Süddeutsche Zeitung

Wandern in der Haute Provence:Spur der Steine

Wanderer in der Haute Provence gelangen an Orte, die schon verloren gegeben waren. In spektakulärer Landschaft werden alte Häuser hergerichtet - um so die Entvölkerung der Dörfer aufzuhalten.

Von Claudia Tieschky

Eine Stadt aus weißen Zelten, kegelförmig wie Indianer-Tipis. Sehr hoch oben. Sonst nichts als ein weiter, großer, kahler Berg. Ist das Amerika?

Ach, Amerika, von wegen! Es ist das arme alte Europa, Frankreich, in den Bergen der Haute Provence nahe der Grenze zu Italien. Anfang des 20. Jahrhunderts muss die Aufnahme entstanden sein. Sie zeigt einen rätselhaften historischen Ökokrimi.

Jetzt steht man hundert Jahre später im Jahr 2014 in Grenznähe zu Italien, mit Rucksack und Regenjacke vor demselben und doch völlig verwandelten Bergrücken im Haut Verdon. Erst nach und nach wird man auf dieser Reise begreifen, was genau mit Retrouvance gemeint ist, diesem Wort, das die Forstbehörde für Wanderungen wie diese erfunden hat und das ungefähr "Wiederfinden" bedeutet: eine Reise an Orte, die schon verloren gegeben waren.

Im Moment allerdings ist man vollauf mit eigenen Erfahrungen beschäftigt. Der Pfad windet sich schmal wie ein Fenstersims an den Felsen entlang, dann geht es hinunter in die Tiefe der Gorges de Saint-Pierre, eines spektakulären Canyons. Die Sonne hat sich verzogen, es regnet leicht, und es ist kühlschrankkalt geworden - auf über 1500 Metern kann das schnell gehen. Und das ist jetzt der Moment, um von den großartigen französischen Förstern zu sprechen. Es ist wahr, in dieser Lage würde man auch einen kleinen bösen Märchenzwerg für vertrauenerweckend halten, wenn er einem über die blöde Schwindelangst weghelfen würde. Aber Michaël Reboule ist keinem Märchen entsprungen. Er hat einen beeindruckenden Schnauzbart und trägt ein hellbraunes Filzbarett. Als Fachmann vom Office National des Forêts (ONF) ist er nicht nur mit dem Wald, sondern auch mit der Angst der Menschen vertraut. Jetzt löst er ohne viel Aufhebens eine Leine an seinem Rucksack und gibt sie einem in die Hand. Es ist komisch, aber: Das Seil gibt sofort Sicherheit.

Das Ziel ist die Hütte Congerman, eines der mehr als 40 abgeschiedenen Häuser und Hütten des ONF, die als Etappenziele bei den mehrtägigen Wanderungen dienen. Wer nicht gehen mag, kann die Forsthäuser als Ferienwohnung mieten. Inzwischen haben auch Reiseanbieter außerhalb Frankreichs die ONF-Gruppenreisen im Angebot, sie sind auf maximal zwölf Personen begrenzt. Allerdings ist die Retrouvance mehr eine gesellschaftliche Idee als ein Touristik-Label.

Michaël Reboule wird dort oben - während die Wanderer nach einem letzten, fast einstündigen scharfen Anstieg auf 1850 Meter ihre Brotzeitpakete leer essen und er mitgebrachtes Ratatouille-Gemüse hinter seinen Bart befördert -, erklären, wofür Congerman einst diente. Und er wird das rätselhafte Foto mit den weißen Zelten zeigen. Die Verwandlung ist offensichtlich. Heute ist der Berg nicht mehr kahl, sondern vollkommen bewaldet. Dafür sorgten die Menschen in der Zeltstadt, wenn auch nicht ganz freiwillig: Sechzig Familien aus dem Dorf Colmars im Tal hat man Anfang des vorigen Jahrhunderts von Juni bis September auf die Höhe verfrachtet.

