrenten um einen der ersten vier Plätze, die Arsenal nach zwei Jahren wieder zur Teilnahme an der Champions League berechtigen würden, lässt die Rivalen aufhorchen. Nach 19 Pflichtspielen ohne Niederlage hintereinander hat Arsenal mit dem vierten Platz vor den Spurs seine beste Saisonplatzierung erreicht: acht Punkte hinter Tabellenführer Manchester City, aber dafür mittendrin im Verfolgerfeld.

Mit Chelsea, Arsenal und Tottenham haben sich die drei führenden Klubs in London jeweils gegenseitig geschlagen. "Mit uns ist zu rechnen in der Saison, das Ziel ist das Erreichen der Champions League", sagte Torwart Leno: "Die Atmosphäre im Stadion war schon sehr speziell. Etwas Vergleichbares habe ich noch nicht erlebt. Bei Siegen drehen alle durch in England."

Beim 4:2 gegen die Spurs am Sonntag stellte Emery sein Portfolio als Trainer zur Schau, als er mit seinen Umstellungen die Kontrolle über ein Spiel gewann, das 33 Torschüsse zu bieten hatte, 32 Fouls, genauso viele Tore wie Formationswechsel (drei auf jeder Seite), mehrere Handgemenge, einen Platzverweis (für Tottenhams Jan Vertonghen, 85.) - und einen Eklat. Mit einem Salto bejubelte Pierre-Emerick Aubameyang seinen Führungstreffer nach Elfmeter (10.) unmittelbar vor den gegnerischen Fans. Aus dem Pulk bewarf ein Zuschauer wohl aus rassistischen Gründen den gabunischen Nationalspieler mit einer Bananenschale. Der englische Fußballverband hat den Übeltäter ermittelt und ihm ein Stadionverbot erteilt; die Polizei nahm den Mann vorübergehend fest.

Der neue Zusammenhalt stärkt Arsenal

Das Geschehen auf den Tribünen konnte Aubameyang allerdings nichts anhaben. Durch seinen zweiten Treffer (56.), der den Rückstand nach Toren von Eric Dier (30.) und Harry Kane (34.) ausgeglichen hatte, gelang dem Angreifer mit dem zehnten Schuss aufs Tor der zehnte Treffer in Serie.

Der Spielverlauf mit der verlorenen ersten und der gewonnenen zweiten Halbzeit infolge des Doppelschlags durch Alexandre Lacazette (74.) und den überragenden Mittelfeldantreiber Lucas Torreira macht Arsenal zu den Stehaufmännchen in der Premier League. Mit 34 Punkten würden die Gunners knapp hinter ManCity auf dem zweiten Rang der Tabelle liegen, würde man nur die zweiten Halbzeiten zählen. "Der Spirit hat sich bei uns am meisten verändert", sagte Xhaka, jeder sei agil auf dem Platz, selbst wenn es mal nicht so laufe.

Der neue Zusammenhalt bei Arsenal lässt sich an der Defensivarbeit erkennen, bei der sich kein Spieler mehr das Recht herausnimmt, die Kollegen für sich schuften zu lassen. "Wir haben Mentalität ohne Ende", findet Leno: "Unser Trainer möchte ein Team sehen, das ist wichtig für ihn. Unai ist keiner, der sich einzelne Spieler herauspickt. Er behandelt jeden gleich, egal ob er jung ist, erfahren oder ob er einen bekannteren Namen hat."

Im Gegensatz zu Wenger, der die Spieler sich vorrangig selbst überließ, kann Emery in der Trainerzone kaum stillhalten. Mit seiner Umstellung in der Schlussphase auf vier zentrale Mittelfeldspieler und zwei Angreifer leitete er die entscheidenden Tore ein. "Unai lebt das Spiel einfach, und das sieht man an unserer Spielweise. Er hat so viel Emotion", sagt Leno. In den Übungseinheiten trainiere Emery fast mit der Mannschaft mit, erzählt Xhaka. Er mache die Übungen vor. Und er führe sogar die gegnerischen Standards in der Spielvorbereitung aus.

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SZ vom 04.12.2018/ebc
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