Süddeutsche Zeitung

Arminia Bielefeld:Ein Zweitligist mit Spielidee

  • Beim 1:1 gegen den VfB Stuttgart zeigt Arminia Bielefeld, warum der Klub die Überraschungsmannschaft dieser Saison ist.
  • Die Fußballinteressierten solten sich mit dem Gedanken anfreunden, dass der erste Anwärter auf die erste Liga Bielefeld, der bescheidene Wanderer zwischen den Ligen eins, zwei, drei und vier, ist.
  • Zu den Ergebnissen der 2. Liga geht es hier.

Kurz nach 22 Uhr Ortszeit war es, als im Stuttgarter Stadion erstmals eine Umkehr der akustischen Verhältnisse zu beobachten war. Während die Bielefelder Fankurve von Minute zu Minute lauter zu werden schien, verstummten weite Teile des restlichen Stadions. Nach dem Schlusspfiff waren dann sowieso nur noch die etwa 2000 Arminen-Fans zu hören.

Nun wäre solch ein Zuschauerverhalten am Ende des 25. Spieltages unter anderen Umständen wohl ein wenig ungewöhnlich gewesen. Schließlich gab es ja keinen 0:4 -Auswärtssieg zu bestaunen, sondern nur ein schnödes 1:1. Doch der völlig verdiente Zähler für die Bielefelder, der bedeutete eben doch ein bisschen mehr als die Aufstockung des eigenen Punktekontos von 50 auf 51. Er bedeutete zum Beispiel, dass sich die Fußballinteressierten langsam aber sicher mit dem Gedanken anfreunden sollten, dass der erste Anwärter auf die erste Liga nicht die üppig finanzierten Vereine aus Hamburg oder Stuttgart sind. Sondern eben Bielefeld, der bescheidene Wanderer zwischen den Ligen eins, zwei und drei, der 2009 letztmals erstklassig kickte.

Ein Auswärtspunkt, der sich feiern lässt wie ein Sieg

Dank der Punkteteilung beim ärgsten Verfolger hat die Arminia nun allerdings neben dem deutlich besseren Torverhältnis immer noch satte sechs Punkte mehr auf dem Konto als der VfB, der - wäre es beim Spielstand geblieben, der bis zur 76. Minute Bestand hatte - auf drei Zähler herangerückt wäre. Da lässt sich so ein Auswärtspunkt schon mal feiern wie ein Sieg. Die Stuttgarter Anhängerschaft beobachtete das derweil nicht ohne Neid. Beim nächsten Heimspiel Anfang April geht es wieder um sehr viel, wenn Anfang April der derzeitige Tabellen-Dritte aus Hamburg vorbeischaut. Aber dann, so Volkes Stimme auf dem Nachhauseweg, "isch ja eh Geischderspiel. Die arme Geischder". Angesichts des sich ausbreitenden Virus könnte das eine treffende Prognose sein.

Während das fast zeitgleich stattfindende Spitzenspiel der zweiten französischen Liga zwischen Lens und Orléans am späten Nachmittag abgesagt worden war, war das Stuttgarter Stadion nicht schlechter gefüllt als an einem ganz normalen Montagsspiel. Über 54 000 Menschen sahen dabei ein Spiel, das für Menschen, die den Strafraum für den eigentlich interessanten Bereich des Spielfeldes halten, eher durchschnittlich unterhaltsam sein mag.

Ein Stuttgarter Sieg wäre nicht verdient gewesen

Aus dem ersten Durchgang gab es tatsächlich nichts zu berichten, was einer der beiden Keeper stolz zu Hause referieren müsste. Aber immerhin einmal zeigten einer derjenigen Spieler, die auch schon problemlos in der ersten Liga am Ball waren (und die mit ein, zwei Ausnahmen allesamt ein Stuttgarter Trikot trugen), was er nicht verlernt hat: nach einem perfekt getimten langen Ball von Wataru Endo legte Gonzalo Castro in vollem Lauf per Außenrist auf Gomez ab, der dann allerdings eher an den Torwart als an den Ball kam. Technisch perfekt war Castros Vorarbeit aber dennoch. Auch beim einzigen Stuttgarter Treffer durch Gomez (53.) war die Vorarbeit sehenswerter als der Abschluss. Nicolas Gonzalez schoss eine optimale Flanke für einen Mittelstürmer, der in seiner Karriere nicht oft so frei zum Köpfeln gekommen sein dürfte wie Gomez.

Ein Stuttgarter Sieg wäre allerdings nicht verdient gewesen, dazu verteidigte Bielefeld im ersten Durchgang zu gut. Dazu machte Stuttgart zu viele Fehler im Aufbauspiel. Und dazu zeigte der Gast im zweiten Durchgang zu eindrucksvoll, warum er die Überraschungsmannschaft dieser Bundesligasaison ist. Weil er als Mannschaft funktioniert und unter Trainer Uwe Neuhaus eine Spielidee hat, die in der Zweiten Liga vielerorts noch verpönt ist. Der Ball bleibt am Boden, es wird Fußball gespielt.

Flanken in die Sturmspitze sind natürlich auch unter Neuhaus erlaubt: Nach einer vergebenen Doppelchance durch einen Doppel-Kopfball von Fabian Klos (75.) schoss Cebiou Soukou den Ausgleich (76.), ehe Soukou und Sven Schipplock einen Konter so hampelig ausspielten, dass es bei einem 1:1 blieb, das den Stuttgartern nun wie ein Punktgewinn vorkommen musste. "Am Schluss war Bielefeld näher am 2:1 dran", gab auch VfB-Keeper Gregor Kobel zu, während Arminen-Trainer Neuhaus "noch viele Stolpersteine" auf dem Weg zum Aufstieg sah. Nicht ganz so viele schien sein Kollege Pellegrino Matarazzo ausgemacht zu haben: "Sie sind die stabilste Mannschaft und stehen zurecht ganz oben."

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