Dort verbrachten sie ihre Zeit damit, Schwarzkiefer-Setzlinge in die von Erosion und Unwettern beschädigten Böden zu pflanzen. Die Wiederaufforstung wurde in dieser Zeit in ganz Frankreich vom Staat autoritär betrieben, Enteignungen waren erlaubt. Aufsicht führten die Förster, für sie baute man Steinhäuser, die der ONF heute vermietet. Alle Wälder hier, sagt Michaël auf dem Rückweg, als der Regen vom dunkelgrünen Blätterdach auf sein Filzbarett tropft, "sind künstlich".

Wer Luxus sucht, liegt hier falsch

In gewisser Weise, so versteht man es nach und nach, will der ONF mit seinem Projekt nun eine Anstrengung unternehmen, die dem Bäumepflanzen gar nicht so unähnlich ist. In den abgelegenen Gegenden, von denen Frankreich reichlich hat, ziehen die Menschen weg, um Arbeit zu finden. Wer beim ONF oder seinen Kooperationspartnern eine Wanderung bucht, kauft auch eine Dienstleistung aus der unmittelbaren Umgebung ein. Zu den Regeln gehört, dass ein "Logistiker" beschäftigt wird. Er bringt Essen aus Restaurants für die Wanderer und transportiert ihr Gepäck: ein Kulissenschieber für den ungetrübten Naturgenuss der Touristen.

Im Haut Verdon zum Beispiel führt der Weg durch Hochebenen, für die Google Maps keine Namen mehr hergibt. Wer Luxus sucht, ist hier falsch, Mehrbettzimmer sind in den ONF-Häusern die Regel, die Elektrizität aus der Wasserturbine kann zicken, Steckdosen für den Haartrockner sind rar, wer ein Barett zur Hand hat, ist, was das Styling betrifft, eindeutig im Vorteil. Der Weg führt auch in das einst verlassene Dorf Peyresq, das am Hang gebaut ist und 1954 vollkommen neu als Begegnungsstätte aufgebaut wurde.

Die Retrouvance führt zurück in der Zeit. Das große Abholzen begann im 19. Jahrhundert. Die Industrie, deren Aufstieg nicht zu bremsen war, funktionierte fast ausschließlich mit Holz. Holz für Eisenbahnschwellen, Holz für Stützbalken im Bergbau, Holz für den Bau neuer Viertel in den Städten. Dabei hatten die Herrscher in Paris das Problem erkannt, sie waren nur meistens mit anderen Dingen beschäftigt. Schon Napoleon Bonaparte zeigte Interesse am Waldproblem. Bei einem Besuch im Département Landes versprach er 1808 helmutkohlartig blühende Forstlandschaften. Aber erst um 1860 kam der Plan, dem alles radikal untergeordnet wurde.

"Ideen sind stärker als Vorurteile, nicht wahr?"

Diese erste Ökobewegung war keine der naturbewegten Herzen, sondern von oben verordnet und straff organisiert. Niemand sang "Mein Freund der Baum". Dafür hat später ein anderer das Ganze mit Poesie unterlegt. Der provenzalische, weltberühmte Schriftsteller Jean Giono schilderte in einer Kurzgeschichte von 1953, wie der Hirte Elzéard Bouffier über viele Jahre hinweg mit buddhistischer Gelassenheit Setzlinge in den Boden pflanzt und eines Tages auf einen Wald als Lebenswerk blickt. "Der Mann, der Bäume pflanzte" ist so etwas wie "Der Kleine Prinz" der Wiederaufforstung. Elf Jahre später, 1964, wird der ONF gegründet.

Agnielles gibt es nicht mehr

Begonnen hat das Projekt vom Wiederfinden zuerst im oberen Tal des unaussprechlichen Baches Buëch. Die Gegend - dunkel und waldreich - liegt zwischen der schon dem Süden zugewandten Gemeinde Sisteron und dem 1200 Meter hohen Col de la Croix Haute, einem Pass, der in Richtung Grenoble führt. Hinterland des Hinterlands. Bewirtschaftet wird hier vom ONF zum Beispiel ein Haus im einstigen Dorf Agnielles.

