Süddeutsche Zeitung

1860 München:Ein Team, ein Budget

Der Fußball-Drittligist hat nach der Etaterhöhung dank Investor, Hauptsponsor und ungewohnter Zusammenarbeit nun Planungssicherheit für zwei Jahre - für Sport-Geschäftsführer Gorenzel ist das ein "Quantensprung".

Von Philipp Schneider

Ein kleiner Windstoß erfasst plötzlich den Werbeaufsteller, den sie vorne neben der Bühne errichtet haben. "Endlich eine Versicherung, die umdenkt", war gerade noch darauf zu lesen. Aber nur solange, bis er umfällt. Günther Gorenzel läuft hin, bringt den Aufsteller wieder in die Senkrechte. Dann bleibt der Geschäftsführer Sport des TSV 1860 München bis zum Ende der Veranstaltung tapfer vor dem Aufsteller stehen. Sicher ist sicher. Und tatsächlich: Kein weiteres Unglück wird mehr geschehen auf dieser ungewöhnlichen Pressekonferenz, zu der der Fußball-Drittligist am Dienstag auf die Terrasse vor dem Löwenstüberl geladen hat.

Ungewöhnlich, weil es eigentlich keinen konkreten Anlass gibt. Und nach einer Weile des Lauschens dämmert es dem Zuhörer: Wohl zum ersten Mal in seiner Geschichte hat der TSV 1860 die Presse einfach mal geladen, weil im ganzen Klub so gute Stimmung herrscht!

"Die Marketing-Werte sind in der zweiten Liga für uns wertvoller", sagt Marketing-Chef Zech

Passend dazu scheint die Sonne herunter auf die drei Protagonisten ganz vorne. Außer Gorenzel sind Marc-Nicolai Pfeifer, der neue Geschäftsführer Finanzen, und Joachim Zech erschienen, der Marketing-Chef von Hauptsponsor "die Bayerische", der den Aufsteller mitgebracht hat. "Bevor die Herren einen Sonnenbrand bekommen, fangen wir besser an", sagt Pressesprecher Reiner Kmeth. Pfeifer legt los.

Es gibt in diesen Tagen ein alles überstrahlendes Thema bei 1860: die in der vergangenen Woche beschlossene Etaterhöhung um zusätzlich eine Million Euro vom Hauptsponsor - die nach einer erstaunlich kurzen Diskussionsphase von beiden Gesellschaftern abgesegnet wurde.

Umgedacht, wie der Aufsteller verspricht, hat die Versicherung ja tatsächlich ein wenig: Sie hat erkannt, dass das Sponsoring eines ewigen Drittligisten wenig Sinn ergibt. Also hat sie nun den Etat so stark aufgestockt, dass es reichen könnte für den Aufstieg. Natürlich darf dieses Ziel von den sportlichen Verantwortlichen keiner so aussprechen. Das zöge nur eine anstrengende Erwartungshaltung im Umfeld mit sich. Von einer "Mission Comeback" war deshalb in der Pressemitteilung die Rede, nicht von einer "Mission Aufstieg".

Um den Aufstieg geht es natürlich trotzdem. Zumindest Marketing-Chef Zech wird recht deutlich. Er sagt: "Es wäre ein Traum, wenn 1860 wieder in der zweiten Liga spielen würde." Als Gegenleistung für die zusätzliche Million hat die Versicherung zusätzliche Rechte an digitalen Inhalten erhalten (Podcast, Streaming). "Mannigfaltige Rechte" habe man erworben, sagt Zech, und: "Die Marketing-Werte sind in der zweiten Liga für uns wertvoller." Das sei für die Entscheidung der Versicherung "maßgeblich" gewesen.

Pfeifer spricht am Dienstag etwas zurückhaltender. "Wir hatten sehr ereignisreiche und erfolgreiche Tage und wollten den Tag nutzen, allen Beteiligten zu danken", sagt Pfeifer zu der Motivation für diese durchaus ungewöhnliche Pressekonferenz. Dass Sechzig in diesen Tagen so gut dastehe, habe der Klub "professionellen Abläufen" und dem "Einsatz vieler beteiligter Personen" zu verdanken. In Anlehnung an das von Günther Gorenzel für den sportlichen Bereich ausgegebene Motto "Ein Team, ein Weg" habe er sich eines für seinen Finanzbereich überlegt. Es lautet: "Ein Team, ein Budget."

Dieses Spielerbudget ist für zwei Jahre gesichert und beträgt in der ersten Saison rund 4,5 Millionen Euro. Konkrete Zahlen nennt Pfeifer nicht. Die kolportierte Summe aber ist stattlich für einen Drittligisten.

Pfeifer dankte selbstredend auch den 8600 Fans, die bereits Dauerkarten erwarben trotz der ungeklärten Frage, ob und wann wieder Zuschauer ins Stadion dürfen. 70 Prozent von ihnen verzichteten auf eine Rückzahlung im Falle eines andauernden Zuschauerausschlusses.

Langjährige Beobachter staunen derzeit über den Positivlauf der Ereignisse

"Wenn du mehr Geld zur Verfügung gestellt bekommst, so bin ich erzogen worden, sollte man Danke sagen", findet auch Gorenzel. Er sei seit drei Jahren zuständig für die Kaderplanung bei 1860, aber so blendend wie derzeit sei es ihm noch nie gegangen im Amt. Nachdem er seinen Kader bekanntlich nie länger im Voraus planen konnte als bis zur nächsten Straßenecke, habe der sportliche Bereich in den vergangenen Tagen einen "Quantensprung" erlebt, frohlockt Gorenzel. "Wir wissen jetzt schon, wie viel Geld für die Saison 2021/22 zur Verfügung haben!"

Langjährige Beobachter staunen derzeit über den Positivlauf der Ereignisse bei Sechzig. Neben der Etaterhöhung gab es zuletzt zwei neue Spieler, eine Qualifikation für den DFB-Pokal und zum Abschluss der Woche noch einen Sieg gegen Zweitligist Würzburg im Finale des Toto-Pokals. Und auch jenseits der Geschäftsstelle und des Fußballplatzes geschehen unfassliche Dinge: Am Himmel über dem Trainingslager flatterte unlängst eine sogenannte "Sky-Message" am Heck eines Flugzeugs. "Danke Hasan" stand darauf. Und als Vizepräsident Heinz Schmidt am vergangenen Sonntag Geburtstag feierte, hatte er plötzlich eine Gratulation im digitalen Postfach. Absender: Hasan Ismaik.

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SZ vom 09.09.2020
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