Süddeutsche Zeitung

2. Liga:Alles geht die Pader runter

Der SC Paderborn kann den freien Fall nicht stoppen und steigt in die dritte Liga ab. Stefan Effenberg trifft allerdings nicht alleine die Schuld an der beispiellosen Misere.

Sehr wahrscheinlich erinnern sich in Paderborn noch ein paar Menschen an Uwe Hünemeier. Fast 1,90 Meter groß und Abwehrchef des SC in der Bundesliga, Typ: Verlässlicher Turm in der Schlacht. Vor der Saison wechselte er für 2,7 Millionen Euro Ablöse zum englischen Zweitligisten Brighton & Hove Albion. Brighton spielt gerade um den Aufstieg in die Premier League und Paderborn, das weiß man seit Sonntag, hat es als einer von sieben Vereinen geschafft, von der ersten direkt in die dritte Liga durchzurauschen. Wäre das mit Hünemeier auch passiert?

Natürlich ist diese Frage unmöglich zu beantworten, aber der Abgang des wichtigen Stabilitätsankers war vielleicht der erste Schritt Richtung Verderben. Markus Gellhaus, der Nachfolger von André Breitenreiter als Trainer, schaffte es jedenfalls schon nicht, aus dem vorhandenen Kader eine konkurrenzfähige Truppe zu formen. Als er im Oktober 2015 gehen musste, hatte Paderborn gerade mal sieben Punkte.

Dann kam natürlich Stefan Effenberg und es wäre nun einfach, ihm eine große Mitschuld an der Saison zu geben. Aber faktisch war er der zweite Cheftrainer ohne Cheftrainer-Erfahrung, dem die Vereinsführung in Paderborn das Kommando übertrug. Es folgten Siege zu Beginn von Effenbergs Engagement und anschließend mysteriöse Suspendierungen - unter anderem von Stürmer Srdjan Lakic - und ein peinliches Trainingsplager in der Türkei, wo der Präsident und Mäzen Wilfried Finke im Anschluss darüber referieren musste, wer, wann, wo seine Hose runtergelassen hatte, wer welchen Blumenkübel in den Pool geworfen hatte und wann Stefan Effenberg zu Bett gegangen ist.

"Ich glaube, der Verein an sich hat komplett versagt", kritisierte Mittelfeldspieler Moritz Stoppelkamp nach dem Abpfiff am letzten Spieltag. Stoppelkamp ist einer der wenigen, die auch schon in der Bundesliga dabei waren. Weil er damals ein Tor aus 82,3 Metern schoss, das zum Tor des Monats gewählt wurde, gibt es eine Stoppelkamp-Allee vor dem Paderborner Stadion. "Der Abstieg heute fühlt sich definitiv schlimmer an als der vergangenes Jahr aus der Bundesliga", sagte Stoppelkamp. Die Fans reagierten wütend: Sie zündeten schwarze Rauchbomben und schwenkten dazu ein Transparent mit dem Schriftzug "Ihr Versager".

Präsident Finke tritt zurück

Es hat", sagte Abwehrspieler Thomas Bertels, "vom ersten Tag an nicht gepasst. Da hätten wir noch vier oder fünfmal den Trainer wechseln können." Alle drei Trainer (nach Effenberg kam noch René Müller) haben auch eine ähnliche Punkte-Bilanz, wobei das Team unter Müller in den letzten Spielen vielleicht den besten Fußball zeigte und gegen die Spitzenteams aus Freiburg (32. Spieltag, 1:2) und Nürnberg (34. Spieltag, 0:1) auch wahnsinnig viel Pech hatte. Müller wird in der dritten Liga Cheftrainer bleiben.

Sicher ist in Paderborn aber auch: Der Klub muss künftig sparen. Das TV-Geld reduziert sich um rund 90 Prozent auf nur noch 750 000 Euro, zudem läuft der Vertrag mit dem Trikotsponsor aus. Der Gesamtetat von ungefähr 20 Milionen Euro muss halbiert werden. Einigen Mitarbeitern auf der Geschäftsstelle droht allerdings die Kündigung. Offen sind die Besetzung des Trainerpostens und die Planung des neuen Kaders, einen Sportdirektor gibt es seit der Entlassung von Michael Born im vergangenen März ohnehin nicht mehr. Dessen Vertrag und der von Stefan Effenberg wird allerdings mit dem Abstieg ungültig - beide müssen nicht mehr bezahlt werden.

Nur drei Spieler besitzen Verträge für die dritte Liga

Präsident Finke ist am Pfingstmontag als Präsident zurückgetren. Sein Nachfolger ist Martin Hornberger, der bisherige Geschäftsführende Vizepräsident und Gesamtgeschäftsführer. "Die vergangenen 20 Jahre haben mir viel Freude bereitet, aber auch viel Kraft gekostet", sagte Finke: "Auch wenn die jüngste sportliche Entwicklung nicht unseren Wünschen entspricht, ziehe ich dennoch ein positives Fazit."

Als Sponsor will er dem Klub aber weiter erhalten bleiben, er ist Inhaber der Möbelhauskette Finke. Immerhin kann der SCP die neue Spielzeit schuldenfrei angehen. Mit TV-Geldern aus der Erstligaserie 2014/15 und Transfererlösen hat er alle Verbindlichkeiten abgelöst. Bei der Mitgliederversammlung im November 2015 wurde ein Eigenkapital von knapp 1,4 Millionen Euro bilanziert.

Geld ist also ein bisschen da, aber kein Kader mehr. Nur drei Spieler besitzen Verträge für die dritte Liga, keiner davon ist Stammspieler. Der SC Paderborn muss sich nun komplett neu erfinden. Der bisher letzte Klub, der direkt von der ersten in die dritte Liga abgestiegen ist, war der FC St. Pauli. Und der hat es immerhin wieder in die zweite Liga geschafft. Allerdings erst nach vier Jahren in der damaligen Regionalliga Nord.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2995479
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
sz.de/schm/sid/dpa/schma
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.