Agnielles gibt es nicht mehr. Die Tafeln, die zur Erklärung aufgestellt sind, lesen sich wie ein Requiem: 1806 lebten dreihundert Menschen hier; 1910 nur noch hundert. Die Böden sind beschädigt, die Ernten schlecht, der Aberglaube blüht. 1934 verkaufen die meisten Familien ihren Besitz an den Staat, der die Wiederaufforstung betreibt. Als sie gehen, nehmen sie alles mit, was aus Holz ist und sich verkaufen lässt, als Kapital für den Neuanfang, Türen, Fensterstöcke, Dachbalken. Wie nach einem Feuer bleiben nur die Steine stehen. Das Feuer von Agnielles heißt Armut.

Davon muss man keine Ahnung haben, wenn man von Agnielles morgens durch einen sonnenwarmen Kiefernwald zum Col de Lautaret auf 2000 Meter Höhe steigt. Oben ist Handschuhwetter, und später an diesem Tag trifft man den Mann, der sich das Projekt Retrouvance 1996 ausgedacht hat. Jean-Luc Rouquet ist 60 Jahre alt, weiße Haare, feine Brille, Försterkhaki. Er sagt, ihm sei bei seinem ersten restaurierten Forsthaus einfach klar geworden: Dies ist das letzte Haus des Dorfes. Mit ihm würde die Erinnerung an die Menschen und ihre Zivilisation verschwinden. Die wollte er schützen.

"Die Legitimation einer Gegend ist nicht ihr Wald", sagt Jean-Luc Rouquet, und das ist für einen Förster ein gewaltiger Satz. Also suchte er weitere Häuser, um einen Rundweg zu bauen. Oft hörte er, das sei Quatsch, aber er setzte den Quatsch durch. Region, Staat und Europäische Union gaben die Anschubfinanzierung, jetzt trägt es sich, kleine Profite werden rückinvestiert. 200 Leute beschäftigt das Projekt in Frankreich. "Es ist nur ein kleines Unternehmen", gibt Jean-Luc Rouquet zu, aber schließlich wolle man Nachhaltigkeit, keinen Massentourismus.

Außerdem rechnet er sowieso anders. Drei Paare, die in einer Gegend bleiben, das bedeutet wahrscheinlich sechs Kinder, und die Chance steigt, dass die Dorfschule erhalten bleibt. Er lächelt, er weiß, dass man ihn auch für einen Narren halten kann. Deshalb setzt er noch eins drauf. Übrigens verlange er für die Miete keine Anzahlung, da sei eben eine Vertrauensbasis - "für mich ist das eigentlich ein Experiment", so Rouquet. Zum Abschied sagt er: "Die Moral der Geschichte ist doch, dass Ideen stärker sind als Vorurteile, nicht wahr?" Jean-Luc Rouquet wäre nach dem Geschmack von Jean Giono. Ein Mann voller Idealismus, der gestressten Stadtmenschen das gibt, was sie am meisten suchen: Ruhe vor der Welt. Denn ist es nicht so, dass Zivilisationsferne gerade das ist, was der beschleunigte Mensch heute will? Es ist ein ewiges Hin und Her. Man will eben beides.

Und deswegen ist es auch richtig, dass es einer der einst ganz besonders schlimmen Holzfresser ist, mit dem man auf die wirklich schönste Art von den einsamen Höhen des Haut Verdon wieder wegkommt - die berühmte historische Eisenbahnlinie ab Digne-les-Bains, die Pinienbahn: Im Waggonfenster wird die Landschaft nach jedem Tunnel lieblicher, bis der Zug in Nizza einfährt, wo selbst die Förster Badehose tragen.

Informationen

Reisearrangement: In Deutschland bietet Wikinger Reisen in Zusammenarbeit mit der Waldbehörde Office National des Forêts (ONF) unter dem Titel "Verschwundene Dörfer" zehntägige Wanderreisen in den Pyrenäen, im Nationalpark Mercantour und der Haute Provence an. Kosten pro Person inklusive Flug nach Marseille, Transfers, Übernachtungen und Verpflegung ab 1530 Euro, www.wikinger.de; Informationen zum Projekt Retrouvance im Internet unter www.onf.fr/retrouvance

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Quelle:
SZ vom 23.10.2014/ihe
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