Süddeutsche Zeitung

1. FC Nürnberg:Der  Meerrettich-Baron gibt nicht auf

Der Unternehmer Hanns-Thomas Schamel will bei der Online-Mitgliederversammlung in den Aufsichtsrat - so wie 17 andere Bewerber auch, es gibt aber nur drei freie Plätze.

Von Markus Schäflein

Es wird eine Mammutveranstaltung in jeglicher Hinsicht. Mit bis zu 8000 zugeschalteten Mitgliedern wird gerechnet, wenn der 1. FC Nürnberg am Dienstagabend ab 18.30 Uhr seine Online-Versammlung abhält - ein Viertel der Vereinsmitglieder wäre dann dabei. Drei Plätze im Aufsichtsrat des Fußball-Zweitligisten sind neu zu vergeben - und sage und schreibe 18 Kandidaten treten an. Weil sich jeder Bewerber mit einem dreiminütigen Video vorstellen darf, wird allein die Präsentation eine ganze Stunde dauern. Und zuvor muss abgestimmt werden, ob die Wahlen überhaupt stattfinden - es liegt ein Antrag des oppositionellen Mitglieds Fritz Sörgel vor, dass sie bei einer außerordentlichen Mitgliederversammlung im Februar oder März 2021 nachgeholt werden sollen, da nicht ausreichend Zeit gewesen sei, wirklich geeignete Kandidaten zu finden. Dazu kommen noch ganze 17 satzungsändernde Anträge von A bis Q. Zudem ist mit einer Flut an Fragen via Chat zu rechnen.

"Ich glaube nicht, dass wir deutlich vor Mitternacht fertig werden", sagt der zur Wiederwahl ins Gremium stehende Aufsichtsratsvorsitzende Thomas Grethlein. Viele Anträge kommen aus seiner Sicht zustande, "weil es online ist und sich viele mit dieser Form der Veranstaltung befassen". So wollen einige Mitglieder die virtuelle Version auch für Post-Corona-Zeiten zur Regel machen. Für die Aufsichtsrats-Bewerber sei ein Video vielleicht "leichter, als sich vor 1500 oder 1800 live zu präsentieren", meint Grethlein - und dazu könnten "die schlechten sportlichen Ergebnisse in der letzten Saison" einige der 18 Interessenten zum Antreten motiviert haben.

Bei einer solchen Zahl an Kandidaten fällt der Blick natürlich auf die bekanntesten - und bekannt ist in Franken ohne Zweifel der so genannte "Meerrettich-Baron" Hanns-Thomas Schamel, Gesellschafter der Schamel Meerrettich Gruppe. Der 66-Jährige war schon zwei Mal im Club-Aufsichtsrat, konnte für seine Vorstellungen dort aber bisher nie eine Mehrheit finden und wurde 2018 nicht mehr gewählt. "Der Club braucht eine Neuausrichtung im Aufsichtsrat. Ich sehe nach dem Fast-Abstieg großen Bedarf für eine Wende", sagt er, "ich wollte immer das gleiche Ziel durchsetzen: endlich ein langfristiges Konzept einführen. Wir hatten in den letzten sechs Jahren sechs Vorstände und neun Trainer - so etwas kann nicht funktionieren." Diese hätten "immer wieder neue so genannte Philosophien" mitgebracht - aus Schamels Sicht hat aber der Aufsichtsrat "automatisch die Richtlinienkompetenz, weil er laut Satzung die Vorstände ja einstellt und entlässt". Wenn dieses Gremium keine Leitlinien vorgebe, sei "jeder der richtige, der gerade einen guten Eindruck macht oder ein schönes Gesicht".

Nun will Schamel nicht den Eindruck erwecken, er störe sich an den Gesichtern von Dieter Hecking und Robert Klauß - ganz im Gegenteil. Der Sportvorstand und der Trainer seien "Glückstreffer, denn aus einem Konzept sind sie ja nicht hervorgegangen" - er will ihnen aber viel Zeit und Vertrauen geben. Der Club brauche "endlich Kontinuität".

Für eine solche Kontinuität stand der bisherige Aufsichtsrat kaum, weiter kritisieren will Schamel das Gremium aber nicht. Er tritt als Einzelkandidat an, nicht mit zwei Mitstreitern für die drei Plätze: "Ich habe das mit der Opposition 2014 gemacht, um auf einen dringenden Missstand hinzuweisen, den im Nachhinein auch jeder gesehen hat - aber als Oppositioneller möchte ich nicht mehr gesehen werden." Schamel wurde mit der Forderung nach Entlassung der Vorstände Martin Bader/Ralf Woy damals nicht gewählt, seine blassen Mitstreiter auch nicht.

Also könnte es dazu kommen, dass sowohl der Meerrettich-Baron als auch Grethlein gewählt werden, wenngleich die beiden in der Vergangenheit öfters aneinander gerieten. Schamel sagt: "Ich trete nicht gegen Herrn Grethlein an, sondern für den Club." Im Falle einer Wahl will er dann "die anderen Ratsmitglieder von der Notwendigkeit eines langfristigen, planvollen Konzepts" überzeugen.

Unter den 18 Bewerbern um drei Plätze - die bisherigen Amtsinhaber Günther Koch und Stefan Müller treten nicht mehr an - finden sich noch weitere interessante Personalien. Aus den Reihen ehemaliger Spieler treten Martin Driller, Chhunly Pagenburg und der ewige Kandidat Marc Oechler an. Der Immobilienmakler Siegfried Schneider, einst Vizepräsident unter Michael A. Roth, ist auch mal wieder dabei. Regional bekannt sind zum Beispiel Robert Ilg, Bürgermeister von Hersbruck, Matthias Fifka, Professor für Management, und Hannes Erhardt, Geschäftsführer des Evangelischen Siedlungswerkes.

Brisanz birgt ein satzungsändernder Antrag des Mitglieds Reiner Kurzmann zum Vereinsgelände, wo 2021 das Nießbrauchsrecht des e.V. kündbar ist. Künftig soll es heißen: "Die Mitgliederversammlung entscheidet (...) über die Veräußerung oder Abtretung von Grundstücken, Teilen von Grundstücken und grundstücksgleichen Rechten. Einer Zustimmung bedarf es in jedem Fall einer 2/3-Mehrheit der Mitgliederversammlung." Zur Begründung erklärte Kurzmann, es dürfe "keinen Ausverkauf des Tafelsilbers oder Teilen davon ohne die Zustimmung der Mitgliederversammlung" geben. Über die Idee, Teile des Geländes zur Wohnbebauung zu verkaufen, um die klammen Kassen aufzufüllen, wird beim FCN seit Langem spekuliert. Bisher reicht laut Kurzmann hierfür "die einfache Mehrheit des Aufsichtsrates" aus.

Zudem möchte der Aufsichtsrat eine Passage aus der Satzung entfernen lassen, nach der 500 Mitglieder ausreichen, um eine außerordentliche Versammlung zu beantragen. Künftig soll hierfür ein Zehntel, also rund 2000, nötig sein. Da meldete sich Grethleins größter Kritiker Sörgel, der sich aus Zeitgründen nicht zur Wahl stellt und auch kein Team gefunden hat, noch einmal: "Wenn dieser Antrag durch den Trick des Sammelantrags durchgeht, wird der Verein auf lange Zeit nicht mehr aus seinen verkrusteten Strukturen herauskommen."

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Quelle:
SZ vom 17.10.2020
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